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Im Berlin der aufkommenden Nazis lernt Schriftsteller Cliff (Ryan Saunders) die Nachtclubsängerin Sally (Helen Reuben) kennen.

Musical

Wach endlich auf, die Party ist vorbei

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Regisseur Tom Littler stellt Beziehungen zu heutigen Verhältnissen her und lässt die Hauptfigur Sally Bowles trotzdem singen: „Money, Money“ und „May be This Time“.

Es ist der Moment vor der Pause. An der Szene hat sich seit Beginn nichts verändert: Ein Zugwaggon steht hinten und enthüllt hinter der Schiebeflanke öfter mal die kleine Combo, die von Jazz bis Schlager alles kann, was für den Musical-Klassiker „Cabaret“ von John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff nach einem Drama und indirekt den „Berlin Stories“ von Christopher Isherwood nottut. Der Zug symbolisiert das Übergangshafte jener Zeit in Berlin. Erst im Finale, da es niemand mehr erwartet, wird er sich in Bewegung setzen und als Bild vermitteln, was in jedem „Ultra“-Deutschland Sache ist und immer sein wird: Der Zug ist abgefahren, die Party aus – nach knapp drei Stunden Spielzeit.

Links überdecken Eisenstreben ein Café auf gestuftem Podest mit ausfahrbarem Bett für die Autorenwohnung und wölben sich als rauchige Bahnhofshalle im kalten Licht gen Publikum.

Bahnhof, das heißt von vornherein: Alle Zeichen stehen auf Transit, wie eingangs das gute Dutzend Koffer und Kisten auf der Fläche, wo Cydney Uffindell-Phillips die Club-Girls in Reizwäsche und die schwulen Jungs mit S/M-Touch in Bewegung versetzt. Die ist, natürlich, ausdrucksvoller, akrobatischer und klassischer als alles, was man von einem schmuddligen „Kit Kat Klub“ für Stricher und Huren nebst Kundschaft zu erwarten hätte, selbst ohne das unheilvolle Kürzel „KKK“. Für die Ausstattung hat Simon Kenny außer Korsetten und Korsagen zeit- und gefühlsechte Pelzmäntel, Anzüge und Pipapo besorgt. Musikalische Leitung: Tom Attwood.

Bis kurz vor der Pause sog „Cabaret“ eher unschuldig in die Laisser-faire-Abenteuer des US-Schriftstellers Cliff Bradshaw (Ryan Saunders). Berlin von 1929 bis 1933, das entspricht ziemlich dem Berlin-Aufenthalt des englischen Autors selber. Der kam 1928, im Uraufführungsjahr der „Dreigroschenoper“, was an Brechts Vers vom „Bordell, wo unser Haushalt war“ erinnern darf, zumal die in „Cabaret“ erwähnte Nollendorfstraße Isherwoos Domizil im schwul-lesbischen Viertel bezeichnet. Der Brite, der Jahrzehnte später zum kalifornischen Rollenmodell für schwule Künstler-„Ehen“ werden sollte, genoß mit W. H. Augen und Stephen Spender damals die Berliner Homoszene mit 170 registrierten Clubs und hieß mit erstem Nachnamen wie sein Held (Bradshaw). Ihm gönnt er, und vor allem das Musical, in der Nachtclubsängerin Sally Bowles (Helen Reuben) trotzdem eine Freundin: seine Suzie Wong zu Berlin. Die Roman-Liaison mit Mr. Norris tritt dabei zurück.

Lange trübten die Vorwehen der „Machtergreifung“ die Lebenslust kaum ein. Noch ist, vor der Pause, die Party im Gange, aktuell zur Verlobung der Vermieterin Fräulein Schneider (Sarah Shelton) mit Herrn Schultz (Richard Derrington). Da passiert es: Cliffs Freund Ernst (Matt Blaker) lässt die Hakenkreuzbanderole aufblitzen. Fräulein Kost, die der Marine wohlgesonnene Hure (und tollstes Doppeltalent am Saxofon: Lindsay Goodhand), sagt wie nebenher, Herr Schultz sei Jude, habe also kein Problem mit den hohen Kosten der Feier. Im Blitztempo ist die Schneider Schultz entfremdet: die Liebe ihres Alters, geopfert auf Hitlers falschem Altar. Schluss mit „Willkommen, bienvenue, welcome“ und „Glucklik, zu sehen“. Aller Arme fahren, quälend langsam wie Kräne auf der Großbaustelle, auf „römischen“ Winkel zum Publikum hoch, wo jeder Zweite denkt: BolsonaroTrumpAfD. Pause.

Kein Wunder, dass die zweite Halbzeit weiter eindustert. So also der Spannungsbogen und die szenische Realisation, an deren Unterhaltsamkeit und Aussagekraft tolle Talente den Hauptanteil tragen. Den meisten Applaus bekam der souverän-halbseidene Conferencier Emcee (Greg Castiglioni). Toll aber auch der leicht auf JFK stilisierte Cliff, das verhinderte alte Paar und Sally.

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