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Wann stirbt er endlich? Béline (Sybille Weiser) hat es nicht einfach mit ihrem Mann, dem hypochondrischen Argan (Rainer Kühn).

Schauspiel Frankfurt

Wehrlos vor den Qualen der Krankheit

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Evgeny Titov und Wolfgang Behrens inszenieren Molières Stück über einen Hypochonder, der sich von niemandem von seinem Wahn abbringen lässt.

Es ist ein düsterer Raum, in dem Argan leidet. Die Wände sind aus dunkelgrauem Stein, das Ruhelager ein hartes, das auch als Nische einer Grabkammer taugt. Auf einer Seite führt eine Treppe nach oben zu einer Galerie mit Tür ins Unbekannte. Und für die quälende Notdurft ist in den Boden ein rundes Loch eingelassen, das zur Abwehr der hochsteigenden, ekligen Gerüche, mit einer Abdeckung versehen ist.

Hier, mitten im Zentrum des von Duri Bischoff und Florian Schaaf entworfenen Bühnenbildes, beginnt im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters die letzte Komödie von Molière. Es ist die, bei deren vierter Aufführung der Dramatiker und Schauspieler selbst 1673 in Paris einen Schwächeanfall erlitt, an dem er kurz darauf verstarb. Das Absonderliche ist, dass der ironische Schreiber in „Der eingebildete Kranke“, so der Titel des populären Stücks, gesundheitliche Probleme oder die tief sitzende Überzeugung, diese zu erdulden, thematisiert, sowie das Unvermögen der Mediziner, etwas Wirkungsvolles dagegen zu unternehmen.

Nur ein Tuch um die Hüfte

Rainer Kühn stellt den für sein Umfeld schwer erträglichen Hypochonder eindringlich und trotz aller Überspitztheit glaubhaft dar. Nur ein weißes Tuch um die Hüften (Kostüme: Eva Dessecker) trägt er am abgemagerten Körper, eine bauschige Decke schützt vor Kälte. Was ihn aus dem Inneren heraus nach eigenen Worten zermürbt, lässt er hörbar hemmungslos heraus. „Ich muss kacken“, ist das Erste, was Argan nach anfänglich unverständlichem Gemurmel deutlich sagt. Worauf er die entsprechende Handlung folgen lässt.

Was sich im Original noch ein wenig versteckt hält, aber in Andeutungen bereits zutage tritt, haben Regisseur Evgeny Titov und Dramaturg Wolfgang Behrens in ihrer Fassung des Klassikers herausgearbeitet. Das betrifft nicht nur die unangenehmen Seiten der Krankengeschichte, sondern auch die Motivationen der Arganschen Wegbegleiter. Seine zweite Frau Béline (Sybille Weiser) sieht aus wie eine abgehalfterte Bardame aus der Westernzeit, in rotem Rüschenkleid und aufgelöster Lockenfrisur. Als ihr Gatte, um dessen Erbe allein es ihr geht, tot sein soll, hält sie den passenden Grabschmuck schon bereit. Trauer heuchelt sie nicht mal; der Schein-Tote sei schließlich zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen und post mortem immerhin ein willkommener Geldspender.

Überhaupt ergeben die auf sieben starke Darsteller reduzierten Rollen ein herrliches Ensemble, sehen aus wie gerade aus der Geisterbahn entsprungen. Dienerin Toinette, von Evelyn M. Faber spröde und mit trockenem Humor verkörpert, wirkt in schwarzem Kleid und mit weiß geschminktem Gesicht wie eine schwarze Witwe, Argans Tochter Angélique (Lina Habicht) in verspieltem Kleidchen und mit Schleife auf dem Kopf wie ein Gespenstermädchen. Den zwischenzeitlichen Höhepunkt der Handlung stellt jedoch das Erscheinen von Doktor Diafoirus (Benjamin Krämer-Jenster) und seines Sohnes Thomas (Rouwen Huther) dar, ein in Körpergröße und -bau völlig unterschiedliches Pärchen, das neben der Glatze auch die einfältige Kleidung eint. Angéliques Geliebter Cléante (Paul Simon) fällt ein wenig aus der Gruppe heraus; sein Gesang ist ohrenbetäubend, und auch sein Auftritt zeugt von überschäumendem Temperament, das an den Nerven zehrt.

Religiöse Ebene

Die Horrorgestalten und die Krypta-Atmosphäre unterstützen die Verlagerung der Leidensgeschichte auf die bei Molière ebenfalls schon erkennbare religiöse Ebene. Es ist die Erbsünde, die Argan zu schaffen macht. Und gegen die natürlich kein Kraut gewachsen ist.

So zitiert eine Stimme aus dem Off aus dem Matthäus-Evangelium, was ursprünglich die Dienerin in seltsamer Verkleidung sagt: Dass Argan einen Arm oder ein Auge opfern soll, da diese ihn verführen. Scheinbar erleuchtet schreitet der Angesprochene voran, dem Licht entgegen, das in der obersten Etage aufleuchtet, um sich doch noch rechtzeitig auf den eigenen Wunsch nach Unversehrtheit zu besinnen. Als er den Qualen kraftlos zu erliegen droht, legt er sich gleich mehrmals so in Positur, wie berühmte Bilder vom Sterben und der Auferstehung Jesu erzählen. Doch die Rolle des Märtyrers liegt dem Leidenden nicht. Das Abdriften ins Spirituelle wird ganz am Ende zunichtegemacht.

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