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Wisch und weg

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Einzige Majestät in der neuen Inszenierung am Hessischen Staatstheater ist die Klamotte. Und „Heute-Show“-Reporter Lutz van der Horst versteigt sich als Zellenwart Frosch zu einer lauwarmen Predigt.

Wiesbaden. In viel zu großen Schwimmflossen tapste der freche Lutz mit den wilden Haaren zum berühmten Frosch-Ballett neckisch über die Bühne und überraschte im selbst geschriebenen Solo mit einer weichgespülten Wehklage über die „Selbstoptimierung“ und digitale Demenz. Dabei sollte der zuvor heiß angepriesene TV-Comedian Glanz in Gabriele Rechs Wiesbadener „Fledermaus“-Inszenierung bringen.

Zugegeben, seine Vorgänger sind erdrückend berühmt. Von Theo Lingen bis zu Helmuth Lohner: Kein Frosch, der sich nicht slibowitzselig in die Herzen gestolpert und seinen Auftritt zuverlässig zum Höhepunkt jeder „Fledermaus“ gemacht hätte. Anders in Wiesbaden. Hier vom Gefängnisschließer zum Barkeeper befördert, beklagt er pädagogisch korrekt die Allmacht des Internet, das Wisch-und-Weg-Konsumverhalten von Tinder-Nutzern und trinkt lieber Grünkohl-Smoothies statt hartem Stoff. Leider war der kühle Frosch symptomatisch auch für andere Regie-Fehlgriffe.

Klamotte

statt Komik

Gabriele Rech, mit ihrer vermurksten Regie der Wiesbadener „Norma“ noch ungut in Erinnerung, wollte unbedingt die flache Amüsierwut unserer Tage mit der gesellschaftlichen Verdrängung in Johann Strauss’ Walzerperle kurzschließen. Obwohl die seelische Grobheit der Schau also gewollt und damit weder dumm noch falsch war, dachte man schnell „Operette sich, wer kann“. War doch das ständige Gefummel, Gegrabsche, das Popo-Klatschen, TV-Gezappe und vor allem das kühl-geile Chillen in Orlofskys Bar auf Dauer schwer zu verdauen. Schon der Filmrückblick zur Ouvertüre mit der Galle kotzenden Fledermaus alias Dr. Falke, die durch die Wiesbadener Innenstadt wankt, geriet grenzwertig. Zur einsetzenden Handlung zeigte Gabriele Rech dann mal wieder kühlen Designerchic samt Breitband-TV, der im dritten Akt auch als Gefängnis herhalten muss. Die Welt von Prinz Orlofsky erschuf Dieter Richter als schrillen Party-Schuppen mit bewegter Drehscheibe, Spiegelfluchten und jeder Menge gut gebauter Tänzer. Auch hier war die existenzielle Langeweile und sexuelle Frustration, die nach Grenzüberschreitungen giert, in jeder Szene greifbar. Nun ist das Leichte bekanntlich besonders schwer zu spielen. Erik Biegel als Dr. Blind machte vor, wie’s geht. Ob als wandelnder Lampenschirm, zwanghafter BGH-Advokat oder geil die Contenance verlierend in Strapsen und Stöckelschuhen: Jeder Moment mit dem Tenor auf der Bühne war komödiantischer Hochgenuss. Drollig auch Stephanos Tsirakoglou als Gefängnisdirektor Frank, der nicht nur mit wunderbar bass-baritonaler Wärme singen, sondern auch Jägermeister und Teebeutel zugleich im Mund als Tee ziehen lassen konnte.

Fast wie

bei „DSDS“

Musikalisch präsentierte sich der Abend durchwachsen. Gastdirigent Michael Helmrath begann die Ouvertüre rasant und präzis, zeigte aber mehr Lust am wilden Schmiss als am sentimentalen Walzerrausch. Ungenau in Aussprache und langweilig im Spiel agierte Peter Bording als untreuer Gabriel von Eisenstein, genau wie Latin Lover Aaron Cawley als konkurrierender Alfred. Charakterlich blass blieb auch die Titelfigur, immerhin mit baritonalem Schmelz gesungen von Benjamin Russell. Nicht nur mit strahlenden Sopranspitzen, sondern auch wandlungsfähig überzeugte Netta Or als Rosalinde, während Stubenluder Adele alias Gloria Rehm trotz blitzsauberer Koloraturen mehr als „DSDS“-Anwärterin denn als echt Theaterambitionierte auftrat. Spektakulär gelungen auch der rassige Auftritt von Charakter-Altistin Romina Boscolo als androgyner Prinz samt Conchita-Wurst-Schnauzer.

Immerhin, als der maskierte Chor (Kostüme: Susanne Füller) am Ende des zweiten Akts im Zuschauerraum launig Sekttrompeten verteilte und „Champagner den Ersten“ wohlklingend zum Regenten ausrief, ahnte man, was für ein großartiger Operettenabend diese „Fledermaus“ hätte werden können. Trotz vieler Beifallsbekundungen bleibt am Ende nur Alfreds Credo: „Glücklich ist, wer vergisst.“

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