Laith Al-Deen im Interview

„Wir neigen dazu, uns kaputt zu machen“

Mit 44 Jahren zählt Laith Al-Deen zu den reiferen Interpreten im Popgeschäft. Das hört man seinem neuen Album „Bleib unterwegs“ an, mit dem er auch in der Frankfurter „Batschkapp“ Station macht.

„Tut wirklich gut, so ’ne 1“. Der Deutschpop-Sänger aus Mannheim, der zuletzt vor zwölf Jahren mit „Für alle“ ganz oben stand, hat mit seinem neunten Album „Bleib unterwegs“ zum zweiten Mal in seiner langen Karriere die Spitze der deutschen Albumcharts erreicht und freut sich entsprechend gründlich. Mit 44 Jahren zählt Laith Al-Deen ja nicht mehr unbedingt zur jungen, angesagten Generation der Bouranis und Forsters, sondern fast schon zu den Veteranen seines Metiers. Umso höher ist der Erfolg mit dem poppig-vielschichtigen und vergleichsweise tiefsinnigen „Bleib unterwegs“ (Sony Music) zu bewerten. Im Herbst steht eine Tournee an, die Al-Deen am 4. Oktober in die Frankfurter „Batschkapp“ führt. Steffen Rüth unterhielt sich mit Al-Deen.

Herr Al-Deen, Ihr 2014 veröffentlichtes Album heißt „Was wenn alles gut“. Ist alles gut gegangen?

LAITH AL-DEEN: Größtenteils ja. Sagen wir: zu 80 Prozent. Gut gegangen ist auf jeden Fall die ganze Auseinandersetzung mit meinem Burn-Out, der mich vor einigen Jahren noch sehr plagte. Ich passe jetzt auf mich auf und habe ein tolles Umfeld, es geht mir gesundheitlich wieder sehr gut.

Welche 20 Prozent fehlen noch?

AL-DEEN: Insgesamt das Gefühl dafür, in der Spur zu sein, in der Spur zu bleiben, vielleicht auch mal im richtigen Moment die Spur zu ändern. Das ist das Grundthema der ganzen Platte, deshalb heißt sie auch „Bleib unterwegs“. Ich will nicht stehen bleiben, sondern mich auch mit Mitte 40 noch weiter entwickeln, eingefahrene Dinge ändern und verbessern.

Was zum Beispiel haben Sie verbessert?

AL-DEEN: Ich sehe vieles klarer als noch vor ein paar Jahren. An erster Stelle: Ich habe gelernt, loszulassen.

In welchen Situationen besonders?

AL-DEEN: Zum Beispiel im Zusammenspiel mit meiner Band. Das hat gedauert, bis ich mich da wirklich fallen lassen konnte. Momentan haben wir ein wirklich starkes Bandgefüge. Es macht unglaublich viel Spaß, mit den Jungs zu spielen. Ich bin auf der Bühne auch deutlich entspannter als früher. Dabei ist es eine ziemliche Herausforderung, dieses Album live umzusetzen. Es ist wirklich wahnsinnig opulent, mit vielen kleinen Details drauf.

Sie befassen sich in „Alles hat seine Zeit“ mit der eigenen Sterblichkeit. Ist Mitte Vierzig das richtige Alter dafür?

AL-DEEN: Ich fürchte ja. Ich stehe am Beginn der Lebensmitte, und gerade der Tod von Roger Cicero, der so alt war wie ich, hat mich sehr mitgenommen. Man kann nicht alles an der Arbeit festmachen, aber ich sehe an mir selbst, dass wir schnell dazu neigen, uns kaputt zu machen. Da möchte ich ein bisschen gegensteuern und mich lieber noch intensiver damit befassen, was denn der Sinn des Lebens ist.

Das ist die große Frage, was?

AL-DEEN: Die größte Frage überhaupt. Ich habe viel darüber gelesen, mich mit Psychologie beschäftigt und eine Fan-Aktion gestartet, die „Unsere Geschichte“ heißt, bei der ich die Menschen gebeten hatte, für sie wichtige Lebensereignisse aufzuschreiben. Bis jetzt habe ich mehr als 150 E-Mails bekommen, teilweise sehr harter Tobak, und bis auf wenige Liebesgeschichten geht es immer um Tod, Trauer, Verlassen, Betrügen. Vieles aus diesen Fan-Briefen habe ich in die neuen Songs eingebaut.

Das letzte Stück auf „Bleib unterwegs“ heißt „Heimathafen“. Was ist Ihr Heimathafen?

AL-DEEN: Mein Heimathafen, das bin ich selbst. Ich versuche, in mir selbst zur Ruhe zu kommen, an mich selbst zu glauben. Wer nicht in sich ruht, der kommt nirgendwo an, das ist die Grundvoraussetzung fürs gelungene Unterwegssein. Sorry, wenn das jetzt unromantisch klingt, aber ich denke, wenn man glaubt, man findet sein Glück bei jemand anderem, dann redet man sich das nur ein. Das ganze Album ist praktisch eine Liebeserklärung an mich selbst. Es geht immer wieder in den Songs darum, sich selbst zu akzeptieren, sich zu mögen und sich selbst auch mal zu umarmen.

Wie spannend ist dieses Unterwegs-Sein nach so vielen Jahren überhaupt noch?

AL-DEEN: Es ist immer noch spannend. Manche Alltäglichkeiten des Musikerlebens nerven, aber die haben auch vor zehn Jahren schon genervt. Im Moment sind wir als Band wieder wirklich sehr spielfreudig, das macht richtig Spaß und mich auch stolz.

Das „Feuer“ brennt also noch. Oder worum geht es in der Ballade?

Al-DEEN: „Feuer“ sollte witzigerweise erst ein schneller Song werden, so was wie „Sex On Fire“ von den „Kings Of Leon“, eine Nummer mit großem Gitarrengetöse also. Er beschreibt auf einfache, klare Weise diese Entwicklung, wenn es mal nicht so läuft, man es aber ganz entspannt weiter probiert.

„Du bist und bleibst ein Geheimnis“ singen Sie in „Geheimnis“. An wen richtet sich dieser Song?

AL-DEEN: Das ist natürlich ein Geheimnis. Ich wäre ja doof, wenn ich das verrate. Manche Menschen bleiben einem jedenfalls ein Leben lang ein Rätsel, vielleicht, weil sie mehr Geheimnisse haben als andere. Vielleicht, weil sie ihre Geheimnisse besser bewahren. Mein Vater zum Beispiel. Der ist jetzt 75, und ich habe erst vor zwei Jahren angefangen, wirklich und richtig mit ihm zu sprechen. Das ist großartig, aber auch frustrierend, dass wir das aus verschiedenen Gründen nicht schon früher haben machen können. Ich hätte nie gedacht, wie wenig ich über meinen Vater weiß.

Batschkapp, Frankfurt, Gwinnerstraße 5. 4. Oktober, 20 Uhr. Karten zu 35,70 Euro unter Hotline 01 80-6 05 04 00. Internet

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