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Der Wind wirbelt die Welt durch

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Von: Marcus Hladek

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Ob dies der Baum der Erkenntnis ist, muss sich für Prospero (Felix von Manteuffel, im Mantel) und Ariel (Franziska Junge) noch weisen.
Ob dies der Baum der Erkenntnis ist, muss sich für Prospero (Felix von Manteuffel, im Mantel) und Ariel (Franziska Junge) noch weisen. © Birgit Hupfeld

Andreas Kriegenburg inszenierte Shakespeares „Sturm“ am Schauspiel Frankfurt, und zwar erstmals in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel.

Ignorieren wir das komische Vorspiel auf der Vorbühne, mit der durchs Wasser watenden Pianistin. Als sie mit ihrem Dialekt-Papperlapapp, den katarrhösen Ekeleffekten und im übergroßen Frack abgetreten ist, und wenn dann auch das Blitzgewitter die Schiffbrüchigen vom Netz am zweiten Vorhang geschüttelt hat, wird das eigentliche Bühnenbild sichtbar, das uns knapp drei Stunden lang begleitet.

Ein großer Baum aus weißer Pappmaché, mit Buchseiten statt grüner Blätter, erhebt sich in der Mitte der Bühne und ist die wahre Insel in dem Inselstück. Die See ist ein Spiegel, rundum: ein knöchelhoch geflutetes Becken. Es ist, als sei die Insel des abgesetzten Fürsten und Zauberers Prospero und seiner Tochter Miranda, auf die er mit knapper Not entkam, überspült von aufgewühlten Wellen, oder als wateten die feindlichen Fürsten und Höflinge, die der Luftgeist Ariel auf seinen Befehl kentern ließ, durch die Mangroven am Ufer.

Die Macht zerbricht

Andreas Kriegenburgs Baum kommt, vierhundert Jahre nach dem Übergang des sterblichen Shakespeare in die Unsterblichkeit, daher wie eine Metamorphose von Mensch zu Gewächs. 1623, kaum sieben Jahre nach Shakespeares Tod, sollte der Bildhauer Bernini die Flucht der Nymphe Daphne vor Apoll in einer Statue nach Ovid verkörpern, der auch Kriegenburgs Einfall abgeschaut sein könnte: Die Verwandlung hat eingesetzt, dem Fleisch entsprießen Blätter aus durchscheinendem Marmor. Da dieser Bühnen-Baum Buchseiten austreibt (Ferdinand und Miranda lesen sich später Liebeslyrik daraus vor) und Stamm und Äste einer menschlichen Gestalt gleichen, scheint damit dem Alter, dem Tod, dem Zerbrechen des Zauberstabs in „Der Sturm“ eine Allegorie gesetzt.

Kriegenburgs Bilder und der gelöst schwebende Rhythmus und Tonfall seiner Regie machen diesen „Sturm“ aus. Welch ein Einfall etwa, rund um Ariel die Schar der Nymphen und Geister als Verlängerung Mirandas (Katharina Bach) zu gestalten: in teils fadenscheinigen, cremeweiß wie Papier gefärbten Kleidern und Röcken, dazu blond (bis auf Ariel) und fast über-weiblich, da Sam Michelson und Carlos Praetorius elisabethanischen Ladyboy-Charme ins Quartett hineintragen. Den höchsten Ausdruck findet das anderweltliche Tändeln der weiblichen Inselgesellschaft und Ariels, als sie mit chinesisch-papierenen, leuchtend roten Sonnenschirmen hantieren, die an Ballons im Bühnenhimmel hängen, so dass sie magisch daherschweben, und der kleinste Anstoß große Wirkung zeitigt: „Sturm“ für Quantenphysiker. Die Klang- und Musikspur mit Tonbeispielen Meredith Monks verstärkt solche Effekte. Erst später treibt Prospero die Nymphen mit den Havarierten in sexuelle Wasserschlacht-Ekstasen von homerisch-schweinischer Kirke-Qualität.

Kriegenburgs Abstehen von thesenhaft spitzen Deutungen lässt den „Sturm“ ganz Spiel sein, Schauspielertext „gegen Interpretation“, auch wenn er der alten Vorliebe für aktive Szenografien mit Kletterfaktor und physikalischer Herausforderung frönt. Diese Offenheit lässt den Darstellern Raum. Felix von Manteuffel gibt den Prospero als bedächtigen Eremiten im Asketen-Habit (Kostüme: Andrea Schraad), nicht wütenden Aktivisten, Franziska Junge den Ariel mit groteskem Mienenspiel und gnomenhafter Körpersprache. Oliver Kraushaar leiht Alonso, der von Neapel aus Prospero absetzen half, reuige Melancholie und Auseinanderfallen. Sascha Nathan und Christoph Pütthoff sind Höflinge und darum Kentauren aus Mensch und Puppe, während sie das sauflustige Paar Trinculo und Stephano zwecks „komischer Erleichterung“ in elisabethanischen Kostümen und etwas eklig spielen.

Der Kannibale freut sich

Thorsten Danner und Sebastian Rentzsch reduzieren ihre Intriganten kostümgleich aufs wühlende Verschwörerpaar. Beim dreckstarrenden Caliban endlich widerstehen Regie und Darsteller (Michael Benthin) der Versuchung, ihn als wandelnde These einer heroischen Kolonialkritik zu fassen, was mehr Nuancen zulässt. Zuletzt mögen wir über die Insel, die wieder Caliban gehört, fantasieren wie über Papua-Neuginuea nach dem Abzug aller Händler, Missionare und Ethnologen: ein neues Paradies von Freikörper-Flair, was Benthins Caliban antreibt, sich in Vorfreude die Bermudas herunterzureißen.

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