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"Wir leben in totalitären Zeiten"

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Der unscheinbare Computerspezialist Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) enthüllte 2013 eine massive Internet-Überwachung durch den amerikanischen Geheimdienst und brachte damit weltweit politische Konsequenzen ins Rollen
Der unscheinbare Computerspezialist Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) enthüllte 2013 eine massive Internet-Überwachung durch den amerikanischen Geheimdienst und brachte damit weltweit politische Konsequenzen ins Rollen © Universum Film (WUniversum Film)

Der Fall Edward Snowden versetzte die Welt in Aufregung. Jetzt hat Regisseur Oliver Stone dem Mann, der die ausufernde Überwachung der NSA an die Öffentlichkeit brachte, ein filmisches Denkmal gesetzt.

Er gilt als das Polit-Schlachtross von Hollywood. Mit „Platoon“ widmete sich Oliver Stone dem Vietnamkrieg, mit „J.F.K“ und „Nixon“ den US-Präsidenten, mit „Wall Street“ den Börsenhaien und mit „World Trade Center“ den Terroranschlägen vom 11. September. Aus seiner Drehbuchfeder stammen freilich auch zwiespältige Stoffe wie „Conan der Barbar“ und „Midnight Express“. Jetzt präsentiert er mit der Biografie über Edward „Snowden“ seinen 20. Spielfilm. Mit dem Regisseur sprach Dieter Oßwald.

Mister Stone, welchen Eindruck hatten Sie bei Ihren Treffen von Edward Snowden?

OLIVER STONE: Snowden ist ein eindrucksvoller, nachdenklicher Mensch. Wir haben uns häufig getroffen, und mir erscheint er stabil, ruhig und gut in der Lage, mit der Situation im Exil zurechtzukommen. Seit seine Freundin Lindsay bei ihm ist, ist er viel glücklicher als zuvor. Ich habe keine Zeichen der Verzweiflung an Snowden gespürt. Er würde natürlich gerne nach Hause gehen, aber dort könnte er kein faires Verfahren erwarten.

Ist Snowden ein Held für Sie?

STONE: Reden wir lieber über den Film und nicht über mich. Meine Meinung ist irrelevant. Ich bin ein Regisseur und Geschichtenerzähler. Ich präsentiere dem Publikum eine Story, die ich faszinierend finde. Gemeinsam mit meinem Co-Autor wollte ich diesen Snowden kennenlernen. Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, Bücher und Artikel über ihn gelesen und uns mit den Darstellungen der Regierung auseinandergesetzt. All das müssen wir in Erwägung ziehen, denn wir sprechen nicht vorschnell ein Urteil.

Sie müssen doch eine Meinung zu Snowden haben?

STONE: Als die Dinge bekannt wurden, habe ich als Bürger gesagt: Snowden ist ein Held. Aber das ist meine private Meinung. Jetzt beschäftige ich mich mit dem Thema als Dramatiker, das bedarf einer gewissen Verantwortung. Es ist gut möglich, dass ich während der Recherche Dinge entdecke, die mir nicht gefallen. Auf jeden Fall bewundere ich Snowden für seinen großen Mut. Und dafür, sich mit einem sehr strengen totalitären Regime anzulegen.

Wie groß ist die Schnittmenge zwischen Snowden und Stone?

STONE: Snowden ist gegen die totalitäre Kontrolle durch den Staat. Und das bin ich ebenfalls. Ich glaube, die meisten Menschen, die selbstständig denken, würden da zustimmen. Aber wir leben in totalitären Zeiten.

Welchen Einfluss hat Edward Snowden auf die Demokratie?

STONE: Snowden glaubt an die Demokratie, und er glaubt daran, dass Menschen die Dinge erfahren sollten. Man könnte nun eine fundamentale philosophische Diskussion darüber beginnen, ob Leute die Dinge erfahren sollen oder nicht. Denn das amerikanische Volk ist nicht bereit für dieses Wissen, es scheint, als wäre den Leuten das völlig egal.

Woran liegt dieses Desinteresse?

STONE: Amerika hat sich zu der größten Konsumnation aller Zeiten entwickelt. Wir haben die Kunst des Konsums entwickelt. Wir sorgen dafür, dass alle immer noch mehr Produkte haben wollen. Darum geht es beim Datensammeln. Damit begann die ganze Überwachung. Große Unternehmen sammeln Daten, um den Menschen mehr Produkte zu bieten. Das ist der Sinn des Lebens: die Konsum-Kultur.

Welchen Einfluss hatte die mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentation „Citizenfour“ auf Ihr Projekt?

STONE: Überhaupt keinen, unser Konzept war bereits entwickelt, als „Citizenfour“ in die Kinos kam. Wir erzählen zudem eine ganz andere Geschichte. Unser Film umspannt viele Jahre und handelt davon, wie Snowden sich veränderte. Was ging in diesem Mann vor? Was bewog ihn dazu, die vertraulichen Informationen publik zu machen? War er sich der Konsequenzen bewusst? Handelte es sich um einen modernen Prometheus-Mythos von einem ganz normalen Mann, der der Menschheit eine neue Wahrheit zeigt und damit die NSA-Götter erzürnt? Wer also ist Edward Snowden? Warum hat er so gehandelt? Und wie ist ihm das überhaupt gelungen? Unser Film versucht Antworten auf diese Fragen zu geben.

Was sind die Absichten des Edward Snowden?

STONE: Snowden möchte ein Reform des Überwachungssystems. Dafür arbeitet er hart und viele Stunden täglich. Er hält Reden und steht in Kontakt mit vielen Gruppen, die ähnliche Ziele haben. Um seine eigene Person ging es ihm nie. Nach Hongkong hatte er den Rubikon überschritten, in dem er an die Öffentlichkeit ging. Er gab seinen Namen auf und er sagte auch: „Ich werde sterben.“

„Terrorismus ist nur der Vorwand, um noch mehr Daten sammeln zu können“, heißt es einmal im Film. Solche Aussagen sind in Amerika, geschweige denn in Hollywood, nicht häufig zu hören.

STONE: Das entspricht den Fakten. Das wurde von vielen Kommentatoren und Terrorismus-Experten bereits ähnlich geäußert. Ich gehöre nicht zu den Fachleuten, aber ich glaube, es stimmt einfach. Die ganze Hysterie nach den Anschlägen von 2001 erzeugte ein falsches Paradigma von Sicherheit versus Bürgerrechten.

Weshalb haben Sie Ihren Polit-Thriller zum Teil in Bayern gedreht?

STONE: Wir hatten für die Finanzierung auf ein großes Studio gehofft, doch vergeblich. Deswegen mussten wir nach Europa, wo unser Produzent gute Verbindungen in Deutschland und Bayern hat. Dort bekamen wir Fördermittel, zudem fanden wir Investoren in Frankreich – während sich in Amerika lediglich ein kleinerer Verleih für diesen Film engagierte.

Weshalb bekommt ein Oscar-Preisträger einen Korb? Ist dieses Thema zu heikel für Hollywood?

STONE: Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist Snowden in Europa, insbesondere in Deutschland, sehr viel populärer als in den USA.

Wie erklären Sie sich diese unterschiedlichen Reaktionen?

STONE: Wer sich nicht mit dem Fall beschäftigt, für den ist die Sache einfach: Wer Geheimnisse preisgibt, ist ein Verräter. Dabei wird unterschlagen, dass Snowden ein Verbrechen beging, um damit ein größeres Verbrechen zu entlarven. Die Idee von zivilem Ungehorsam wird vielfach nicht verstanden. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA hat Gesetze gebrochen. Aber dieser Protest war notwendig, um dadurch viel größere Verbrechen deutlich zu machen.

Wie sehen Sie die aktuelle Lage in den USA mit einem Präsidentschaftskandidaten Donald Trump?

STONE: Trump hat die Exekution von Snowden gefordert, und Clinton hat die ganze Härte des Gesetzes verlangt. Dabei hat sie selbst das Gesetz gebrochen! Die USA sind in echten Schwierigkeiten. Deswegen muss Europa unabhängiger werden. Die EU könnte eine große Kraft für den Frieden werden. Das wäre sinnvoller als Sanktionen gegen Russland zu verhängen, nur weil Amerika es so verlangt. Und gerade ihr Deutschen kennt doch die Geschichte der Überwachung und des Totalitarismus. Ihr solltet es am besten wissen, wenn ihr es seht. Aber wer hört auf euch? Wer, verdammt noch mal, hört auf Merkel?

Sind Sie dennoch optimistisch, dass Sie etwas mit Ihren Filmen verändern können?

STONE: Oh ja! Darum geht es in der Kunst. Ich glaube, wir können etwas verändern. Ich versuche optimistisch zu sein, denn als Pessimist möchte man morgens nicht aufstehen.

Vom 22. September an in den Kinos

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