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"Wilco": Die süße Schwermut der Orgel-Schunkler

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Zurück zum Glück: ?Wilco? spielen auf ihrem neuen Album wieder einigermaßen konventionelle Rockmusik.
Zurück zum Glück: ?Wilco? spielen auf ihrem neuen Album wieder einigermaßen konventionelle Rockmusik. © ZORAN ORLIC

Das war es dann wohl mit dem Hypnose-Pop: Im 22. Bandjahr kehren die Intellekt-Rocker von „Wilco“ endgültig zu ihren Rock-’n’-Roll-Wurzeln zurück.

Bei „Wilco“ musste man zuletzt ja befürchten, dass diese gesegnete Band in Schönheit zugrunde gehen und in ihrer Virtuosität ersticken würde. 20 Jahre lang perfektionierte das Sextett seine fluiden Gitarren-Nummern. Melodien kristalliner Klarheit waren da zu hören, zehnminütige Pop-Epen, betörende Sound-Mantras. Das klang oft wunderschön, manchmal aber auch ziemlich bekifft. Zuletzt aber, und damit ist vor allem das Album „The Whole Love“ (2011) gemeint, langweilte die Band mit ziemlich überspanntem Knatter-Rock.

Jetzt aber, nach diesen letzten vernebelten Art-Rock-Jahren, machen „Wilco“ offenbar Tabula rasa. Angedeutet hatte sich diese Rückbesinnung auf den dreckigen und schwitzigen Rock’n’Roll bereits im vergangenen Jahr, als die Band das Album „Star Wars“ zum kostenlosen Download ins Internet stellte. Da knackste und knarrte es wieder an allen Ecken: Das erinnerte an den kühlen Intellektuellen-Punk von „Television“ und an den Protopunk von „MC5“.

„Star Wars“ klang etwas unausgereift und überstürzt, stellte jedoch die Weichen für das 15. Album der Band, das jetzt unter dem Titel „Schmilco“ veröffentlicht wird. Der selbstironische Titel der Platte ist eine Hommage an den amerikanischen Songwriter Harry Nilsson, der 1971 mit seinem Album „Nilsson Schmilsson“ in seiner Heimat große Erfolge feierte und von „Wilco“-Chef Jeff Tweedy für seine konsequente Ist-mir-egal-Einstellung verehrt wird.

Knackige Angelegenheit

Auf „Schmilco“ gehts nun wieder etwas konventioneller zu. Da sind simple Folk-Melodien zu hören, ein paar Fuzz-Bässe und viele angeschmirgelte Gitarren. Kaum ein Song ist hier länger als drei Minuten, was das Album zu einer ziemlich knackigen Angelegenheit macht.

Los geht das mit einer minimalistischen Akustik-Gitarre, zu der Band-Chef Tweedy ein paar Zeilen über seinen Hass auf die „„Normal American Kids“ fabuliert. Tweedy ist 49 Jahre alt, seine Wut auf Konformität trägt er aber noch immer wie ein pubertierender und dickköpfiger Rock-’n’-Roll-Entdecker in sich. Und das ist eine gute Nachricht, schließlich dachte man ja, Tweedy und seine Jungs seien mittlerweile selbst ein bisschen ausgebrannt.

Man hört aus diesen zwölf neuen „Wilco“-Songs deutlich die Liebe zum ursprünglichen Rock’n’Roll heraus. Vor allem zur Harmonieseligkeit der „Beatles“. Der psychedelische Hippie-Folk von „Locator“ nimmt etwa die Melodie von Paul McCartneys „She’s Leaving Home“ auf. „Revolver“ und „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ sind die Alben, die für diese „Wilco“-Platte ziemlich offensichtlich Pate standen.

Man darf sich von diesem niedlichen Album-Cover nicht blenden lassen: „Schmilco“ ist keineswegs eine alberne Platte – das hier ist konsequenter und ziemlich moderner Gitarrenrock.

Wie ein Hammerschlag

Und während man noch der süßen Schwermut des Orgel-Schunklers und Rausschmeißers „Just Say Goodbye“ nachhängt, kommt die Erkenntnis wie ein Hammerschlag: Das ist das beste „Wilco“-Album seit deren bisweilen unübertroffenem Meisterwerk „A Ghost Is Born“ (2004). Mit „Wilco“ ist wieder zu rechnen.

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