Actress Brie Larson accepts her award for Best Actress, Room on stage at the 88th Oscars on February 28, 2016 in Hollywood, California. AFP PHOTO / MARK RALSTON
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Actress Brie Larson accepts her award for Best Actress, Room on stage at the 88th Oscars on February 28, 2016 in Hollywood, California. AFP PHOTO / MARK RALSTON

Oscar-Verleihung 2016

Die Wahrheit kriegt den Oscar

Bei der Preisverleihung in Los Angeles blieb der nominierte deutsche Kurzfilm unberücksichtigt. Moderator Chris Rock witzelte über die Rassismus-Diskussion.

Von PATRICK T. NEUMANN (DPA)

Der Journalistenthriller „Spotlight“, das Rachedrama „The Revenant – Der Rückkehrer“ mit Leonardo DiCaprio und das Actionspektakel „Mad Max: Fury Road“ sind die großen Gewinner der diesjährigen Oscar-Verleihung. „Spotlight“ wurde von der US-Filmakademie zum besten Film des Jahres gewählt und erhielt außerdem die Trophäe für das beste Original-Drehbuch. Der Film erzählt die wahre Geschichte von einer Arbeitsgruppe aus Journalisten der amerikanischen Tageszeitung „Boston Globe“, die einen vertuschten Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche enthüllen.

Mit dem bildgewaltigen Abenteuerepos „The Revenant“ konnte sich Hollywood-Schauspieler DiCaprio als Hauptdarsteller den ersten Oscar seiner Karriere sichern. Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu als Regisseur des Films wurde zum zweiten Mal nach „Birdman“ für die beste Regie ausgezeichnet. Außerdem gab es den dritten Oscar hintereinander für den mexikanischen Kameramann Emmanuel Lubezki. „Mad Max“ räumte zwar die meisten Oscars in diesem Jahr ab, allerdings keinen in den Königskategorien. Sechs Trophäen gewann der rasante Film: für das Kostüm- und das Produktionsdesign, für den Film- und den Tonschnitt, die Tonmischung sowie für Make up und Frisuren.

Brücke der Spione

Bei den Hauptdarsteller-Preisen setzte sich neben DiCaprio auch die 26-jährige Favoritin Brie Larson durch. Sie wurde für ihre Darstellung einer aufopferungsvoll kämpfenden Mutter in dem Entführungsdrama „Room“ („Raum“) geehrt. Mit den Auszeichnungen für die besten Nebendarsteller überraschte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hingegen: Die Schwedin Alicia Vikander und der britisch-amerikanische Schauspieler Mark Rylance bekamen ihre ersten Oscars. Die 27-jährige Vikander erhielt die Auszeichnung für ihre Rolle in dem Transsexuellendrama „The Danish Girl“. Rylance wurde für seine Rolle als russischer Spion in dem Steven-Spielberg-Film „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ ausgezeichnet.

Den größten Gesprächsstoff dieser 88. Verleihung lieferte jedoch der schwarzamerikanische Moderator Chris Rock. Die Awards seien auch als die „Preise der Weißen“ bekannt, sagte der 51-Jährige, gekleidet in einen weißen Anzug. Damit spielte er auf die Meinungsverschiedenheiten über die diesjährigen Nominierungen in den wichtigsten Kategorien an. Es waren keine Afroamerikaner unter den Oscar-Kandidaten, was von einigen schwarzamerikanischen Filmschaffenden als Rassismus gewertet wurde. Doch machte sich Chris Rock nicht nur über die Weißamerikaner lustig, sondern spottete auch über die Schwarzamerikaner: „Warum protestieren wir aber? Warum bei diesen Oscars?“ Früher habe es keine Proteste gegeben, sagte Rock und verwies ironisch auf die 50er und 60er Jahre. „Wir waren damit beschäftigt, vergewaltigt und gelyncht zu werden. Wenn deine Großmutter an einem Baum hängt“, dann ist dir egal, was die beste Dokumentation ist.

Der große Leerverkauf

Die deutschen Oscar-Hoffnungen wurden enttäuscht. Der Berliner Setdekorateur Bernhard Henrich war in der Kategorie Produktionsdesign nominiert – den Oscar erhielt aber „Mad Max“. Und Regisseur Patrick Vollrath aus Niedersachsen gehörte mit seinem Werk „Alles wird gut“ zu den Nominierten in der Kategorie Kurzfilm – den Oscar erhielt jedoch der britische Film „Stutterer“. Die beiden Drehbuch-Oscars gingen an den Thriller „Spotlight“ (Originaldrehbuch) sowie an den Finanzthriller „The big Short“ mit Christian Bale und Ryan Gosling als Wall-Street-Aktienhändler.

Die Pixar-Produktion „Alles steht Kopf“ wurde als bester Animationsfilm ausgezeichnet, der Film „Ex Machina“ für die besten Spezialeffekte. Den besten Filmsong lieferten Jimmy Napes und Sam Smith mit „Writing’s On The Wall“ für den James-Bond-Film „Spectre“. Der 87-jährige Filmkomponist Ennio Morricone erhielt für seine Kompositionen zu Quentin Tarantinos Western „The Hateful 8“ seinen ersten Musik-Oscar. Eine späte Genugtuung, schließlich hatte der Italiener für seine berühmten Mundharmonika-Klänge zu dem Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ keinen Preis erhalten. Morricone bedankte sich für die Goldstatuette in Los Angeles auf Italienisch. Sein Sohn Giovanni übersetzte für das Publikum. Die Auszeichnung widme er seiner Frau Maria, sagte Morricone und erklärte später vom Hotelzimmer aus: „Sie hat immer viel Geduld mit mir gehabt und meine ständige Abwesenheit ertragen.“

Mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film hat die Filmakademie den aus ungewöhnlicher Perspektive erzählten KZ-Film „Son of Saul“ des ungarischen Regisseurs László Nemes (39) ausgezeichnet. Das Drama ist im einstigen deutschen Vernichtungslager Auschwitz angesiedelt, schildert aber nicht vorrangig die Gräuel rund um die Gaskammern, sondern stellt die Geschichte des Insassen Saul in den Mittelpunkt, der verzweifelt versucht, seinen Sohn beerdigen zu lassen. Der Film war im vergangenen Jahr beim Filmfest in Cannes vorgestellt worden und hatte zu hitzigen Diskussionen geführt. Saul arbeitet im Sondereinsatzkommando an den Gaskammern, sortiert die Kleidung, schleppt die Leichen zu den Öfen, schaufelt die Asche in einen See. Das alles filmt Nemes aber meist sehr unscharf; denn sein Fokus liegt auf Saul. Die Kamera ist immer nah an ihm dran, rennt mit ihm durch das Lager, die Baracken, stets auf der Suche nach einem Rabbi für die Beerdigung.

Blick nach Auschwitz

Nemes gelingt es so, fast beiläufig einen Einblick in das wie eine Fabrik funktionierende Konzentrationslager zu geben. Inszeniert im quadratischen 1:1-Format, das die große Kinoleinwand lange nicht ausfüllt, entsteht sogar so etwas wie Intimität innerhalb dieser Todesmaschinerie. In Cannes wurde intensiv diskutiert: Darf ein Film über den Holocaust so sein?

„Son of Saul“ ist der Debütfilm von Nemes, der einst Assistent bei dem namhaften Regisseur Béla Tarr war. Das Werk wurde in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und gewann bereits den Golden Globe als bester nicht-englischsprachiger Film. Am 10. März kommt das Werk in die deutschen Kinos.

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