"Auch Helden haben's schwer"

Warum sind außergewöhnliche Menschen oft mit dunklen Kräften im Bunde?

Heldentum hat in unserer Gesellschaft kaum noch einen Platz. Wie kann das sein? Was ist aus den Helden geworden? Wo sind sie geblieben? Ist Donald Trump ein Held? Ist Heldentum erstrebenswert? Philosophen müssen es ja wohl wissen. Wir haben einen in Frankfurt besucht.

Martin Seel (62) lehrt Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt. Schwerpunktmäßig befasst er sich mit Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes, Erkenntnistheorie und Ethik. Auch mit der Ästhetik der Natur sowie mit der Theorie der Künste (vor allem Fotografie und Film) kennt er sich aus. In seinem Büro im IG-Farben-Haus haben wir ihn besucht.

Herr Seel, Sie sind ein Philosoph: Was ist ein Held? Gibt es Menschen, die keine Helden sein können?

MARTIN SEEL: Helden sind Menschen, die außergewöhnliche und manchmal scheinbar sogar übermenschliche Fähigkeiten haben und Taten vollbringen, mit denen sie auch Erfolg haben. Der Held ist jemand, der etwas vermag und auch vollbringt, was die allermeisten anderen Menschen nicht vermögen. Ob im Krieg, im Sport, auf der Theaterbühne oder im Alltag. Menschen, deren hervorstechende Charaktereigenschaft die Feigheit ist, taugen eher wenig zu Helden. Aber das hängt auch von der Situation ab. Ein Deserteur kann von seinen Vorgesetzten als Feigling eingestuft werden. Ihm kann aber möglicherweise ein Heldenstatus zugeschrieben werden, wenn die kriegerische Aktion, der er sich – vielleicht sogar aus Feigheit – entzieht, eine verwerfliche oder verbrecherische ist. Man muss schon genau hinschauen, wenn es um tatsächliches oder vermeintliches Heldentum geht. Es gibt nicht das eine Kriterium, das einen Menschen zu einem Helden macht. Zum Helden wird man ja auch nicht geboren. Als Held muss man sich erweisen.

Kann sich jeder zum Helden erklären?

SEEL: Nein, für sich selbst kann man kein Held sein und man kann sich auch nicht selbst dazu ernennen. Denn ,Held’ ist immer eine Zuschreibung von anderen. Ein Politiker zum Beispiel kann sich einen Heldenstatus in den Augen anderer erwerben, aber er kann ihn vor den Augen dieser Menschen auch schnell wieder verlieren. Er mag sogar glauben, der Held eines bestimmten Kollektivs zu sein, das sich längst von ihm abgewandt hat. Es kommt immer auch auf den historischen, politischen und kulturellen Kontext an, ob und mit welchem Recht Menschen der Heldenstatus zuerkannt wird.

Wie meinen Sie das?

SEEL: Es gibt soziale Situationen oder kann sie geben, in denen es ein Bedürfnis nach Helden gibt. Das aber ist durchaus zwiespältig. Denn dieser Held soll etwas richten, etwa eine Krise bereinigen, wie es andere angeblich nicht können. Je zivilisierter eine Gesellschaft ist, je demokratischer und egalitärer sie verfasst ist, desto geringer ist ihr Bedarf an Helden. Vermutlich sieht derzeit eine Minderheit der Nordamerikaner in Donald Trump einen Helden. Aber es ist kein gutes Zeichen für die Demokratie, wenn sich in ihnen – unter Missachtung des für alle geltenden Rechts – ein Bedarf an Helden entwickelt.

Ist Heldentum durchweg positiv besetzt?

SEEL: Nein. Wenn im Alltag ein Unfall passiert, und jemand beweist Reflexe und Fähigkeiten, die einem Menschen das Leben retten, ist das zwar ein Beispiel ungewöhnlicher Courage. Aber die Rede von „Heldinnen“ oder „Helden“ klingt angesichts solcher Handlungen doch allzu bombastisch. Wenn wir in die Mythologie schauen, sind Helden dort ja höchst unwahrscheinliche Figuren, so wie Herkules, ein Halbgott, der Taten vollbringt, die kein anderer Mensch je vollbringen könnte. Wird dieses Heldenphantasma auf Menschen übertragen, so liegt darin immer eine Anmaßung. In der Mythologie haben Helden ihren Status von früh bis spät. Im wirklichen Leben dagegen ist niemand ein Held; hier gibt es höchstens Teilzeithelden. Abgesehen davon gibt es viele Bereiche, in denen Menschen zwar Außerordentliches vollbringen, in denen man sich mit Heldenhaftigkeit und Heldenverehrung aber nur lächerlich macht. In der künstlerischen oder intellektuellen Sphäre ist für Heldentum kein Platz, und auch im politischen Bereich wäre eine Welt ohne Heldenbedarf ein durchaus besserer Ort.

Warum gibt es so viele Helden in der Mythologie? Was ist denn ihre Funktion?

SEEL: Hegel sagt in seinen Vorlesungen über die Ästhetik, dass die sogenannte Heroenzeit die beste Zeit sei, um zugespitzte repräsentative Handlungskonflikte dramatisch darzustellen. Diese Heroenzeit zeichnet sich dadurch aus, dass die als Helden dargestellten Menschen selbst über Recht und Gesetz bestimmen, ohne den Bedingungen einer verwalteten Welt unterworfen zu sein. Man kann hier auch an Figuren im klassischen Western denken: an Männer, die selbst das Gesetz sind, das sie mit ihrer Waffe verteidigen. In der Literatur dagegen ist der ungebrochene Held seit langem verschwunden, falls er dort je zu finden war. Denken Sie an den Weg von Homers „Odyssee“ zu James Joyces „Ulysses“. In Joyces Roman ist aus Odysseus ein gewöhnlicher Anzeigenakquisiteur geworden – das Gegenteil eines Helden. Die „Helden“ der neueren Literatur – und auch des Kinos – sehen immer schäbiger aus. Sie führen nicht mehr vor, was Menschen idealerweise sein könnten, sondern was sie tatsächlich sind: eigeninteressierte Akteure noch dort, wo sie sich auf die Seite der oder des Guten schlagen.

In den Krimis von Raymond Chandler kommt dieser Typ ja häufig vor.

SEEL: Ja. Philip Marlowe ist eine Figur, die vor allem ihre eigene Agenda verfolgt und über eine gehörige Portion Zynismus verfügt, aber letztlich die Sache – wenigstens für den Augenblick – richten kann. Den Antihelden, die man in der Literatur und in anderen Künsten findet, mangelt es an blütenreinen Tugenden, aber gerade deswegen interessieren sie uns, weil auch wir insgeheim wissen, dass in mancher Tugend ein Laster und in manchem Laster eine Tugend steckt.

Brauchen wir politische Helden?

SEEL: Nicht unbedingt. Donald Trump versucht beharrlich, die Rolle eines Herkules zu spielen, der against all odds einen von ihm fantasierten Augiasstall aufräumt. Er inszeniert sich gegenüber seinen Anhängern als eine heldengleiche Autoritätsperson, was ihn andererseits für seine Gegner lächerlich erscheinen lässt. Spätestens sobald sie an der Macht sind, werden für Helden gehaltene Politiker zu einer Gefahr. Ein Gegenbeispiel wäre Martin Luther King, der in den USA aus einer Position der Ohnmacht heraus zum Sprecher der Schwarzen wurde.

Ist es heute schwieriger, ein Held zu sein als früher?

SEEL: Das kommt uns vielleicht so vor. Es schien eine Weile so, als habe – vor allem in Europa – das Verlangen nach Führungsfiguren, die das Schicksal eines Volkes oder einer Nation in die Hand nehmen, abgenommen. Man kann nur hoffen, dass es den Galionsfiguren derer, die jetzt wieder auf potentielle Helden setzen, nicht gelingen wird, ihren Nimbus zu erhalten.

Was ist mit demokratischen Spitzenpolitikern? Ist Angela Merkel eine Heldin?

SEEL: Sie hatte, nach Ansicht einiger Menschen, ein heroisches Momentum, als sie für ihre Verhältnisse ungewöhnlich entschlossen die Balkanroute für Flüchtlinge öffnete. Ob sie für ihre Bewunderer von damals heute, nach Verabschiedung des EU-Türkei-Abkommens, noch immer eine Heldin ist, darf bezweifelt werden.

Brauchen Gesellschaften ein Idealbild?

SEEL: Auf keinen Fall. Solche Idealbilder sind letztlich repressiv, weil sie ein freizügiges Miteinander der Menschen einschränken. Man denke nur an den Ruf nach einer „Leitkultur“, die für alle Gesellschaftsmitglieder verbindlich sein oder werden soll. Dagegen ist es der Sinn einer demokratischen Kultur, auf der Basis von Verfassung und Recht alle Menschen nach ihrer Façon leben zu lassen.

Ist es erstrebenswert, ein Held zu werden?

SEEL: Nicht wirklich, allein deshalb, weil die Fallhöhe außerordentlich hoch ist. Streben solle man danach, einigermaßen aufrecht durchs Leben zu gehen, ohne sich einzubilden, man könnte als einzelner die Welt bewegen, beherrschen oder zum Guten wenden. Wenn man – für was auch immer – von anderen zur Heldin oder zum Helden erkoren wird, sollte man das mit Gleichmut ertragen und sich davon nicht blenden lassen. Dunkle Kräfte spielen seit jeher mit dem Helden, und die meisten Helden spielen mit dunklen Kräften.

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