Frankfurter Theater

Das Junge Schauspiel führt "Jetzt aber anders" auf

Der Gruppenprozess ist praktisch immer ein fundamentaler Teil der Erzählung in den Arbeiten der Theaterpädagogin Martina Droste mit dem Jungen Schauspiel am Frankfurter Theater.

Aus der Gruppe heraus werden die Texte für die Aufführungen gefiltert. Das Prinzip wiederholt sich, die variierte Gleichförmigkeit dieses Selbsterfahrungstheaters über Jahre hinweg stellt natürlich ein Problem dar: Man weiß zu genau, was einen erwartet. Die Stücke leben von der kanalisiert in den Mittelpunkt gestellten Individualität der Jugendlichen – so nun auch das mit einem inklusiven Ensemble im Alter zwischen 14 und 22 Jahren erarbeitete „Jetzt aber anders“.

Fragen und Antworten innerhalb der zwölfköpfigen interkulturellen Gruppe wechseln, nach der Art: „Was löst es in Dir aus, wenn Du darüber sprichst?“ Das klingt so formelhaft wie in der Therapiestunde, doch man erfährt einiges über Schicksale einer Verschickung als Kind aus Afghanistan oder dem Irak, derweil die Familie in der Heimat zurückbleibt, oder über den Verlust des Zuhauses nach einer Scheidung.

Suche nach sich selbst

Das zentrale Motiv in dieser überschaubar choreografierten Sprechpartitur, die Droste mit Aleksandra Scibor, Professorin für szenische Körperarbeit am Schauspielzweig der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, eingerichtet hat, ist die adoleszente Suche nach sich selbst. Was natürlich in erster Linie auch eine Frage der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit des sozialen Umfelds ist.

Zuerst tritt ein Junge im Abendanzug mit Fliege auf, der vom Down-Syndrom betroffen ist. Er trägt den „Rosenstolz“-Schlager „Auch im Regen“ vor, mit dünner Stimme, als Sprech-Ungesang. Doch er zieht das durch, bei aller vorher thematisierten Angst vor der Blamage. In der nächsten Szene stellt ein Junge die Frage aller Fragen: warum wir hier sind. Ein Mädchen, auch mit Klebeband über dem Mund nicht zu bändigen, fragt, ob wir diesen Umstand richtig nutzen. Aus dem Publikum erschallt ein vielstimmiges „Ja!“

Das Ganze spielt sich vor dem roten Theatervorhang ab, der bald fällt und den Blick auf eine bis auf einen roten Drehsessel leere Bühne (Ausstattung: Michaela Kratzer) freigibt, deren Hintergrund wiederum ein Samtvorhang bildet. Ein Mädchen bekennt, des Grapschens und der blöden Anmache satt zu sein, und wird bedrängt von einer Gruppe Jungen und Mädchen.

Träume und Wirklichkeit

Ensemblemitglieder treten hervor und bekunden, womit sie nicht einverstanden sind. Mit der Existenz von Krieg, Waffen und Soldaten zum Beispiel. Wünsche werden geäußert, etwa nach einer gerechteren Wirtschaftsordnung und einem angemessenen Umgang mit der Umwelt. Oder mehr Inklusion.

Ein historisches „Spiegel“-Exemplar mit dem Titel „Studenten auf den Barrikaden“ aus dem Jahr 1968 taucht auf; im Hintergrund ist immer wieder die gleißende Gitarre aus dem Song „Der Traum ist aus“ von „Ton Steine Scherben“ zu hören. Im Text heißt es „Aber ich würde alles dafür geben / Dass er Wirklichkeit wird“. Die rebellische Ambition der 68er-Generation ist diesen jungen Menschen ganz sicher nicht eigen. ,,Unpolitisch“ sind sie deshalb noch lange nicht.

Einmal klingt an, dass eines der Mädchen aus einer persönlichen Krise heraus in eine Partei eingetreten ist. Dazu hätte man gerne mehr gehört.

Rubriklistenbild: © Jessica Schäfer

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare