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Die Fotoarbeiten aus der Serie "Catch" von Wolfgang Zurborn sind auf Reisen zwischen 1999 und 2013 entstanden. Abb.: Museum Angewandte Kunst

Frankfurter Triennale „Ray 2015“

Als wär’s ein Gemälde von Jeff Koons

Teil 10: Im Museum Angewandte Kunst sind Aufnahmen von Wolfgang Zurborn zu sehen. Sie zeigen, meist verfremdet, Begebenheiten aus dem Alltag.

Von Eugen El

Haben wir etwa ein Gemälde von Jeff Koons vor uns? Eine riesenhafte, schreitende Figur ist im Anschnitt zu sehen. Nur der Schuh des Comichelden, der auch eine Zeichentrickfigur sein könnte, und sein feuerroter Schwanz sind noch im Bild. Hinter einer unbeholfen gestrichenen Mauer zeichnet sich ein Gebäude mit knalligem Strohdach ab, das ebenfalls einem Zeichentrickfilm entsprungen sein könnte. Der Himmel darüber ist konsequent blau, und auch sonst überwiegen starke Farbkontraste. Menschen sind nicht zu sehen. So verharrt man in Ahnungen, ohne dass man das Bildgeschehen einordnen kann. Immerhin entpuppt sich das vermeintliche Koons-Gemälde als eine Fotografie. Die Werkbeschilderung sagt zudem, dass das Bild 1999 in Bottrop aufgenommen wurde. Nach weiteren Recherchen lässt sich das Motiv dem 1996 eröffneten Freizeitpark „Movie Park Germany“ zuordnen.

Die Aufnahme aus Bottrop ist charakteristisch für das Werk des 1956 in Ludwigshafen geborenen Fotografen Wolfgang Zurborn. Er arbeitet meist im öffentlichen Raum. Zurborns Blick fällt auf alltägliche Begebenheiten, doch sind seine Bilder nicht leicht zu entschlüsseln. Zurborn wählt oft Ausschnitte und Details, die die abgelichteten Szenerien verfremden. Auch arbeitet er mit Spiegelungen und unkonventionellen Aufnahmeperspektiven. Zurborns Fotografien muten zuweilen surreal an. Man könnte denken, sie seien digital bearbeitet.

Seine auf Reisen entstehenden Bilder fasst Wolfgang Zurborn zu Werkserien zusammen, die immer wieder auch in Buchform erscheinen. Aufnahmen aus den Serien „Dressur real“ und „Catch“ werden nun im Rahmen der „Ray“-Fotografietriennale im Frankfurter Museum Angewandte Kunst präsentiert.

Ein unheimlicher, leuchtend-blauer Bodenbelag nimmt den Großteil der Bildfläche von „o.T., Leverkusen, 2005“ ein. Es könnte gefärbter Asphalt sein, oder ein riesiger Teppich. Zwei Figuren, stark angeschnitten, schreiten aus dem Bild. Ihre Schatten und der Schatten einer dritten Figur fallen auf den Boden. Unterhalb des blauen Bodenbelags sieht man Pflaster. Im Eck entfaltet sich städtische Vegetation, von grell-roten, gen Himmel strebenden Blumen gekrönt. Die Bildfläche ist nach oben geklappt, ein Raumgefühl stellt sich nicht ein. Flach erscheint das Bild dadurch, wie Farbfeldmalerei. Es gibt auch sonst Rätsel auf. Erinnert doch die leuchtende Kulisse eher an blank herausgeputzte Hauptstädte autoritär bis totalitär regierter Länder, als an ein Mittelzentrum in Nordrhein-Westfalen. Wolfgang Zurborn fotografiert Leverkusen und meint dabei Pjöngjang.

Manchmal lassen Zurborns Bilder auch schmunzeln. Rückseiten von Dingen, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt, fängt er ebenso ein wie absurd erscheinende Alltagskonstellationen aus Dingen und Menschen. Herabhängende Kakteen erinnern mit einem Mal an mächtige Spinnenbeine. Auf einem Siegertreppchen sieht man Hahnfiguren aufgereiht. Es gelingt ihm, gerade genug Bildinformation zu liefern, um den Betrachter aktivieren zu können. An sich banale Settings laden zum genauen Hinsehen ein. Wie kommt dieses Motiv zustande? Was passiert hier überhaupt? Es sind Fragen, die Wolfgang Zurborns Fotografien provozieren.

Ein Bild von 1993 zeigt ein betoniertes Gehege. Ein junger, melancholisch dreinschauender Elefant findet sich darin. Ein Paar mit kleinem Kind zeichnet sich als Schatten ab, ebenso ein Zaun und ein Schild. Die Schattenfiguren erscheinen winzig, die Betonabgrenzung hingegen solide und unüberwindbar. Dennoch sind die Menschen dominierend. Das Tier ist ihren Blicken ausgeliefert. Wolfgang Zurborn gelingt es, dieses Verhältnis auf eine bewundernswert lakonische Weise ins Bild zu setzen.

„Imagine Reality“. Museum Angewandte Kunst Frankfurt, Schaumainkai 17.

Bis 20. September. Geöffnet Di–So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr. Eintritt 12 Euro. Telefon (069) 21 24 45 39.

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