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Die Kinderpsychologin Jenschura (Anne Werner) unterstützt die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec).

Tatort-Kritik

"Wir kriegen euch alle": Weihnachtsmann als Todesengel

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Ein Mörder, der als Weihnachtsmann auftritt, und das auch noch im Sommer? Das weckt nicht die besten „Tatort“-Erinnerungen. Da gab es nämlich mal aus Hamburg den total verbockten „Frohe Ostern, Falke“, in dem eine Verbrecherbande im Osterhasen-Kostüm ein Fest aufmischte. Und der Zuschauer musste sich neben allen anderen Unzulänglichkeiten der Geschichte noch fragen, warum die Verbrecher unbedingt in dermaßen auffälligen wie hinderlichen Kostümen agierten.

Ähnlich auch hier im neuen Krimi um die Münchner Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec). Da kommt der Mörder als Weihnachtsmann verkleidet ins Haus, und das im Sommer. Nach dem Besuch finden die Fahnder ein bestialisch abgeschlachtetes Ehepaar vor. Und Hinweise darauf, dass der Vater sich an der Tochter vergriffen haben könnte und die Mutter die Tat gedeckt hat.

Gefährlich vernetzte Puppen

Die Tat könnte zudem mit einer alten Frau zu tun haben, die Selbstmord beging und Verbindung zu einer Gruppe von Männern hatte, die als Kindermissbraucht worden waren. Als vermeintliches Opfer schleust sich Batic in die Gruppe ein, hört von Gewalt- und Rachephantasien. Die Selbstmörderin hatte etliche Puppen gekauft, mit denen ein oder mehrere Täter aus der Opfergruppe zu Kindern Kontakt aufnehmen könnten.

Und sie mehr oder weniger verschlüsselt ausgehorcht haben könnten, ob sie missbraucht werden. Und anschließend für die Kinder auf Rachefeldzug zu gehen. Natürlich ist es mehr als grenzwertig, im Sommer einen mörderischen Weihnachtsmann loszuschicken. Daran gemessen funktioniert die Geschichte aber gar nicht mal schlecht.

Wie in einem guten Horrorfilm schafft es der Film nämlich auf ziemlich raffinierte Weise, das Sicherheitsgefühl des Zuschauers zu untergraben. Alltägliches, Anheimelndes erscheint plötzlich in einem anderen Licht. Da zeigen sich Puppen für Kinder als raffinierte Abhörgeräte, Tod und Kindesmissbrauch schlagen mitten im bürgerlich-behaglichen Ambiente zu. Außerdem hält das Drehbuch bis zum Schluss offen, wer hier eigentlich Täter und wer Opfer ist.

Wo der Plot schwächelt

In diesem Punkt liegt Stärke und Schwäche dieses Films aber besonders eng beieinander. Der Plot bietet zwar raffiniert eingefädelte Spannungskurven, überraschende Wendungen – die Plätzchen-Szene - eine gute Priese Grusel und auch etwas Humor, als Batic auf überraschende Weise das Handy weggenommen wird. Aber er verheddert sich in zu vielen Nebenfiguren und büßt dadurch unnötig an Wirkung ein.

Teilweise will das Drehbuch einfach zu viel auf einmal. Etwa zeigen, dass das Aushorchen mit den Puppen auch gute Seiten hat, als die Polizisten einen Vater festnehmen, der sich an seinem Sohn vergeht. Das Thema Selbstjustiz zeigt sich dafür ähnlich wie in „Ihr werdet gerichtet“ bemerkenswert gut in den Plot eingearbeitet.

Darüber hinaus schaffen es auch die dichte Optik (Kamera: Michael Schreitel) und Sven Bohses souveräne Regie ganz ordentlich, die schwächeren Momente zu überspielen. „Wir kriegen euch alle“ ist deswegen zwar kein Spitzenreiter, aber für eine solide Note Zwei reicht es allemal.

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