Eine Recherche im Konzertsaal

Warum müssen Leute in klassischen Konzerten immer so viel husten?

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Sind es Viren und Bakterien, die das Publikum zum Husten zwingen? Ist es die Langeweile? Warum kann im Konzertsaal nie Ruhe herrschen? Eine Recherche zwischen den Stuhlreihen.

„Bitte achten sie darauf“, erinnert das Programmheft die Besucher der Alten Oper freundlich, „während des Konzerts störende Hustengeräusche zu vermeiden!“ Leichter gesagt als getan – das Publikum hustet trotzdem, vor allem zwischen den Sätzen einzelner Sinfonien oder Sonaten: herzhaft, ja lustvoll, intensiv und gerne auch in Generalpausen hinein. Also muss manchmal ein weiterer Appell her, diesmal an die Vernunft: „Lautes Husten beeinträchtigt die Konzentration der Künstler“. Das wäre doch schade!

Der Dirigent Michael Tilson Thomas warf einst Hustenbonbons ins Publikum, andere, wie der Pianist Alfred Brendel, blickten grimmig von der Bühne herab. Keith Jarrett gar verlässt noch heute nach Hustenattacken seiner Zuhörer die Bühne. Damit bewahrheitet sich: Husten schadet auch „dem Genuss der Zuhörer“.

Wer ins Konzert geht, kennt das. Und hört es – gerade in diesen Tagen, da Bakterien und Viren sich aus der Kälte in den Rachen der Menschen flüchten und sie zu husten zwingen. Husten äußert sich in verschiedenen Frequenzen und Stärkegraden: Manche bellen geradeheraus, einmal und laut, andere versuchen die Attacke in kleinste Einheiten zu stückeln und husten halt öfter und länger. Generell entsteht der Eindruck: Je leiser, je intimer die gespielte Musik ist, je konzentrierter ein Publikum zuhört, desto geräuschvoller und aufdringlicher entlädt sich die Spannung in Husten, Röcheln und Räuspern. Ja, es scheint, als husteten die Leute am liebsten in der Oper oder im klassischen Konzert und nicht z. B. bei einem „Rammstein“-Konzert.

Was passiert da? Warum husten nicht auch die Musiker auf der Bühne? Und warum wird nur in Konzerten mit klassischer Musik gehustet? Die Sache ist zunächst mal eine rein statistische: Wenn mehr Menschen zuhören als auf der Bühne spielen, wird eben mehr gehustet, sagt Melanie Wald-Fuhrmann. Die Direktorin der Musikabteilung am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt erforscht das Verhalten bei der Musik-Rezeption, also beim Zuhören und Erleben von Musik. Für sie hat Husten nicht immer mit Bakterien, Viren und zu trockener Luft zu tun: „Die Musik ist komplexer geworden und verlangt mehr Aufmerksamkeit“. Das führe dazu, dass man sich beim Zuhören nicht mehr bewegen könne, nicht mehr bewegen dürfe. Denn das macht Geräusche und stört! Aber es zwingt Hörer eben in eine ungemütliche Haltung: „Irgendwo müssen wir ja hin mit den Anspannungen, den inneren Bewegungsimpulsen – es ist total unnatürlich, dass wir uns so lange nicht bewegen!“, sagt die Expertin. Also wird gehustet. Doch die Bittsteller im Programmheft haben genauer hingehört: Es wird ja nicht nur gehustet, geprustet und geschneuzt. In den kleinen Pausen zwischen einzelnen Sätzen richten sich die Leute auch wieder in ihren Sitzen auf, legen die Beine übereinander, vergewissern sich, dass die Begleiterin nicht eingeschlafen ist – kurz: „Hustengeräusch“ ist das richtige Wort. Es gibt eben auch andere Lärmquellen, die Entspannung verschaffen.

Eine ist völlig verpönt: das Applaudieren im falschen Moment. Da mag im ersten Satz des Solokonzerts die Geigerin noch so virtuos durch die Noten geprescht sein – fehlgeleitetes Klatschen gilt als Mangel an Bildung, Ehrfurcht und Contenance, überhaupt als Banausentum: Dieses schreckliche Eventpublikum! Soll doch zum Jazz, zum Pop oder gleich ins Fußballstadion gehen, denkt mancher penible Klassik-Freund. Wo übrigens nicht gehustet wird, oder man, weil es so laut ist, das Husten einfach nicht hört.

Komponisten wie Mendelssohn (im Violinkonzert) oder Schumann (im Klavierkonzert) haben mit musikalischen Mitteln auf die zu ihrer Zeit noch viel mehr verbreitete Gepflogenheit reagiert: Aus dem Schlussakkord ihrer Konzertsätze ließen sie einen Ton hinaus- und in den langsamen Satz hineinragen. Erst nach dem Adagio gönnten sie dem Publikum einen Verschnaufer. Solchermaßen sediert, klatschen die Hörer nicht und husten auch nicht – die Musik an sich entspannt.

Während Rossini etwa Primadonnen und Startenören reichlich Beifall nach den Arien gönnte, komponierte Wagner „durch“, wie man’s nennt, aber ehrlich gesagt: Knackige, beifallheischende Melodien sind dem Schöpfer des Gesamtkunstwerks ohnehin nur selten eingefallen! Natürlich könnte Husten im Konzert auch ein

Zeichen von Verlegenheit

sein: Ich verstehe das Stück nicht! Es tut meinen Ohren weh (Lieblingsklage bei Neuer Musik!), wie lange dauert das noch? Man merkt solche Reaktionen des Unwohlseins auch am verzweifelten Blättern im Programmheft. Oder am unruhigen Hin- und Herrutschen. Vielleicht hustet man auch aus Langeweile? Da wären die Interpreten selbst dran schuld.

„Meine Konzerte habe ich mehrmals wegen der Husterei unterbrochen, und danach waren die Leute plötzlich still. Daran kann man sehen: Es geht!“ – einem Künstler wie Alfred Brendel konnte das gelingen. Melanie Wald-Fuhrmann geht sogar soweit, Husten als eine Form des Beifalls zu deuten: „Geräuschemachen zwischen den Sätzen ist eher ein Beweis für besonders konzentriertes Zuhören zuvor.“

Schlimmer als Husten ist übrigens, zuhören zu müssen, wie hinter einem die etwa vom Rheingau-Musik-Festival empfohlenen Taschentücher oder Hustenbonbons aus ihren Hüllen gewickelt werden. Und noch schlimmer ist es, wenn die Zuhörer nicht mehr husten, sondern – schnarchen!

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