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„Wir sind keine Hit-Kapelle“

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Wolfgang Niedecken.
Wolfgang Niedecken. © Marius Becker (dpa)

„Lebenslänglich“ heißt das jüngste Werk. Das klingt fast wie eine Drohung. Doch für Band-Chef Wolfgang Niedecken drückt der Titel eher Zuversicht aus.

2016 wird ein bewegtes Jahr für „BAP“-Legende Wolfgang Niedecken (64). Seit 40 Jahren begeistert er seine Fans mit Kölschrock und Stadionhymnen. Zum Jubiläum erscheint heute das neue Album. Von Mai bis November ist die Band unterwegs auf Tour. Das Konzert am 5. Juni in der Frankfurter Jahrhunderthalle ist schon ausverkauft. Dennoch: „Verdamp lang her“ darf auf keiner 80er-Party fehlen – und auch die Kölschrocker selbst spielen den Hit immer noch gern. FNP-Mitarbeiterin Jasmin Takim sprach mit Wolfgang Niedecken.

Herr Niedecken, „Lebenslänglich“ – ist das auch Ihr Motto als Musiker?

WOLFGANG Ja, auf jeden Fall. Das ist ja ein wunderbares Privileg, das tun zu können, was ich da tue, denn ich muss keine Kompromisse machen. Ich muss keiner Zielgruppe nachrennen, keine Marktlücke besetzen oder sonst irgend einen Quatsch machen. Es gibt natürlich Tage, da ist das Glas halb leer. Und dann ist es tröstlich zu wissen, dass es gestern noch halb voll war. Ich sage mir also: Alter, stell dich nicht so an! In dem Song „Unendlichkeit“ heißt es: Lebenslänglich sucht man Zuversicht. Und das ist es! Wir suchen lebenslänglich Zuversicht, oder wir verzweifeln. Daher kommt letzten Endes auch der Album-Titel. Mein zuversichtlichster Moment war der, als ich 2011 nach dem Schlaganfall aus der Narkose wach geworden bin. Die Ärzte liefen mit Bedenkenträger-Miene herum. Meine Familie war verzweifelt – und ich konnte noch nicht reden, aber ich wusste: Alles wird gut.

40 Jahre „BAP“: Keine andere westdeutsche Band ist schon so lange so erfolgreich. Wie machen Sie das?

NIEDECKEN: Also, erstens glaube ich, dass wir immer unser Bestes abgeliefert haben. Und wir haben immer dann die Besetzung gewechselt, wenn es nötig wurde. Wir haben uns da nicht verkrampft. Man könnte ja jetzt sagen, der Niedecken ist der Einzige, der da übriggeblieben ist. Richtig, aber das ist genaugenommen seit 40 Jahren das Konzept. Deswegen wurde es auch mal Zeit, die Band zurückzubenennen von „BAP“ zu „Niedeckens BAP“. Den Namen haben wir bis zum dritten Album gehabt, dann haben wir „Wolfgang Niedeckens“ weggetan, und jetzt, seit zwei Alben, steht da wieder „Niedeckens BAP“. Das ist aus gutem Grund so, weil die Zeiten der festen Besetzung für uns einfach vorbei sind. Die „Originalbesetzung“ ist leider für die meisten Leute die vom dritten und vierten Album. Aber davor lagen auch schon fünf Jahre.

Auf der Tour wollen Sie Ihren Fans den Gefallen tun, alle Lieder mitsingen zu können. Wird das eine Greatest-Hits-Tour?

NIEDECKEN: Das eben nicht, eher eine mit den „beliebtesten Liedern“, da bin ich leider etwas wortklauberisch. Das ist mir ganz wichtig. Wir waren nie eine Hit-Kapelle. Wir haben uns nie auf Singles festgelegt, wir haben immer Alben rausgebracht, und wenn da mal ein Lied beliebter war als andere, dann war das okay.

Kommt auch eine „Best-of-CD“?

NIEDECKEN: Ja, aber das sind dann auch die beliebtesten Lieder. Diesen Begriff „Best-of“ finde ich ganz schlimm. Wer will denn sagen, was das Beste ist, denn es gibt ja keine objektiven Bewertungsmaßstäbe. Ich glaube, unsere besten Lieder sind nicht unbedingt unsere bekanntesten und auch nicht unsere beliebtesten Lieder. Wenn ich nach meinen Bewertungsmaßstäben sagen würde, welche Songs für mich die besten sind, da würden sich die Leute ganz schön wundern.

Das wäre aber spannend.

NIEDECKEN: Ja, aber dieses „Best of BAP“ würde wahrscheinlich keine Sau kaufen. (lacht)

Und das neue Album?

NIEDECKEN: Das neue Album ist verspielter als das vorige Studio-Album „Halb so wild“. Ich glaube, verspielt ist in diesem Fall ein ganz gutes Adjektiv, ist mir gerade eingefallen, muss ich mir merken (lacht). Die Geschichten, die erzählt werden, sind die Geschichten eines nicht mehr unbedingt jugendlichen, aber auch nicht unbedingt alten Mannes. Irgendwo dazwischen. Ich habe über das geschrieben, was mich in diesen vier Monaten, in denen die Texte entstanden sind, interessiert hat. Erinnerungen, Reminiszenzen, teilweise auch politische Gedanken, denn ich bin auch ein politischer Mensch.

Sie singen von Pegida, Kriegen und Flüchtlingen – die Platte ist wieder sehr politisch geworden.

NIEDECKEN: Das Album ist zurzeit sowas von aktuell, dass ich mich selbst erschrecke. Das, was wir als Künstler zurzeit tun können, ist, die Empathie weiter aufrechtzuerhalten. Wir können den Leuten dabei helfen, nicht zu verhärten. Das ist schon ganz schön viel. Wenn einen die Politik beschäftigt, werden die Texte anders, als wenn man verliebt ist.

Ist „Lebenslänglich“ eine Art Bestandsaufnahme?

NIEDECKEN: Ja, ich habe einen Song über die Entstehung von „Verdamp lang her“ geschrieben, „Et ess lang her“: Mein Vater war knapp ein halbes Jahr vorher gestorben, und da ich ständig unterwegs war, hatte ich nie die Zeit, mal wirklich das Stück zu schreiben, das ihm zustand. Wir mochten uns sehr, aber wir konnten irgendwann einfach nicht mehr miteinander reden, weil ich ein ganz anderes Leben führte, als er sich das vorgestellt hatte. Leider hat er meine Erfolge auch nicht mehr erlebt. Er ist 1980 gestorben, und 1981 hatten wir dann den großen überregionalen Durchbruch.

In dem Song „Vollkasko-Desperado“ singen Sie über Fans, die behaupten, die Band sei unpolitisch und kommerziell geworden. Was haben die falsch verstanden?

NIEDECKEN: Die haben vor allen Dingen die Alben nach 1984 ignoriert (lacht). Es gibt Leute die meinen, wenn sie irgendwann Mitte der 80er Jahre ihr letztes „BAP“-Album gehört haben und einen dann zufällig auf der Straße treffen, könnten sie sich ein Urteil erlauben. Das ist mir ein bisschen zu unverfroren. Und deswegen erlaube ich mir diese kleine Satire.

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