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Verloren in der Fremde

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Der Frankfurter Büchnerpreis-Träger schaut in seinem neuen Roman „Mogador“ was geschieht, wenn ein Mensch aus seiner Arriviertheit kippt.

Es ist nicht so, dass ein Thriller sich in Gewalt und Kriminalität erschöpfen muss. Und es ist auch nicht ausgemacht, dass Spannung allein das Genre am Leben hielte. Bei Martin Mosebach kann man aber darauf vertrauen, dass er keine Schranken oder Begrenzungen respektiert. Wenn er die Medina der marokkanischen Hafenstadt Mogador beschreibt, das Leben der Menschen im Maghreb, ihre Buntheit und Vielfalt, ihre Gewohnheiten, ihren Umgang miteinander – dann entfaltet sich das Panorama einer Welt, in der wir uns als Fremde und Eindringlinge vorkommen.

Der Erzähler ist ein Augenmensch, der ausbreitet, was er gesehen hat: das Elend der Bettler und Huren in den Straßen der Stadt ebenso wie die Prachtentfaltung der herrschenden Klasse. Seine Hauptfigur überschreitet die Grenze, die seine europäische Herkunft ihm gesetzt hat. Mosebach erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte des jungen Patrick Elff, der als Abteilungsleiter einer Düsseldorfer Bank Mitwisser in einer Geldwäsche- und Betrugsaffäre ist und vor der Entdeckung nach Marokko flieht. In Mogador quartiert er sich als „Monsieur Paris“ in einem Bordell ein, das von einer rätselhaften Frau – Khadija – wie ein kleines Imperium geführt wird.

Hure und Prophetin

Patrick verlässt sich in dieser Umgebung auf Karim, eine Art Faktotum Khadijas, die neben ihrem Gewerbe auch als Zauberin und Prophetin auftritt. Aber diese seltsame und ebenso bemerkenswerte Frau entwickelt sich im Verlauf der Handlung immer deutlicher zur eigentlichen Hauptperson. Ihrem Wort, ihren Entscheidungen haben sich alle unterzuordnen – auch Patrick, der nach der Flucht aus dem Polizeipräsidium in Düsseldorf seine junge Frau Pilar zurückgelassen hat, nicht ahnend, dass sie im zweiten Monat schwanger ist.

Mosebach hat mehrere Erzählstränge gebündelt, die sich nur scheinbar voneinander lösen, aber dann doch wieder zusammenfinden. Patricks Schwäche und Problem: Er fürchtet sich vor der marokkanischen Polizei, kann sich mit seinem dürftigen Französisch nur schlecht verständigen – und gibt sich ganz in die Hand von Karim, den er nach seiner Ankunft in Mogador gleich am ersten Tag kennengelernt hat. Im Grunde ist seine Rolle die eines ängstlichen Träumers, der wider besseres Wissen in eine Affäre geraten ist, aus der er nicht herausfindet.

Flucht im letzten Moment

So hofft er vergeblich auf die Unterstützung eines hochgestellten, aber undurchsichtigen Vermittlers namens Monsieur Pereira, den er als bedeutenden Kunden seiner Bank kennengelernt hat und von dem er weiß, dass er in Marokko enge Verbindungen zum Königshaus unterhält. Doch formuliert er sein Bittgesuch so ungeschickt, dass der Finanzjongleur Pereira sich von ihm erpresst fühlt und ihm die Polizei auf den Hals hetzt.

Nur mit knapper Not kann sich Patrick per Flugzeug aus dem Staub machen und nach Düsseldorf zurückkehren, wo er von seiner Frau und dem Kommissar empfangen wird. Bis zu diesem Finale – Ende gut, alles gut? – haben wir es mit einem ungemein reizvollen Exkurs über die Funktion des freien Willens und dem sich ihm entgegen stellenden Möglichkeitssinn zu tun. So fragt sich Patrick: Wie lange war er bereits willenlos? Und erhält vom Erzähler prompt zur Antwort: Wer keinen Willen hat, ist unschuldig.

Da ist die Erzählfigur der herrischen Khadija aus anderem Holz geschnitzt. Ihr Leben ist reich an wüster und schmerzhafter Erfahrung. Als halbes Kind wird sie in die Ehe gezwungen, gebiert einen schwer behinderten Sohn, der sich selbst ständig fesselt – und später ein Mädchen, mit dem sie nicht viel anzufangen weiß. Als Hure groß geworden, macht sie aus der Schwäche der Männer ihr Geschäft in aller Heimlichkeit. Karim, ihr Vertrauter, enttäuscht sie, als er zu seiner Familie zurückkehrt und ein junges Mädchen aus seinem Dorf heiratet. Dem fremden jungen Patrick, dessen Sprache sie nicht versteht, gilt ihr Misstrauen.

Sie macht ihn aber dafür verantwortlich, dass sich Karim von ihr zu lösen beginnt. „Sich einem Mann unterordnen zu müssen, das könnte sie eines Tages treffen wie ein Schicksalsschlag“, heißt es über Khadija. Sie kämpft mit ihrem Dämon Dschnunat. Er sorgt dafür, dass ihr Leben nicht aus den Fugen gerät.

Verstrickt in Schuld

Sie fürchtet und respektiert ihn zugleich. Als sie eines Tages nach Hause kommt, bemerkt sie, dass sich Monsieur Paris, dem sie noch nie über den Weg getraut hat, aus dem Staub gemacht hat. Zurück bleiben ein vom Schnaps betrunkener Karim und eine junge Hure, die ihr berichtet, Karim und Patrick Elff hätten versucht, sie zu vergewaltigen. Ihr treuester Kunde, der Kommandant der städtischen Polizei, rückt an und will den Fremden festnehmen. Khadija hockt auf dem Teppich – das ist das letzte Bild von ihr – und trifft auf ihren Dschnunat. „Ich habe dich gemacht, wagte Khadija zu denken. Man darf nicht alles sagen, was man weiß. Zum ersten Mal rang sie sich zu diesem Bekenntnis durch.“ So endet die Geschichte rätselhaft offen. Ein Werk, das die Freiheit der Fantasie aufs Schönste bedient.

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