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Sickingen-Becher aus Speyer, gefertigt im Jahr 1519 in Silber und Gold.

Landesmuseum Mainz

Ein wahrer Haudegen

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Die geschichtsträchtige Schau über "den letzten RItter" Franz von Sickingen in Mainz führt zurück ins 16. Jahrhundert, als Schwertkämpfe üblich waren, der Buchdruck aufkam und Martin Luther eine neue Religion predigte.

Die Welt könnte so schön und übersichtlich sein. Die edlen Ritter flankieren den gütigen König, der unter dem Segen des Weltenherrschers Seite an Seite mit dem heiligen Klerus seine schützende Hand über das Volk hält. Doch von dieser heilen Welt in Pieter Bruyns d. Ä. Bild „Die drei Stände der Christenheit“ ist kaum etwas geblieben, als Franz von Sickingen im „Pfaffenkrieg“ 1522 gegen den Erzbischof von Trier zu Felde zieht: Viele Ritter sind zu Raubrittern geworden oder müssen sich in der Kavallerie in den Wirren der Reformation in zahlreichen Fehden und Heereszügen gegen Landsknechte und moderne Waffentechnik behaupten.

„Ritter! Tod! Teufel?“ heißt die Ausstellung, die nach einem späteren Titel für ein stolzes, Franz von Sickingen zugeschriebenes Ritterporträt Albrecht Dürers benannt ist und den vielleicht letzten Haudegen der deutschen Ritterschaft in seinem wahren Lebensumfeld zu entzaubern sucht. Sicher unterstützte Franz von Sickingen die Humanisten und setzte sich für die Ziele Martin Luthers ein, dem er sogar seine Ebernburg, die von Ulrich von Hutten gepriesene „Herberge der Gerechtigkeit“, als Fluchtstätte anbot. „Doch der Kampf war für Franz von Sickingen auch Mittel zum Zweck, um seine eigenen Interessen und Rechtsvorstellungen mit Waffengewalt durchzusetzen“, betont Andrea Stockhammer, Direktorin des Landesmuseums Mainz.

Waren also die vielen Pilger, die es ab 1889 im zweiten deutschen Kaiserreich zum überlebensgroßen Ehrenmal des Überritters am Fuße der Ebernburg zog, nur Opfer national-euphorischer Verblendung? Das Landesmuseum sucht nach Antworten, indem es den Besucher in die Welt der bunten Ritterturniere des 16. Jahrhunderts entführt: Vor der Kulisse der prachtvoll illuminierten Illustrationen Georg Rüxners werden Rüstungen im Zweikampf mit Lanze lebensecht in Szene gesetzt, der Prunkharnisch des Landgrafen Philipp von Hessen mit seinen Jagddarstellungen in seiner ganzen Schönheit präsentiert. Immerhin zeigen Hiebspuren am Helm, dass Hessens großmütiger Landesfürst das Prachtstück auch nutzte.

Doch stand bei den ritterlichen Wettkämpfen einst der Waffensport im Mittelpunkt, so dienten sie später nur noch der sportlichen Repräsentation eines überkommenen Standes. 1481 auf der Ebernburg geboren, hatte Franz von Sickingen Burgen und Kupferminen von seiner Familie geerbt, stemmte sich jedoch in kurpfälzischen Diensten mit aller Macht gegen den Funktionsverlust der Ritterschaft. Als „Fehdeunternehmer“ und „Networker“ mit einem weit verzweigten Netzwerk zu seinen Standeskollegen schaffte von Sickingen den gesellschaftlichen Aufstieg, suchte wie sein Bundesgenosse Götz von Berlichingen, dessen eiserne Hand als Nachbildung und frühes orthopädisches Meisterstück in Mainz gezeigt wird, den Schutz der hohen Herrscher. Doch er wurde von Kaiser Maximilian I. geächtet und stand vorübergehend im Dienst des französischen Königs Franz I. .

Waffen waren aber nicht mehr alles: Der Museumsbesucher biegt nach den Ritterschlacht-Darstellungen um die Ecke und sieht sich mit einer beeindruckenden originalen Gutenbergpresse konfrontiert: An den Wänden tanzen inszenierte Spottbilder vom „Papstesel“ und „Mönchskalb“ aus Schmähschriften und zeigen, dass sich mit der Erfindung des Buchdrucks in der Reformation zum Schwertkampf das Wortgefecht gesellte. Einen Einschnitt brachte für den Reichsritter die Freundschaft mit dem bedeutenden humanistischen Dichter Ulrich von Hutten, der nach anfänglichem Zögern ein Anhänger von Luthers Lehren wurde und Franz von Sickingen für die Reformation gewinnen konnte.

Der zweite Ausstellungsraum empfängt den Besucher mit einem nachempfundenen Burgzimmer, das etwas an die Lutherstube der Wartburg erinnert, aber mit einem präparierten Schädel samt Ritterkreuz leicht makaber anmutet. Die Eberburg wurde zum Treffpunkt gelehrter Reformationsstrategen wie Martin Bucer, Johannes Oekolampad oder Johannes Schwebel, Sickingen bekannte sich 1522 öffentlich zur Reformation.

Mit dem Vorhaben, ein katholisches Kurfürstentum zu säkularisieren, zog Franz von Sickingen unter vorgeschobenen Lösegeldforderungen gegen den Trierer Kurfürst Richard von Greiffenklau in die Schlacht und kämpfte somit gegen ein mächtiges Fürstenbündnis. „Dieses Unternehmen zeugt von Realitätsverlust, zumal Kaiser Karl V. von Sickingen Geld schuldete, und er deshalb nicht genügend Söldner zur Verfügung hatte“, sagt die Direktorin.

Franz von Sickingen versuchte nach der Eroberung von Blieskastel und Sankt Wendel, Trier zu belagern und mit „Pfeilbriefen“ die einfachen Leute gegen den Erzbischof für sich zu gewinnen. Doch er scheiterte, zog sich mit seinen Truppen plündernd moselabwärts auf die Burg Nanstein zurück, wo er im Beschuss der Koalitionstruppen an den Folgen einer schweren Verletzung 1523 verstarb. Das Museum lässt die Kämpfe nach dem Idealbildnis einer Schlacht von Hans Schäufelin wieder lebendig werden, zeigt eindrucksvoll die Konfrontation der Ritterschaft zu Pferde mit der Schlachtreihe aus Landsknechten mit Hellebarden und Kanonen.

Viele Rittersfamilien zogen die Konsequenz und übernahmen die Schutzmacht für Adelsrepubliken außerhalb des deutschen Reiches. Franz von Sickingen soll sich nach einem Idealbildnis des Historienmalers Johann Caspar Boschardts (1823–1887) auf dem Sterbebett „bis zum letzten Atemzug“ selbst treu geblieben sein.

Dieser Vereinnahmung des letzten Ritters zum romantischen Volks- und Nationalhelden widmet sich die letzte Sektion. Die dreiteilige Schau zeigt neben einigen vergrößerten Ausschnitten von Dürers Ritterbildern auch eine Auswahl von christlichen, antik-mythologischen und allegorischen Originalgrafiken aus der Zeit Franz von Sickingens.

Landesmuseum, Große Bleiche 49–51, Mainz. Bis 25. Oktober, dienstags 10–20 Uhr, mittwochs bis sonntags 10–17 Uhr.

Eintritt 6 Euro, Katalog 29,90 Euro.

Telefon (06131) 28 570.

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