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Es wird das letzte Mal sein

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Francis Rossi lässt die elektrischen Gitarren und alles was dazugehört, demnächst in der Ecke stehen. Dann wird nur noch akustisch gespielt. Doch auf der bevorstehenden Tournee werfen ?Status Quo? noch einmal das ganze E-Instrumentarium an.
Francis Rossi lässt die elektrischen Gitarren und alles was dazugehört, demnächst in der Ecke stehen. Dann wird nur noch akustisch gespielt. Doch auf der bevorstehenden Tournee werfen ?Status Quo? noch einmal das ganze E-Instrumentarium an. © Christie Goodwin

In der Jahrhunderthalle lassen die Musiker der englischen Rockband „Status Quo“ ohne ihren kranken Gitarristen Rick Parfitt „The last Night of Electrics“ anbrechen.

Frankfurt. „Rockin’ All Over The World“, „Whatever You Want“, „In The Army Now“ und viele andere Rocksongs gehen auf das Konto von „Status Quo“. Genau 49 Jahre nach der offiziellen Bandgründung wollen die Engländer nun aus Altersgründen ihre Verstärker und elektrischen Instrumente aus der Hand legen und in Zukunft nur noch akustisch auftreten. Steffen Rüth sprach mit Frontmann Francis Rossi (67) über die „letzte“ Rocktour „The Last Night Of The Electrics“, die am 21. November in der Jahrhunderthalle ohne den schwerkranken Gitarristen Rick Parfitt hereinbrechen wird, dafür mit „Uriah Heep“ als Gast. Parfitt ist lediglich noch auf dem am 21. Oktober erscheinenden Album „Aquostic II – That’s A Fact“ zu hören.

ECHO: Mr. Rossi, Sie haben in Deutschland eine große, sehr treue Fangemeinde. Wie kommt das?

FRANCIS ROSSI: Das ist wahr, wir gehören bei Ihnen so ein bisschen zur Familie. Wir spielen seit vielen Jahrzehnten bei Ihnen, und Deutschland ist das Land, in dem ich fast alle meine Klamotten kaufe. Und ich liebe die deutschen Frikadellen. Alle sagen immer „Oh, das Schnitzel, das Schnitzel“. Sicher, das Schnitzel schmeckt auch, aber die deutsche Frikadelle, wow. Sie ist das Allerbeste an Ihrem Land.

ECHO: Anfang der 60er haben Sie noch nicht „Status Quo“, sondern „The Scorpions“ geheißen. Ihre deutschen Kollegen gleichen Namens sind etwa in Ihrem Alter und befinden sich seit Jahren auf ihrer angeblichen Abschiedstournee. Sie haben jetzt kundgetan, dass die kommende Konzertreise die letzte mit Verstärkern und elektrischen Instrumenten sein soll, die Tour heißt auch entsprechend. Sind Sie sicher, dass danach Schluss ist mit lautem Rock ’n’ Roll?

ROSSI: Ich bin mir sicher.

ECHO: Und in zwei, drei Jahren stehen Sie doch wieder auf der Matte?

ROSSI: Im Moment sage ich „Nein“. Keine Ahnung, was in Zukunft passiert, aber wir haben diese Entscheidung nicht leichthin, mal eben so, getroffen. Wir sind alte Männer. Rick hatte einen Herzinfarkt, bei mir kräuselt sich die Haut, der Nacken tut weh, das Fleisch hängt nach unten. Seit Rick krank war, fällt uns alles schwerer.

ECHO: Warum tun Sie sich die Auftritte dann überhaupt noch an?

ROSSI: Erstens, um unsere Familien zu versorgen. Zweitens, weil es uns gut tut. Wir mögen unsere Arbeit. In den vergangenen Jahren wechseln wir ja ab zwischen elektrisch verstärkten und akustischen Konzerten, die akustischen Auftritte werden wir auch weitermachen. Wir sind eine faule, genügsame, desinteressierte Band geworden. Wenn ich auf der Bühne stehe und einen Akkord ein wenig anders spiele als sonst, dann fühle ich mich fast wieder jung.

ECHO: Wären Sie gerne noch mal 20?

ROSSI: Nein, überhaupt nicht. Ich mag den jungen Mann nicht, der ich war. Ich war ein lächerlicher, verdammter Idiot. Mit Anfang 20 war ich total ätzend, ich war unreif und bis oben voll mit dem Shit, den man als den „Rock-’n’-Roll-Lifestyle“ bezeichnet. Alkohol, Kokain, Weiber, ich lebte das alles aus bis zum Exzess. Wir waren schon erfolgreich und konnten uns alles erlauben.

ECHO: Gehört bei Rockmusikern solch ein Lebensstil nicht irgendwie zum Job?

ROSSI: Das ist ja der Mist. Für junge Leute ist es Freizeitverhalten, sich zuzudröhnen und miteinander Sex zu haben. Aber im Büro kannst du sowas nicht bringen. Rockmusiker hingegen werden für dieses Arschlochbenehmen auch noch gefeiert.

ECHO: Sie machen Bühnenauftritte, seit Sie 13 sind. Ist Rock’n’Roll auch eine Sucht?

ROSSI: Ja! Es ist nie genug. Du hast einen Hit, dann willst du den nächsten, dann den nächsten, und immer so weiter. Nach 30 Hits willst du den 31. Bei Konzerten ist es genauso. So funktioniert das menschliche Belohnungssystem. Wegen unseres Ehrgeizes, der übrigens bis heute anhält, liefen wir nie Gefahr, ein One-Hit-Wonder zu werden. Weil wir immer weitermachten.

ECHO: Es gab auch nie eine längere Pause wie bei vielen Ihrer Kollegen.

ROSSI: Richtig. Wir hätten nichts mit uns anzufangen gewusst. Wir hatten auch Angst, dass es nicht mehr funktionieren würde nach einer Auszeit.

ECHO: Man darf gespannt sein, wie das mit dem Kürzertreten funktioniert.

ROSSI: Wir setzen darauf, dass das Alter uns die Entscheidung leichtmacht. Ich kann mir das Ende aber nicht richtig ausmalen. Ich habe auch Angst vor diesem Moment. Wird es nach dem letzten Rockkonzert dann so ein Gefühl sein, als bekommt man eine Goldmedaille umgehängt, und eine Stimme flüstert „Junge, das hast du gut gemacht?“ Ich bin gespannt.

ECHO: Sie haben gelinde gesagt einen unverwechselbaren Sound geschaffen. „Status Quo“ erkennt man immer sofort. Ist das wichtig für eine Band?

ROSSI: Nun, aus naheliegenden Gründen suchen sehr viele Musiker nach einem stilistischen Merkmal, das sie charakterisiert. Bei uns ist das aus Versehen passiert. Wir haben einfach an unserem Sound festgehalten. Die einen finden das geil, und die anderen meckern, dass wir seit hundert Jahren ein und denselben Song spielen. Aber guck dir „AC/DC“ an. Die machen wirklich immer dasselbe, und sie sind die geilste, einmaligste Band der Welt.

ECHO: Zu „AC/DC“ gehen mindestens drei Generationen von Rockfans. Blicken Sie auch bei Ihren Konzerten in junge Gesichter?

ROSSI: In das eine oder andere. Neulich kam ein Mädchen zu mir und sagte „Ich bin hier, weil du mich so an meinen Vater erinnerst“. Ich finde es aber blöd, wenn eine Rockband meint, sie stelle nur was dar, wenn junge Fans nachwachsen.

ECHO: Sie haben vor einigen Jahren sogar eine Techno-Version von „Whatever You Want“ mit „Scooter“ aufgenommen. Machen Sie sich gern über sich selber lustig?

ROSSIi: Das geht nicht anders. Du musst schon viel Ironie haben, sonst macht das alles keinen Spaß. Wir nehmen unsere Musik ernst, aber wir selbst nehmen uns nicht zu wichtig.

ECHO: Sie haben vor drei Jahren einen Film in der Südsee gedreht: „Boka Quo!“ Sollte man den sich mal ansehen?

ROSSI: Nein, lassen Sie es. Ich bin zwei, drei Leuten begegnet, denen der Film gefallen hat. Ich hab ihnen geraten, einen Arzt aufzusuchen.

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