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Die britische Sängerin Kim Wilde gibt sich in der Frankfurter ?Batschkapp? stimmstark mit angerautem Timbre. Die 57-jährige Musikerin zählt zu den erfolgreichsten Popstars der 80er Jahre. Im Vergleich zu früher schlägt sie heute härtere Töne an.

Konzert

Kim Wilde gibt in Frankfurt die Hardrock-Lady

Kim Wilde macht in der proppenvollen Frankfurter „Batschkapp“ musikalisch der Hardrock-Sängerin Doro Pesch Konkurrenz.

Unaufhörlich rotiert die Windmaschine. Bläst Tonnen konzentrierter Luft in Richtung einer langmähnigen Blondine mit schwarzer Sonnenbrille und mehreren Schichten hautengen Leders am drallen Leib. Kim Wilde, Jahrgang 1960, ähnelt im grellen Rampenlicht gelber, roter und grüner Spots nur noch sehr entfernt jenem zarten Lolita-Püppchen, das Anfang der 80er Jahre mit diversen von Papa Marty Wilde, Rock- ’n’- Roll-Legende der späten 50er, und Bruder Ricky Wild, Teenstar der Glam-Rock-Ära, maßgeschneiderten Pop-Vignetten weltweit die Charts aufmischte und Teenagerherzen beiderlei Geschlechts in Wallung versetzte. Wöchentliche Jugendmagazine übertrumpften sich gegenseitig mit immer neuen Varianten inklusive Bravo-Starschnitt von Miss Wildes niedlich attraktivem Konterfei.

Dicht gedrängt steht die Fangemeinde von einst mit Nostalgie im Blick in der proppevollen Frankfurter „Batschkapp“, um noch einmal das unbefangene Gefühl verloren gegangener Jugendtage zu verspüren. Kim Wilde, deren Werdegang nach Abflauen der Karriere erst in die Londoner Aufführung des „Who“-Musicals „Tommy“ mündete, wo sie die Mrs. Walker gab, dann den Hauptdarsteller Hal Fowler ehelichte, zwei Kinder bekam, um schließlich zur Rosenzüchterin und Landschaftsgärtnerin mit Auszeichnungen zu mutieren, bis sie von 2006 an wieder Comeback-Versuche startete, dient dabei als willkommener Katalysator.

Allerdings verfolgen der 80er-Star und seine Anhängerschaft in den nächsten zwei Stunden höchst unterschiedliche Ziele. Während Kim Wilde in erster Linie ihr aktuelles 14. Studioalbum „Here Come The Aliens“ promoten möchte, erwartet das Publikum, vor allem die Hits von einst auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Die bekommt es auch, aber ein wenig anders als erwartet. Auf kleinstem gemeinsamen Nenner, sprich im satten Kompromiss, treffen sich beide Seiten: Im Reißverschlussverfahren reiht sich Aktuelles an Wohlbekanntes – und das derart übersteuert, dass es einem ohne Ohrenstöpsel regelrecht die Trommelfelle erschüttert. Zumal sich die von einem siebenköpfigen Ensemble, unter anderem mit zwei Schlagzeugern, Bruder Ricky Wilde an der Gitarre und Nichte Scarlett Wilde als Harmoniesängerin, flankierte Londoner Superwoman im futuristischen Lederdress, den sie anfänglich noch mit silberner Fransenjacke krönt, vorgenommen hat, es der Düsseldorfer Hardrock-Lady Doro Pesch gleichzutun.

Schon zum überpünktlichen Start des zügig abgespulten Showspektakels ohne Vorprogramm, das Zuspätkommer untröstlich aus der Wäsche schauen lässt, drehen die beiden E-Gitarristen ihre Gibson-Explorer-Modelle auf, als gelte es einen Hartmetall-Wettbewerb zu gewinnen. Die Einstiegsnummer „Stereo Shot“ vom neuen Album bleibt nicht der einzige Titel im Metal-Gewand. Auch die Wild’schen 80er-Evergreens „Water On Glass“, „View From A Bridge“, „Chequered Love“, „You Came“ sowie das „Supremes“-Cover „You Keep Me Hangin’ On“, jeweils im Studiooriginal subtil facettenreich arrangiert, donnern einem Düsenjet gleich aus den riesigen Lautsprecherboxen. Lediglich „Cambodia“ gleicht noch einigermaßen seiner einstigen Urform. Verschnaufpause vom Hardrock-Gewitter gewähren ein Akustikset mit „Hey Mr. Heartache“ und „Four Letter Word“.

Manch schrägen Gesangston entschuldigt Wilde mit einer hartnäckigen Erkältung. Zwischendurch hält sie Zwiegespräche mit dem Auditorium. Doch mehr als Allgemeinplätze, wie sehr es ihr und der Band doch Spaß bereite, in Frankfurt aufzutreten, generell auf Tour zu gehen und bald wiederzukommen, lassen sich nicht ausmachen. Mit einer Ausnahme: Vor dem finalen Song „1969“ gerät Kim Wilde regelrecht in passionierten Redefluss: Da erzählt sie von einer Begebenheit im Jahr 2009, als sie von ihrem Garten aus zwei Lichter am Horizont sah, die sie überzeugten, dass es im Universum eine Unzahl an extraterrestrischen Lebensformen gebe. Sie schaut im TV wohl auch gerne die Doku-Serie „Ancient Aliens“. Im Song singt sie denn auch von der ersten Mondlandung im Juli 1969 und den Außerirdischen, die die kriegerische Menschheit seit Jahrtausenden beobachten und vor selbstzerstörischer Apokalypse bewahren. Man merkt, dass ihr das Thema wirklich auf den Nägeln brennt. Dazu tragen sämtliche Akteure Alien-Masken, Kim hantiert mit Laserpistole.

Als Zugabe der ausgelassenen Nostalgie-Party gab es dann jenen Song, auf den alle schon den ganzen Abend warteten: Der Durchbruchshit „Kids In America“ zündet nach wie vor zeitlos frisch.

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