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„Sieben gegen Theben/Antigone“

Der Wahnsinn regiert im Schauspiel Frankfurt

Ulrich Rasche verwandelt das Bockenheimer Depot für seine Antiken-Inszenierung in einen Tempel der Angst und trifft dabei den Nerv des momentanen Weltgeschehens.

Es beginnt mit einem unheilverkündenden, leise drohenden Paukenschlag und dem Drehen der riesigen, beweglichen Holzscheibe auf der Bühne. In den nächsten 90 Minuten wird dieses Fortuna-Rad nicht mehr still stehen. Und der Klangteppich der unerbittlich durchgehaltenen Paukenschläge, der düsteren Synthesizer-Klänge und des Klagegesangs von Tenor Keith Bernard Stonum nicht mehr verstummen. Aischylos’ belagerte Thebaner werden mit rhythmischem Chorgesang vom Bruderkrieg berichten. Die zitternden Jungfrauen, allen voran Paula Hans mit schreckgeweiteten Augen, die sich in weißen Hemden und mit weißer Farbe beschmiert, vor den anstürmenden Truppen des Polyneikes zusammenrotten, werden nicht aufhören, vor entsetzlichen Gräueltaten zu warnen.

Ein pechbeschmierter Bote nach dem anderen wird aus der Schlacht berichten und von den Erlebnissen an die Grenzen des Wahnsinns getrieben werden. Damit nicht genug, flackern immer wieder Jonas Links verstörend schwarz-weiße Videos an der durchlässig hölzernen Bühnenrückwand auf, die erst raffinierte Wüstenlandschaften zu zeigen scheinen, bis erkennbar wird, dass es sich dabei um die muskulösen Körper von martialisch gestählten Männern handelt, die sich hinter der Wand auf mehreren Laufbändern für zukünftige Gewalt in Stellung bringen.

Das größte Verdienst dieser Inszenierung ist die Aktualität des Grauens: Man sitzt zwar im alten Eisenbahndepot einer zivilisierten Großstadt, kann aber durch die Wucht von Rasches Elementartheater, der auch für die gewaltige Düsterbühne verantwortlich zeichnet, die heutigen Höllenqualen der Eingekesselten in Aleppo, Al-Rakka oder Falludscha nachempfinden. Gleichzeitig wird die berühmte Sprachwucht des Chores als Eigentümlichkeit der attischen Tragödie sinnlich erfahrbar gemacht, die besondere Bedeutsamkeit im vierten Jahrhundert vor Christus erlangte; einer Zeit des expansivsten peloponnesischen Krieges.

Im Zentrum des Geschehens aber und beständig im Versuch, in der Mitte der Drehscheibe sicheren Tritt zu behalten, steht der beeindruckende Schauspieler Alexander Fehling als Eteokles. Bekannt aus den Kinofilmen „Goethe!“ und aus Tarantinos „Inglourious Basterds“, ist er nach fünf Jahren erstmals wieder auf einer Theaterbühne zu bewundern. Sein Eteokles ist mitschuldig am Leid der Thebaner. Hatte doch Vater Ödipus verfügt, dass er sich mit seinem Bruder Polyneikes in jährlichem Wechsel die Macht der Stadt teilen solle. Aber nach einem Jahr Regentschaft ist er nicht bereit, den Vorsitz des Regierens an seinen Bruder abzugeben. Daher zieht sein Bruder gegen ihn in den Krieg.

Intensiv und differenziert gestaltet Fehling den Charakter des thebanischen Machthungrigen: Den Jungfrauen spricht er oberflächlich Mut zu, die Angst der Boten versucht er, mit aufgesetztem Lachen zu entkräften. Nur, wenn er allein ist, gesteht er sich den Ernst der unausweichlichen Lage ein. Am Ende wird er vor die Mauern treten und durch den tödlichen Zweikampf mit Polyneikes den Fall Thebens abwenden, damit den Fluch der Labdakiden erfüllend. Wie eine Erlösung wirkt dabei das Verstummen auch der kriegerischen Klangwucht. Die geschundenen Zuschauerohren dürfen sich bei sanft glucksenden Posaunenklängen musikalisch entspannen.

Nach der Pause steigert sich der Theaterabend noch zu einem echten Kreon-Antigone-Krimi. In der stark gekürzten und veränderten Version von Sophokles’ Drama, setzt Rasche den starrsinnigen Potentaten Kreon samt Gefolgschaft aufs ansteigende Laufband, Bettina Hoppe als Antigone und die vorsichtigere Ismene von Paula Hans dagegen auf ein Band am Boden, das in entgegengesetzter Richtung anläuft. Antigone pocht auf das Bestattungsrecht für ihren toten Bruder Polyneikes, dessen Leichnam Kreon zur Abschreckung den Aasfressern vor den Toren der Stadt überlassen will.

Als er, anders als bei Sophokles, zur Strafe beide Schwestern zum lebendigen Eingemauertwerden verurteilt, verwandelt sich der Rhythmus des beständig einherstampfenden Grauens in pure Depression. Mit wehklagenden Posaunenstößen versucht die Musik des New Yorker Komponisten Ari Benjamin Meyers, ihr tiefes Mitempfinden zu beglaubigen. Doch am Ende ist die Hoffnung auf Demokratie in der attischen Polis für immer verspielt. Weil Eteokles die Macht nicht teilen wollte, und weil der daraufhin eingesetzte alte und neue Herrscher Thebens, Kreon, autokratisch durchregiert, stirbt auch der letzte Versuch einer Opposition, die sich auf göttliches Recht berufen kann.

Schon fast erstickt klingt Bettina Hoppes Stimme, in deren Gesicht sich trotz all der maskenhaften Weiße wilde Bewegung zeigt, als sie die Umstehenden anfleht: „Seht was ich leide, weil ich Heiliges für heilig hielt“. Zu spät. Die brutalen Autokraten und Mitläufer sind wie immer stramm auf dem Weg nach oben, Menschlichkeit und Mitleid haben in dieser Welt keine Chance.

Ulrich Rasches düstere Schau wirkt in unseren Zeiten wie eine Kassandra-Warnung. Seht her, scheint sie zu klagen, das historische Fenster für Demokratien, es beginnt sich mit unerbittlicher Präzision zu schließen, vielleicht für immer. Nach knapp dreieinhalb Stunden spendete das spürbar erschöpfte Publikum trotzdem noch trampelnden Applaus.

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