+
Die Früchte auf Karin Kneffels ?Apfel?-Bild von 1994 sehen zum Anbeißen aus. Aber ihre malerische Perfektion hat auch etwas Unheimliches. Abbildungen: VG Bild-Kunst

Sinclair-Haus Bad Homburg

Verbotene Früchte sind erlaubt

Rund 80 Werke aus der Sammlung des Heidelberger Unternehmers Rainer Wild sind im Sinclair-Haus unter dem Ausstellungstitel „Sünde und Erkenntnis“ versammelt.

Er muss schon eine Weile liegen, wie seine braune Farbe verrät. Um den Stiel herum ist er freilich noch etwas grün. Er könnte also von heute sein. Aber was macht ein abgenagter Apfel in einer Ausstellung, noch dazu unter einer Glashaube geborgen? Gemeinhin sammelt ein Museum wertvolle Objekte, natürlich auch zahlreiche banale Alltagsdinge, um vergangene Zeiten zu dokumentieren. Ein Apfelbutzen gehört sicherlich weder in die eine noch in die andere Kategorie. Doch der britische Künstler Gavin Turk hat den Apfelrest in Bronze nachgebildet und dann täuschend echt bemalt. Ein Einzelstück, kein Auflagenobjekt.

Gavin Turk betreibt ein augenzwinkerndes Spiel mit den Aufgaben von Kunst und Museen, natürlich auch mit dem Apfel selbst, der symbolisch so beladen ist wie keine zweite Frucht. Der Apfel steht für

Adam und Eva

, für die Vertreibung aus dem Paradies, für „Sünde und Erkenntnis“, so der Titel der neuen Ausstellung im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus. „Die Frucht in der Kunst“ verspricht der Untertitel mit rund 80 Werken von 65 Künstlern aus der Zeit von 1900 bis heute. Darunter sind moderne Klassiker wie Alexej von Jawlensky, Emil Nolde oder Giorgio de Chircio, aber auch andere große Namen, wie Joseph Beuys oder Andy Warhol, bis hin zu vielen jungen Künstlern. Zu verdanken ist die Schau dem Heidelberger Privatsammler Rainer Wild, der sich seit 40 Jahren für Kunst begeistert. Erst sammelte er die „Neuen Wilden“ der 80er Jahre, dann die Väter-Generation der Expressionisten.

Als sich Wild entschied, weiterhin die jeweils aktuelle Kunst zu verfolgen, hatte er längst sein Motiv gefunden, die Frucht, die ihn schon früh interessiert hatte. Als studierter Chemiker und Chef einer Getränkefabrik lag das nahe, auch wenn er sich später als Unternehmer neu erfunden und auf andere Branchen verlegt hat. Der inzwischen 73-jährige Sammler erwirbt bis heute unverdrossen die Gegenwartskunst und besitzt nun rund 320 Werke, vor allem Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken, aber auch Skulpturen und einige Videos.

In Bad Homburg ist also ein Viertel der Sammlung bis zum 25. September zu sehen. Aber diese Auswahl ist repräsentativ, versichert Johannes Janssen, der Direktor des Sinclair-Hauses. Und die Mitarbeiter von Rainer Wild müssen in den nächsten zehn Wochen keineswegs darben, denn auch sie können am Firmensitz immer nur einen Teil der Werke betrachten.

Die Symbolik der Früchte steht keineswegs im Zentrum der Sammlung, auch wenn die Klassiker der Moderne etliche schöne Stillleben-Bilder beisteuern. Jüngere Generationen hingegen gehen viel freier mit dem Motiv um. Das war auch früher so, bei Mel Ramos, dessen „Chiquita-Banana“ von 2006 den Besucher begrüßt. Aus der heruntergeklappten Bananenschale kommt, wie könnte es bei Mel Ramos auch anders sein, eine barbusige Schöne, wenngleich nur aus bemaltem Kunstharz. Mit seinen Pin-up-Girls karikierte Ramos einst die Werbung, die mit viel nackter Haut um die Gunst der Käufer buhlte. Heute wirkt dieses grell überzeichnete Frauenbild nicht mehr so recht.

Doch Johannes Janssen verweist zu Recht darauf, dass Rainer Wild seine Sammlung unter vielen Aspekten angelegt hat, von Marc Chagalls Farblithographie eines sich umarmenden Paares unter einem Apfelbaum bis zu den zwölf kleinen Bildern, die Cony Theis 1992 von verrottenden Bananen gemalt hat. So kündigen sich auf einigen Theis-Bildern erste braune Pünktchen an, andere der gelben Früchte sind schon zu braunen Dingern verdorrt. Dazwischen entfaltet sich eine furiose Farbenpracht mit blau-violett-grauen Einsprengseln. Der Hinweis auf die Vergänglichkeit spielt also eine große Rolle, auch bei Fernando Boteros überraschend kühlen Bildern der krummen Frucht oder, schräg gegenüber, Gavin Turks Apfelbutzen unter der Glashaube.

Die Pop-Artisten jedoch malten kein verwelkendes Obst, wie in der zweiten Etage zu sehen ist. Bei ihnen ist immer alles frisch, farbig und fröhlich, als wollten auch sie sich der Werbung anbiedern. Doch dem Augenschein sollte man nicht trauen. Das lernt man vor Karin Kneffels gigantischem Bild von 2002. Ihre Äpfel scheinen ohne Makel und Wurm. Perfektion aber weckt Misstrauen, wie schon Wencke Myhre vor 50 Jahren in ihrem Schlager riet: „Beiß nicht gleich in jeden Apfel, er könnte sauer sein“, trällerte sie.

Ein Kunst-Klassiker sollte zumindest kurz erwähnt werden: Pablo Picassos leicht abstrahiertes Stillleben von 1925 ist ein kleines Meisterwerk aus wenigen Pinselstrichen. In die heutige Zeit übertragen hat das Hans Op de Beeck mit seiner Gipsarbeit. Auf einem Tisch hat er Früchte und Müll erst fröhlich vereint, dann alles unter einer dicken grauen Schicht begraben. Dem Verfall hat der belgische Künstler auf diese Weise Einhalt geboten Aber erstaunlicherweise wirken die Trauben, Bananen, Erdbeeren und Brombeeren auch mit grauer Farbe noch frisch. Ganz anders Plastikflasche, Spraydose und Safttüte – all dieser nie verrottende Müll schreit geradezu nach sofortiger Entsorgung.

Museum Sinclair-Haus, Löwengasse 15, Eingang Dorotheenstraße, Bad Homburg. Bis 25. September, dienstags 14–20 Uhr, mittwochs bis freitags 14–19 Uhr, samstags und sonntags 10–18 Uhr. Eintritt 5 Euro, Begleitheft kostenlos.

Telefon (06172) 40 41 28.

Internet

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare