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KEANU REEVES (Jonathan), GARY OLDMAN (Graf Dracula) in "Bram Stoker's Dracula", 1992. BOX

Graf Dracula

Wüterich aus der Walachei

Er soll das Vorbild für Graf Dracula sein: Vlad III., im 15. Jahrhundert Fürst in der Walachei und grausamer Wüterich. Historiker untersuchen nun, was es mit den Schreckensgeschichten um den Tyrannen auf sich hat.

„Sein Gesicht war totenbleich, die Züge hart wie aus Stein gemeißelt; die dicken Augenbrauen, die sich über der Nase trafen, waren wie Barren weißglühenden Metalls“ – das ist Graf Dracula. So beschreibt ihn jedenfalls sein Schöpfer, der irische Schriftsteller Bram Stoker (1847–1912), Autor des Romans „Dracula“. Der berühmteste aller Vampire hinterlässt bei seinen Opfern kleine Wunden an der Kehle, denn er trinkt Blut.

In seinem Gießener Büro sitzt Thomas Bohn und umreißt mit dem Fingern eine Landkarte auf der Tischplatte: Transsilvanien, die Heimat des Grafen Dracula, liegt mitten in Rumänien. Bohn ist Professor für osteuropäische Geschichte und interessiert sich für den „echten“ Grafen Dracula: Vlad III. Draculea (1431–1476), Fürst der Walachei und genannt der „Pfähler“, diente Stoker als Vorbild.

Bohn lehnt sich in seinem Stuhl zurück und beginnt zu erzählen: Vlads Vater, Vlad II., war Mitglied im Drachenorden Kaiser Sigismunds und erhielt den Beinamen „Dracul“. Sein Sohn nannte sich „Draculea“, Sohn des Drachen. „Vlad galt damals schon als Wüterich, Christenverfolger, Dämon“, sagt Bohn.

Den Beinamen „Pfähler“ erhielt der Fürst wegen seiner bevorzugten Hinrichtungsmethode: „Es gibt Dokumente, die Menschen auf Pfählen aufgespießt in der Landschaft zeigen.“ Vlad sei als autoritärer Herrscher an einer „Politik der Abschreckung“ interessiert gewesen: „Es gab Gewaltexzesse – aber sie waren nicht schlimmer als anderswo zu der Zeit“. Westeuropäische Chronisten hätten dann „für die Verbreitung des Bildes eines grausamen Tyrannen“ gesorgt, mit Schreckensgeschichten etwa von Frauen mit aufgerissenen Leibern.

Den Sagen und Geschichten um Vlad will Thomas Bohn in einem Forschungsprojekt auf den Grund gehen. Gemeinsam mit Historikern aus München und Regensburg arbeiten die Gießener an einem dreibändigen Werk, dem „Corpus Draculianum“ mit Briefen, Dokumenten, Erzählungen und Urkunden zu Vlad III.. Der dritte Band ist bereits erschienen. Das Besondere: Die Edition enthält Texte in 76 Sprachen, darunter Alttürkisch, Persisch, Spanisch, Polnisch, Serbisch, Altfranzösisch und Altkirchenslawisch.

Noch etwas interessiert den Historiker Bohn: Was sind die wahren Ursprünge des Vampirglaubens? Am 21. Juli 1725 erschien in der Österreichischen Staatszeitung ein Bericht über einen Vorfall an der Militärgrenze des habsburgischen Reichs: Dort starben innerhalb weniger Tage neun Menschen.

In Verdacht geriet ein gewisser Peter Plogojoviz, dessen Grab die Dorfbewohner öffnen ließen. Sie fanden eine „unverweste Leiche“, aus deren Mund frisches Blut geflossen sein soll – das habe der Untote seinen Opfern ausgesogen, so hieß es. Solche Leichen habe die einheimische Bevölkerung „Vampyri“ genannt. Der erste „Vampir“ war in den Schlagzeilen.

„Die habsburgische Militärgrenze stellte eine Schutzzone gegen das Osmanische Reich dar“, erklärt Bohn in seinem neuen Buch „Der Vampir – Ein europäischer Mythos“. Und sie war „Seuchengrenze“. Jahrhundertelang hatte die Pest in Europa gewütet. „Die Menschen vermuteten, dass die Gefahr von den Toten ausgeht.“ Die Angst vor den Türken, vor den Toten und vor den Seuchen in der Nähe der Grenze zum Osmanischen Reich – in diesem Klima gedieh der Vampirglaube. Im London der 1890er Jahre entschloss sich dann der Beamte Bram – eigentlich Abraham – Stoker, einen Horror-Roman zu schreiben. „Stoker war selbst ein düsterer Mensch“, erklärt dazu die Wetzlarer Anglistin Maren Bonacker.

Als Kind war er schwer krank gewesen; ein Freund regte ihn an, die Kindheitserinnerungen in einem Roman zu verarbeiten. Seine Recherche führte Stoker zu Vlad, dem Pfähler. „Schauerromane gab es bereits“, sagt Bonacker. Aber neu war bei Stoker die Verflechtung unterschiedlicher Dokumente wie Tagebücher oder Zeitungsartikel, wie Bonacker sagt. So sei ein „Echtheitseffekt“ entstanden.

Stokers „Dracula“ aus dem Jahr 1897 folgte eine lange Reihe von Vampirromanen und -filmen. Der letzte literarische Vampir-Hype, ausgelöst von der Twilight-Saga der US-Amerikanerin Stephenie Meyer, sei abgeebbt, sagt Bonacker, die in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar die Abteilung Kinder- und Jugendliteratur leitet. Unter Schülern gälten die Romane inzwischen als kitschig.

Zurzeit lägen Zombie-Geschichten im Trend. In der gesamten fantastischen Literatur gebe es immer wieder Wellen, sagt Bonacker. Vampire aber, da ist sie sich sicher, sind ein unzerstörbares Thema.

Thomas M. Bohn: „Der Vampir – Ein europäischer Mythos“, Böhlau-Verlag, 368 Seiten, 24,99 Euro

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