Roger Cicero (rechts) mit dem Jazz-Trompeter Till Brönner 2009 bei einem Konzert in Dresden. Bis der Sinatra-Hut kam, trug er Schiebermütze.
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Roger Cicero (rechts) mit dem Jazz-Trompeter Till Brönner 2009 bei einem Konzert in Dresden. Bis der Sinatra-Hut kam, trug er Schiebermütze.

Roger Cicero

Wenn der Tag anbricht, beginnt er zu swingen

Der in Berlin Geborene brachte mit seinem eleganten Gesang in Erinnerung, wer Frank Sinatra war. Und dass „Macho-Songs“ nicht unter Strafe stehen müssen.

Von STEFFEN RÜTH

Sein Lieblingslied von Frank Sinatra war „Let’s Face The Music And Dance“. Denn, so meinte Roger Cicero in einem Interview, „dieser Song dreht sich darum, dass das jähe Ende einer unbeschwerten Lebensphase unmittelbar und unweigerlich bevorsteht. Doch bis zum dramatischen Schluss genießt man die Zeit und tanzt so lange, wie die Musik spielt.“ Turbulent, so fügte er noch lachend an, werde das Leben immer schon ganz von selbst. Für Roger Cicero, der sein Leben mit all seinen Turbulenzen so liebte, hat die Musik nun aufgehört zu spielen. Ganz plötzlich und aus sprichwörtlich heiterem Himmel. Im April wollte er wieder auf Tournee gehen und auch nach Frankfurt kommen, um seine Alben „Cicero sings Sinatra“ sowie „The Roger Cicero Jazz Experience“ zu präsentieren. Nun aber wurde er mit „akuten neurologischen Symptomen“ infolge eines Hirninfarkts ins Krankenhaus eingeliefert, wo er das Bewusstsein bis zu seinem Tod am Gründonnerstag in Hamburg nicht wiedererlangte. Plötzlich, so scheint es, ist die Welt stiller geworden.

Denn mit Roger Cicero verliert Musikdeutschland einen seiner elegantesten, gewitztesten und einfallsreichsten Sänger. 2006 war er plötzlich da, mit seinem ersten Solo-Album „Männersachen“. Ein relativ junger, gutaussehender Mann, der das Handwerk des Jazz und Swing perfekt beherrschte. Er trat stets gut gekleidet in Anzug, feinen Schuhen und mit Hut oder Schiebermütze auf und war neben aller musikalischen wie gesanglichen Finesse eine grandios lässige Erscheinung. Er kam gerade recht für die damalige Zeit und rettete den Jazz, den Swing und den Klang einer Big Band vor dem Vergessen. Als „augenzwinkernde Macho-Songs“ bezeichnete er seine Nummern gern. „Hier und da“, so sagte er, „bin ich nicht frei von leicht chauvinistischen Attitüden, aber ich kann auch über mich selbst schmunzeln.“ Mit seinem Lied „Frauen regier’n die Welt“ nahm Cicero 2007 sogar am Finale des Eurovision Song Contest teil.

Jugend im Bundesorchester

Der 1970 in Berlin geborene Sohn des aus Rumänien stammenden Jazzpianisten Eugen Cicero (der 57-jährig ebenfalls einem Hirnschlag erlag) und der Tänzerin Lil Cziczeo hat lange für seinen Erfolg ackern müssen. Doch Cicero, in dessen Elternhaus Stars wie Caterina Valente ein und aus gingen, begegnete dem Showbetrieb von klein auf ohne Scheu. Er lernte Klavier, Gitarre und Gesang am Hohner-Konservatorium in Trossingen und später Jazzgesang an der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten in Hilversum. Schon als Teenager trat er im Trio seines Vaters, mit Horst Jankowski sowie dem Bundesjugendjazzorchester auf. Später wurde er Gastsänger bei den Gruppen „Soullounge“ und „Jazzkantine“. Ein Leben im Jazz-Prekariat. „Ich musste ständig übers Geldverdienen nachdenken, hatte immer Angst, zu wenig Engagements zu bekommen“, sagte er 2009. Damals konnte er erleichtert hinzufügen: „Inzwischen führe ich ein ganz anderes Leben.“

Mit fünf Alben erreichte er in Deutschland die obersten fünf Plätze der Hitparaden, auch in der Schweiz und in Österreich hatte er sich etabliert. Roger Cicero unternahm immer wieder neue künstlerische Exkursionen. 2008 spielte er in dem Knef-Film „Hilde“ mit, er schrieb ein Buch („Weggefährten: Meine Songs fürs Leben“), synchronisierte für Disney einen Frosch, moderierte zeitweise die Show „Hit-Giganten“, nahm 2014 an der ersten Staffel von „Sing meinen Song“ teil und sang (obschon gänzlich uninteressiert an Fußball) den offiziellen DFB-Fansong zur EM 2012, „Für nichts auf dieser Welt“.

Bei aller Nähe zum heiteren Klamauk konnte Roger Cicero aber auch ernste Lieder glaubhaft singen. Seine vielleicht schönste Ballade heißt „Frag nicht wohin“ und handelt davon, wie ein Vater seinen Sohn zu Bett bringt, mit ihm über die gescheiterte Beziehung zu dessen Mutter spricht („Nein, du bist ganz bestimmt nicht schuld daran“) und den Kleinen bittet, nicht zu fragen, wohin er jetzt noch gehe. Ciceros persönliche Situation war ganz ähnlich. Von der Mutter seines siebenjährigen Sohnes lebte der langjährige Wahl-Hamburger getrennt, seit einiger Zeit war er neu liiert.

Leben in jeder Sekunde

Im vergangenen Herbst gab Roger Ciceros Gesundheit erstmals Anlass zur Besorgnis. Wegen Erschöpfung und einer Herzmuskelentzündung musste er mehrere Monate pausieren. Gerade erst hatte er sich erholt. Die Energie sei zurück, beteuerte er jüngst, mit Meditation und Yoga habe er die Belastungen des Alltags nun wieder im Griff. In dem Lied „Wenn es morgen schon zu Ende wär’“ aus seinem 2014 erschienenen Album „Was immer auch kommt“ beschäftigt sich Roger Cicero selbst mit dem Tod. Im Gespräch sagte er dazu: „Man sollte viel mehr über das Ende nachdenken. Erst wenn du dir deiner eigenen Endlichkeit bewusst bist, kannst du dich richtig auf das Leben einlassen. Wenn du weißt, dass es in jeder Sekunde zu Ende sein kann, lässt sich aus dieser Erkenntnis eine große Kraft schöpfen..“ Cicero hinterlässt einen 7-jährigen Sohn.

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