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Geradeaus und direkt: Auch in Frankfurt, wo der als ?Tatort?-Kommissar bekannte Dietmar Bär jetzt auf der Bühne steht, bekennt sich der Schauspieler als BVB-Fan. Michael Faust

Theaterstück "Furor"

Wenn es ein Lokalpolitiker mit einem Wutbürger zu tun bekommt

Im Frankfurter Schauspiel wird am Freitag das Stück „Furor“ uraufgeführt. Dietmar Bär spielt darin eine Hauptrolle. Bettina Boyens sprach mit ihm.

Herr Bär, die Rolle von Heiko Braubach scheint Ihnen auf den Leib geschrieben zu sein.

DIETMAR BÄR: Lutz Hübner wusste, dass ich diese Rolle spielen würde. Die ist mir schon sehr nah. Aber mir würden auf Anhieb noch zwei, drei andere Schauspieler einfallen, die Heiko Braubach spielen könnten. Ich finde es spannend, zum ersten Mal in einer Uraufführung mitwirken zu können.

Bei einer 40-jährigen Karriere kann man das kaum glauben.

BÄR: Nein, tatsächlich kommt das bei mir nicht so oft vor. Katharina Linder, Anselm Weber und das Autorenduo arbeiten dagegen schon viele Jahre miteinander.

Als Schüler waren Sie Kommunist. Glauben Sie, dass der 56-jährige Braubach in seiner Jugend auch mal weit links stand?

BÄR: Sie meinen sicher meine Zeit in der SDAJ, der Jugendorganisation der DKP? 1980/81 hatte das noch ganz andere Vorzeichen in unserem Land. Den Bogen zu meiner Figur Heiko Braubach zu ziehen, ist da heikel. Man kann bei ihm von einem ganz normalen sozialdemokratischen Hintergrund ausgehen, denn er vertritt die Linie: „Mach was aus deinem Leben“ und „Bildung ist das Wichtigste“. Mit der Prämisse bin auch ich zum Abiturienten geworden. Ich komme auch aus den „einfachen Verhältnissen“, wie es so schön heißt.

Braubach ist ein etablierter Politiker.

BÄR: Älter werden, sich etablieren, seinen Platz in der Gesellschaft finden ist ja in Ordnung. Aber trotzdem sollte man die wichtigen Ideen nicht verschenken: Es geht um Gerechtigkeit, soziale Minderheiten, um Bildungschancen, um Förderung von Begabungen.

Wenn Sie Charakterzüge für Heiko Braubach in sich selbst generieren, denken Sie da manchmal an die Zeit, als Sie Flugblätter verteilten?

BÄR: Nein, gar nicht. Da bin ich jetzt beruflich auf einem ganz anderen Äther. Ich beiß mich im Text fest und suche mir die Landkarte für den Theaterabend zusammen. Merkwürdig: Ich kann immer ganz schwer über die Erarbeitung meiner Rollen reden. Kein Klempner wird gefragt: Wie installieren Sie denn dieses Waschbecken?

Wie ist es, mit dem Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz direkt zu arbeiten? Können Sie da was wünschen oder verändern?

BÄR: Lutz Hübner und Sarah Nemitz kommen traditionell immer zur ersten Leseprobe. Gestern hatten wir unseren ersten Durchlauf, und Lutz Hübner hat sich angeschaut, wie die Figuren anfangen zu laufen und zu sprechen. Natürlich kann ich dann sagen: „Ich merke hier beim Spielen: Das spricht sich nicht so gut“. Dann reagiert er darauf und schmeißt schon mal Sätze raus. Für Katharina Linder hat er was dazugeschrieben.

Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit Anselm Weber so sehr, dass Sie immer wieder mit ihm arbeiten?

BÄR: Er geht mit den Schauspielern unheimlich genau in die Texte. Er kann Figuren bauen, die wir gemeinsam erschaffen. Er zeigt mir den Lebensfaden der Rolle vom ersten bis zum letzten Bild. Jede Figur ist auf einer anderen Achterbahn. Wir arbeiten immer unterm Brennglas. Diese Präzision liebe ich.

Finden Sie das Thema „Wutbürger trifft auf Politiker“ wichtig?

BÄR: Vor zweieinhalb Jahren haben Lutz Hübner und Anselm Weber angefangen, das Projekt aufzusetzen, und mittlerweile rennt einem schon die Aktualität davon.

Die Äußerungen von Jerome klingen gebildet. Er redet über weichgespülte Humanisten, dabei soll er ein schlichter Paketbote sein?

BÄR: Das heißt ja nicht, dass er blöd geblieben ist, dass er sich nie politisch engagiert hat. Da muss man aufpassen: Nicht nur Abiturienten reden so. Jerome zieht sich viele Informationen aus dem Netz. Er ist nicht nationalsozialistisch angehaucht, sondern nur radikal in seiner Denke. Und er fordert etwas, dass der Generation Braubach wichtig ist: Die radikale Abschaffung der Demokratie. Ob das jetzt Phrasen von ihm sind oder ernsthafte Komplexe: Braubach nimmt all das zum ersten Mal direkt wahr.

Ist es realistisch, dass er weiß, dass immer noch Blumen auf das Grab der Rathenau-Attentäter gelegt werden?

BÄR: Das kann ich ihm zugestehen. Diese Typen sitzen ja nicht alle immer nur vor Videospielen oder hinter ihren Bierdosen. Jerome ist eine unheimlich moralische Figur. Er hat das Messer bereits in der Hand, aber er sticht letztlich nicht zu, er schafft es nicht. Vielmehr redet er von Verantwortung – genau wie ich als Braubach in meinem sozialdemokratischen Biotop. Er sagt zu Jerome: „Du hast bis 29 Jahre nichts auf die Kette gekriegt, kannst aber immer noch was schaffen.“

Trotzdem bleibt die Figur des Jerome doch vage.

BÄR: Das geht mir ähnlich. Im Stück höre ich ja sehr viel zu. Eigentlich sitze ich als Politiker mit den Leuten im Zuschauerraum und bin ein Vertreter der Öffentlichkeit. Ich gerate unvermittelt in den Furor dieses jungen Mannes hinein, der glaubt, die Apokalypse anzetteln zu können. Im Text sagt er: „Vielleicht braucht es jetzt den ersten toten Politiker.“

Wie finden Sie als Borussia-Fan die Aussage des Eintracht-Präsidenten, dass bei der Eintracht kein Platz für AfD-Mitglieder ist?

BÄR: Man muss mit dem Ausgrenzen der AfD schwer aufpassen. Die nehmen sonst die Opferstühle ein. Vielmehr sollte man sie in die Verantwortung nehmen. Da würde man schnell sehen, dass da nichts mehr kommt. Die können ja nur keifen, sonst nichts.

Glauben Sie, dass sich Wutbürger dieses Stück ansehen?

BÄR: Ich weiß nicht, ob diese Wutbürger mit den Trillerpfeifen, von denen Braubach spricht, überhaupt ein Fenster in sich aufmachen. Ob sie überhaupt Freude an etwas haben. Ich glaube, die sind eher in der Traumwelt des Trivialen zuhause.

Schauspiel Frankfurt. Vorstellungen am 2., 3., 9. und 10. November, 19.30 Uhr. Teilweise ausverkauft, Karten online oder Tel. unter (069) 212 49 49 4.

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