Kleine Arbeitspause: Hilmar Hoffmann an seinem Schreibtisch in seinem Haus am Waldrand von Oberrad.
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Kleine Arbeitspause: Hilmar Hoffmann an seinem Schreibtisch in seinem Haus am Waldrand von Oberrad.

Hilmar Hoffmann wird 90 Jahre alt

Der Visionär

  • Michael Kluger
    VonMichael Kluger
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Sein Buchtitel „Kultur für alle“ wurde für Jahrzehnte zum politischen Leitmotiv. Das Museumsufer am Main ist sein öffentliches Denkmal.

Zurückgetreten ist er eigentlich nie. Sein Geist schwebt über Frankfurt wie der Goethes. Und manchmal scheint es, als trage selbst seine markante Physiognomie die Züge des Dichters, wie sie von Büsten des Schriftstellers überliefert sind. Seit der Sozialdemokrat Hilmar Hoffmann 1990 unter dem damaligen Frankfurter Oberbürgermeister Volker Hauff (SPD) nach 20 Jahren das Amt des Kulturdezernenten aus bis heute nicht vollends geklärten Gründen vorzeitig aufgab, ist er als Instanz in kulturpolitischen Fragen noch immer allgegenwärtig. Keiner seiner Nachfolger, von Linda Reisch über Hans-Bernhard Nordhoff (beide SPD) bis zum amtierenden Stadtrat Felix Semmelroth (CDU), konnte je ganz aus seinem Schatten heraustreten.

Wie ein Flaneur

Noch immer ist sein Rat gefragt. Hoffmann ist trotz seines Alters der kulturpolitische Think Tank am Main geblieben. Der Titel „Kulturpapst“ haftet ihm, der stets eine intellektuelle Grandezza ausstrahlt, an wie seine wallende silberne Mähne. In seiner Villa am Waldrand von Oberrad sitzt Hoffmann noch immer täglich an der Arbeit. Inzwischen schreibt er an seinem 51. Buch, umgeben von den 15 000 anderen seiner Bibliothek. Hoffmann hat über Frankfurts Dirigenten geschrieben, über die starken Frauen der Stadt, über den Mythos Olympia und das Werk Leni Riefenstahls. Sein vielleicht nachhaltigstes Buch erschien im Jahr 1979 unter dem Titel „Kultur für alle“ – er wurde zum geflügelten Wort und strahlte auf die Kommunalpolitik in ganz Deutschland aus.

Es war ein visionäres Plädoyer für die Teilhabe der Stadtgesellschaft an Bildung, an den historischen, künstlerischen und kulturellen Beständen über alle sozialen Grenzen hinweg und zu erschwinglichen Eintrittspreisen. Kulturpolitik war Hoffmann ein wesentliches Element der Stadtpolitik und bedeutete Demokratisierung, hieß, den Menschen, nicht nur einer kleinen Elite, Zugang zu ermöglichen: zu Bürger- und Kulturhäusern, Stadtteilbibliotheken, zu Oper, Theater, Museen und kommunalem Kino. Hoffmann verstand Kulturpolitik als Bildungspolitik, ganz im Sinne der Weimarer Klassiker: als einen Beitrag zur ästhetischen Erziehung des Menschen, zur Entwicklung und Entfaltung einer weltoffenen, empfänglichen und geistig reifen Persönlichkeit. Kultur war und ist ihm nicht hübscher, aber folgenloser Zierrat, nicht platter Unterhaltungsbetrieb, sondern Sinnstiftung. Den mündigen Bürger stellt er sich als Flaneur vor, der wachen Sinns den kulturellen Reichtum seiner Stadt in Besitz nimmt.

Blickt man zurück, gerät man ins Staunen, wie sehr Hoffmann die Stadt am Main geprägt hat. Er wollte ihren Ruf als einer kalten, öden Finanz-, Versicherungs- und Spekulantenstadt ins Lebenswerte und attraktiv Urbane kehren. Das ist ihm – in einer einzigartigen Konstellation mit dem damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) – gelungen.

Lebensnotwendig

Als sichtbarstes Zeichen stehen dafür der Wiederaufbau der Alten Oper, mit entscheidender Beteiligung der Bürger, und das Museumsufer. 15 Museen oder Ausstellungshäuser wurden in seiner Amtszeit errichtet oder umgebaut. Hoffmann nennt die Kette von alten Bürgervillen und Museumsbauten gern eine „Zaubermeile“. Und das ist sie tatsächlich – ein „work in progress“, dem die angespannte Finanzlage allerdings den Fortschritt von einst versagt. Der lange geplante Neubau des Weltkulturen-Museums wurde wiederholt abgesagt. Unter Hoffmanns kulturpolitischer Regie blühte die Oper. Für alternative Produktionsformen wurde der Mousonturm eingerichtet.

Freilich gab es auch Misstöne, nicht nur in der Auseinandersetzung mit der eigenen Partei. Rainer Werner Fassbinder verließ das Theater am Turm. Die Auseinandersetzung um sein Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ hielt die Metropole wochenlang in Atem.

Geboren wurde Hilmar Hoffmann 1925 in Bremen. Nach dem Krieg studierte er Regie an der Folkwang-Hochschule für Musik und Theater in Essen und arbeitete als Regieassistent an den Bühnen der Stadt Essen. 1951 wurde er in Oberhausen der jüngste Direktor einer Volkshochschule und gründete dort 1954 die Westdeutschen Kulturfilmtage, die später zu den Internationalen Kurzfilmtagen wurden.

Nach seinem Rückzug vom Amt des Kulturdezernenten in Frankfurt war Hoffmann, Vater von zwei Kindern, von 1993 bis 2001 Präsident des Goethe-Instituts. „Er hat mit großen Visionen und pragmatischer Umsetzung den Ausbau des Netzwerkes gefördert. Wir glauben beide, dass Kultur lebensnotwendig ist und dass die Gleichwertigkeit der Kulturen die Voraussetzung für ihre Koexistenz ist und damit für unser Zusammenleben“, sagt der jetzige Amtsinhaber, Klaus-Dieter Lehmann, über ihn. Heute wird Hilmar Hoffmann 90 Jahre alt.

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