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Mit Wagner und Rossini ins Paradies

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Von: Michael Dellith

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Andrés Orozco-Estrada animiert in Kloster Eberbach das HR-Sinfonieorchester, den MDR-Rundfunkchor und die Solisten.
Andrés Orozco-Estrada animiert in Kloster Eberbach das HR-Sinfonieorchester, den MDR-Rundfunkchor und die Solisten. © Ansgar@Klostermann.net

Erstmals eröffnete Andrés Orozco-Estrada, der neue Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters, das Rheingau-Musik-Festival in Kloster Eberbach – mit Werken zwischen Oper und Kirche.

Auf den ersten Blick machte die Kombination etwas stutzig: Wagner und Rossini in einem Programm? Zwei Antipoden des 19. Jahrhunderts, die sich nicht besonders schätzten und recht unterschiedliche Auffassungen vom Komponieren hatten – um es milde auszudrücken. Doch die Gegenüberstellung der beiden Kontrahenten zur Eröffnung des Rheingau-Musik-Festivals in Kloster Eberbach hatte durchaus ihre Reize. Andrés Orozco-Estrada, dem als neuem Chefdirigenten des HR-Sinfonieorchesters erstmals die prominente Aufgabe zukam, den vielbeachteten Festival-Auftakt im Rheingau zu dirigieren, ließ an Wagners „Parsifal“-Vorspiel nahtlos die „Tannhäuser“-Ouvertüre anschließen, ganz ohne Applaus-Unterbrechung.

Diese Zusammenführung verfehlte seine Wirkung nicht: zunächst die fast schlichte, nach innen gekehrte Erlösungsmusik des „Parsifal“, weihevoll aus dem Nichts kommend, von Orozco-Estrada mit großer Klarheit und Transparenz, ganz ohne falsches Sentiment gestaltet, nichts verschleiernd, die Melodiebögen sich sanft emporschwingen lassend. Dann die „Tannhäuser“-Musik. Anfangs im Pilgerchor-Motiv schien sie den ruhig-bewegten Duktus des „Parsifal“ aufzunehmen, doch zunehmend ließ Orozco-Estrada den Klang drängen, die Dynamik ausholen. Sinnlich flirrten die erotischen Verlockungen der Venusberg-Musik, der Ton durfte wollüstig aufblühen, aber nicht ausufern. Denn Orozco-Estrada hielt das Ganze mit gelenkig-präziser Zeichengebung im Zaum, vom HR-Orchester fabelhaft umgesetzt

Lodernde Italianità

Nach Wagners Kunstreligion mit „Parsifal“ und „Tannhäuser“ folgte im zweiten Teil des Abends Rossinis opernhafte Sakralmusik, in Gestalt des selten aufgeführten „Stabat Mater“. Für den Italiener Rossini gibt es im musikalischen Ausdruck keinen Unterschied zwischen geistlicher und irdischer Gefühlswelt. Seine Sprache ist die der Emotionen. Und doch verblüfft die Karfreitagsmusik des „Stabat Mater“ mit manchen Details, die gar nicht so opernhaft wirken wie die Arien und Duette der Solisten, die mit Marina Rebeka (Sopran), Marina Comparato (Mezzosopran), dem kurzfristig eingesprungenen Tenor Michele Angelini und Marco Spotti (Bass) lodernde Italianità beisteuerten. Fabelhaft setzte sich der MDR-Rundfunkchor in Szene, flexibel und höchst kultiviert, mit außerordentlichem Klangvolumen, besonders beeindruckend in den A-Cappella-Passagen, die in der Akustik der Basilika von Kloster Eberbach geradewegs ins Paradies zu führen schienen. Ein prachtvoller Festival-Auftakt, der mit Standing Ovations gefeiert wurde.

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