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Rom 1968: der schwedische Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman und seine Freundin, die Schauspielerin Liv Ullmann.

Buch

Verwirrende Sommertage bei einem sonderbaren Genie

Linn Ullmann ist als Scheidungskind weltberühmter Eltern groß geworden. In „Die Unruhigen“ erkundet sie die Sommerwochen bei Ingmar Bergman und die Restzeit bei der ewig hadernden Liv Ullmann. Bis der Vater als seniler alter Mann stirbt. Die Mutter nennt das Buch zu Recht ein Meisterwerk.

Am besten man wüsste bis zum Ende nicht, dass hier ein weltberühmtes Elternpaar von der Tochter mit Erinnerungen an eine zerrissene Kindheit vorgestellt wird. Um sich nicht wie ein Voyeur zu fühlen. Wie die Norwegerin Linn Ullmann (51) über dieses Gefühl hinweghilft, ist Teil ihrer Meisterschaft in „Die Unruhigen“. Die Hauptpersonen sind Ingmar Bergman, in Cannes zum „besten Filmregisseur aller Zeiten“ gekürt, die kaum minder berühmte Schauspielerin Liv Ullmann und sie selbst.

„Ich hätte gern ein Buch ohne Namen geschrieben. Oder ein Buch mit sehr vielen Namen. Oder ein Buch, in dem alle Namen so alltäglich sind, dass man sie auf der Stelle vergisst“, schreibt sie zu Beginn ihres sechsten Romans in einer glasklaren, unprätentiösen Sprache und nennt die berühmten Namen sowie auch den eigenen nicht ein einziges Mal. Sich selbst lässt sie abwechselnd als „ich“ und „sie“ auftreten.

Das Buch enthält eine fesselnde, eindrückliche und zugleich unsentimentale, eine witzige, dabei zum Nachdenken über die eigene Geschichte anregende Betrachtung über das prägende und immer komplexe Verhältnis zwischen Kindern und Eltern.

Der große Ingmar Bergman und die schöne Liv Ullmann, so erzählt es sich alle Welt eben, verliebten sich bei den Dreharbeiten zu „Persona“ 1965. Die Tochter kam ein Jahr später zur Welt. Nüchtern schreibt sie über ihren damals 48- jährigen Vater: „Ein Kind mehr oder weniger. Er hatte acht aus früheren Beziehungen und war als dämonischer Regisseur (was immer das bedeuten soll) und als Schürzenjäger bekannt (ziemlich eindeutig, was das bedeutet).“ Die Beziehung zur 21 Jahre jüngeren Mutter hielt, bis die Tochter drei war. Zu den Vereinbarungen des weiter zusammenarbeitenden und lebenslang befreundeten Ex-Paares gehörten jedes Jahr ein paar Sommerwochen für Tochter Linn beim Vater auf der kleinen Ostseeinsel Fårö, wo der Filmemacher 2007 starb.

Ansonsten aber lebte natürlich auch dieses jüngste wie alle anderen Bergman-Kinder bei der Mutter. Eine endlose Reihe von Kindermädchen sowie auch eine kürzere mit Geliebten der Mutter zieht sich durch das Buch, weil die Schauspielerin wieder zu Engagements in Oslo, New York oder Los Angeles unterwegs ist. Die Tochter wird vor Sehnsucht halb verrückt.

Linn Ullmann erinnert sich im Buch an ihre Jahre als 11- bis 15-Jährige. Erst ist sie ein bedingungslos liebendes Kind, dann ein Teenager mit den ersten sexuellen Erfahrungen und mit langsam weiterem Horizont auf der Suche nach einem Zuhause und festem Boden unter ihren Beinen (die sie viel zu dünn findet). Eine Herkulesarbeit ist das beim ziemlich entrückten, mit unverrückbar festem Stundenplan am Künstlertum arbeitenden Sommer-Vater und der ewig unsicheren, mit sich hadernden, auch in den eigenen vier Wänden kräftig schauspielernden Mutter.

Ein durch raffinierte Montagen und den zurückgenommenen, dabei aber unglaublich treffsicheren Grundton vollbrachtes Kunststück des Buches ist die Kombination der eigenen kindlichen Perspektive auf die nie gemeinsam erreichbaren Eltern mit dem erwachsenen Blick auf beide als Persönlichkeiten für sich. Wärme und das Streben nach Klarheit durch kühle Beobachtung widersprechen einander hier nicht. Dieses Kunststück möchte man ja selbst auch gern besser schaffen.

Der hochinteressante Teilzeit-Vater kommt ungleich besser weg als die immer mit den schnöden Alltagsproblemen kämpfende Vollzeit-Mutter. Er bekommt auch viel mehr Platz. Denn Auslöser für dieses grandiose Erinnerungsbuch war ein gescheitertes Projekt der erwachsenen Tochter mit dem betagten Bergman: Er wollte etwas über das Altwerden als harte Arbeit schreiben, fühlte sich aber schon zu schwach und vereinbarte eine Interviewserie mit der als Autorin bereits bestens etablierten Linn. Vom Scheitern auch dieses Vorhabens – Bergman baute einfach zu schnell weiter ab – bis zu seinem noch mal von ihm selbst akribisch durchgeplanten Begräbnis auf Fårö erzählt die Tochter im Wechsel mit den Kindheitsgeschichten und gibt Dialoge im Wortlaut wieder.

Das bringt wieder einen gänzlich anderen Blick auf das Eltern-Kind-Verhältnis, das sich zunehmend umzukehren scheint. Genial erzählt Ullmann die Geschichte von einem Bruch: Als Linn mit 30 in Oslo frisch geschieden und der Vater mit knapp 80 verwitwet ist, lädt er die Tochter nach Stockholm zum Heiligabend ein, den er eigentlich nie feiert: „Eine Woche zuvor hatten Papa und ich telefoniert und waren im Gespräch über die Einsamkeit des jeweils anderen gestolpert.“

Ist alles so passiert oder auch im Genre Autofiktion ausgedacht? Zu der sich gerade im Land des Autofiktionsweltmeisters Karl-Ove Knausgård aufdrängenden Frage hat Linn Ullmann in vielen Interviews unterschiedlich geantwortet: Sie habe sich schon nach Kräften angestrengt, immer „wahr“ und getreu der eigenen Erinnerung zu schreiben. Aber wann und wie sei Erinnerung wahr?

Einiges sei freilich auch erfunden, ein Aufenthalt in Frankreich zum Beispiel. Mutter Liv sagte nach dem Erscheinen des Originals im norwegischen Fernsehen: „Als ich es las, hab ich es ein Meisterwerk genannt. Ich hab aber auch gesagt, dass ich nicht so dargestellt bin, wie ich es mir wünschen würde. Manches ist erdichtet, manches ist Lüge. Und eine ganze Masse ist Wahrheit.“

Im Buch hat sich die Tochter auf solche Anwürfe schon mit einem klugen Satz gewappnet: „In Wahrheit kann man nicht sonderlich viel über das Leben anderer Menschen wissen, und erst recht nicht, wenn diese Eltern es darauf angelegt haben, ihr Leben in Geschichten zu verwandeln, die sie anschließend mit einer begnadeten Fähigkeit dafür erzählen, sich nicht im Geringsten darum zu scheren, was wahr ist und was nicht.“

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