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Michael Jackson, gemalt von Andy Warhol 1984 mit Acrylfarbe und Silbertinte auf Leinen. Abbildung: Warhol Museum, Jennifer Zumbusch

Fotoserie "American Jesus"

Interview mit Rein Wolfs: „Die Vorwürfe gegen Michael Jackson sind schockierend“

Die Schau mit der Fotoserie „American Jesus“ von David LaChapelle wird vor dem Hintergrund neuer Missbrauchsvorwürfe gegen Jackson vorbereitet und am 22. März eröffnet. Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, will den Meinungsstreit denn auch in die Darstellung einbeziehen. Paula Konersman sprach mit dem Leiter der Bundeskunsthalle in Bonn.

Herr Wolfs, warum ausgerechnet eine Ausstellung über Michael Jackson?

REIN WOLFS: Michael Jackson ist die Ikone der Popmusik der letzten 40, 50 Jahre. Es gibt wenige Musiker, die so einen Status erreicht haben. Er hat auch eine große Wirkung in der bildenden Kunst entfacht, und diesen kulturellen Einfluss wollen wir zeigen – zusammen mit unserem Partner, der National Portrait Gallery in London.

Derzeit werden die Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson neu diskutiert. Nimmt dies Einfluss auf die Ausstellung, müssen einzelne Aspekte vielleicht anders bewertet werden?

WOLFS: Mit der Konzeption der Ausstellung wurde vor über drei Jahren in der National Portrait Gallery begonnen. Das Erscheinen des Dokumentarfilms „Leaving Neverland“, der die neu entflammten Vorwürfe aktuell in die mediale Öffentlichkeit transportiert hat, war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. Die aktuelle Berichterstattung im Kontext der Kontroverse um Michael Jackson hat uns, die Bundeskunsthalle, nicht unberührt gelassen. Die Vorwürfe, die von den mutmaßlichen Opfern erhoben werden, sind schockierend. Auch wenn die Debatte nicht abgeschlossen ist und sich zehn Jahre nach dem Tode Jacksons umso schwieriger gestaltet, sehen wir unsere Verantwortung darin, diese Thematik nicht auszuklammern. Auch wenn die Ausstellung sich weder um die Biografie Jacksons dreht noch eine Hommage ist, sondern sich ausschließlich dem „Phänomen Jackson“ in der bildenden Kunst widmet, so ist uns dennoch klar, dass eine vollständige Loslösung beider Aspekte nicht möglich ist. Wir arbeiten derzeit an einem Programm, das Raum und Gelegenheit für Diskussion und Austausch mit Besucherinnen und Besuchern bietet.

Einige Bilder der Schau erinnern an die christliche Bildsprache. Woher kommt diese Inszenierung?

WOLF: Michael Jackson war eine Art Monarch; nur er wurde zum „King of Pop“ gekrönt. Traditionell sind royale und religiöse Formen der Darstellung und Selbstdarstellung nicht weit voneinander entfernt. Häufig mischen sich sakrale und säkulare Perspektiven auf Michael Jackson. Ikonen – auch des Pop – werden als Abgötter verehrt, und auch diese Übertreibung wird in manchen Kunstwerken deutlich: etwa bei einem Gemälde von Kehinde Wiley, der Michael Jackson in hochherrschaftlicher Pose auf einem edlen Ross zeigt.

Kam diese Inszenierung von Jackson selbst? Oder sprechen Fans einem Künstler diese Eigenschaften zu?

WOLFS: Beides. Bei Michael Jackson kommt diese Wahrnehmung nicht von ungefähr. Er war mehr als ein Musiker. Faktisch gesehen war er ein Sänger, der sehr gut tanzen konnte und sich cool gekleidet hat. Enorme mediale Verbreitung hat er auch als erster großer Videoclip-Künstler erfahren. Er hat eine visuelle Aura um sich aufgebaut, die größer wurde als er selbst. Möglich gemacht hat das eine Marketingmaschinerie, die Bilder gezielt in die Welt gesetzt hat. Ausschnitte etwa aus „Thriller“ haben sich in das kulturelle Gedächtnis eingeprägt.

Wie kann eine Ausstellung das abbilden?

WOLFS: Es gibt mehrere Ebenen der Interpretation. Die Person Michael Jackson hat den Künstler Michael Jackson in Szene gesetzt. Dies wiederum haben bildende Künstler reflektiert, und wir als Betrachter interpretieren wiederum deren Werke. In der Ausstellung werden sie zu einem Medium, durch das die Besucher den Künstler Michael Jackson erfahren können.

Welche Rolle spielt die Rezeption?

WOLFS: Jeder hat mal versucht, Michael Jackson zu spielen. Wir können es aber nicht: Wir können weder so singen, noch so tanzen.

Rechnen Sie mit Kritikern, die in Popmusik keine „ernsthafte“ Kunst erkennen?

WOLFS: Das gibt es immer wieder. Seit den 1960er und 1970 Jahren hat sich die Kunst jedoch stark mit popkulturellen Ereignissen beschäftigt – spätestens seit der Pop-Art, seit Andy Warhol, der auch in dieser Ausstellung eine wichtige Rolle spielt. Seit 50 Jahren ist die Kunst also aus ihrem sprichwörtlichen Elfenbeinturm herabgestiegen. Insofern überrascht es nicht, dass ein Popmusiker wie Michael Jackson auf hochkultureller Ebene zelebriert und gespiegelt wird.

Wann wird Popkultur museal?

WOLFS: Das kann man nicht genau sagen. Musiker werden nicht so schnell musealisiert wie bildende Künstler. Michael Jackson ist eine Ausnahme, auch zehn Jahre nach seinem Tod. Bildende Künstler werden heute oftmals bereits musealisiert, wenn sie 30 Jahre alt sind – anders als früher. Das Genie, das erst nach dem Tod berühmt wird, gibt es nicht mehr. Überall sind Mechanismen zur Früherkennung zugegen, Talente werden erkannt.

Welche Rolle spielt der Tod von berühmten Persönlichkeiten für diesen Prozess?

WOLFS: In der Musik ist daraus eine gewisse romantische Tradition geworden. Denken Sie an die vielen Künstler, die mit 27 Jahren gestorben sind, wie Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin oder Amy Winehouse. Im Medienzeitalter geht es zudem nicht allein um die Musik. Die ganze Persönlichkeit eines Musikers stößt auf öffentliches Interesse.

Erhoffen Sie sich von dieser Ausstellung ein erweitertes Publikum?

WOLFS: Wir sind kein Kunstmuseum mit eigener Sammlung, sondern setzen immer wieder neue Schwerpunkte. In den vergangenen Jahren hatten wir etwa eine Ausstellung zu Pina Bausch, die viele Menschen aus dem Bereich das Tanztheaters angesprochen hat, eine andere über den Modeschöpfer Karl Lagerfeld. Wir wollen möglichst unterschiedliche, auch kunst- und museumsferne Menschen ansprechen.

Mit Goethe, Beethoven und Michael Jackson bedenkt die Bundeskunsthalle in diesem Jahr mehrere Einzelfiguren mit Ausstellungen. Ein neuer Trend?

WOLFS: Es ist ein gewisser Trend – aber auch etwas, das zu unserem Haus passt. Das Ziel ist, Figuren zu finden, die ein Zeitalter, eine Bewegung oder Stilrichtung geprägt haben. Es gibt eine Sehnsucht nach außergewöhnlichen Figuren und Lebenswegen, und in Museen suchen Menschen das Außergewöhnliche.

On The Wall

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, Museumsmeile, Bonn.

Telefon (0228) 91 71-0.

Internet

22. März bis 14. Juli.

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