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Nach jahrelangem Rückzug ins Private: Phil Collins hat wieder viele Pläne.

Phil Collins

„Zeit für meine Wiederentdeckung“

Nach seiner Scheidung hat er sich jahrelang zurückgezogen. Nun versucht der Sänger und Schlagzeuger ein Comeback. Heute wird er 65 Jahre alt.

Trotz viel Kritik an seiner Musik (zu seicht, zu poppig, zu anbiedernd) gehört Phil Collins zu den ganz Großen der Rockgeschichte. Die Bilanz bisher: mit der Band „Genesis“ und solo insgesamt mehr als 250 Millionen verkaufte Platten, viele Nummer-eins-Hits, sieben Grammys und sogar ein Oscar für die Musik zum Disney-Film „Tarzan“. „In The Air Tonight“, „I Can’t Dance“, „Another Day in Paradise“, „Invisible Touch“, „No Son Of Mine“ oder „A Groovy Kind Of Love“ sind weltbekannte Ohrwürmer. Collins hat schwere gesundheitliche Probleme. Erst im Herbst wurde er am Rücken operiert, ein Ohr ist so gut wie taub, ein Nervenschaden macht es für den Schlagzeuger unmöglich, die Schlägel zu halten. Darüber spricht er inzwischen genau so offen wie über seinen übermäßigen Alkoholkonsum während einer Sinnkrise. Nun veröffentlicht Collins seine Solo-Alben neu, technisch aufgemöbelt, aber ohne viel neues Material. Zunächst erscheinen „Face Value“ (1981) und „Both Sides“ (1993), Ende Februar kommen „Hello, I Must Be Going“ (1982) und „Dance Into The Light“ (1996). Unser Mitarbeiter Steffen Rüth sprach in London mit dem britischen Sänger, Schlagzeuger und Songschreiber.

Mr. Collins, warum veröffentlichen Sie die alten Platten noch einmal?

PHIL COLLINS: Die Zeit ist reif, wiederentdeckt zu werden. Jetzt ist der richtige Moment für all diese Leute, jüngere Leute zumeist, die in irgendeinem Zusammenhang von dem Typen namens Phil Collins gehört haben, mal zu sehen, was er eigentlich so getrieben hat. Und ich denke, für alle, die mich schon kennen, war ich lange genug verschwunden, um sagen zu können: Okay, hören wir uns diesen Kerl doch mal wieder an. Vielleicht haben wir uns ja getäuscht, als wir dachten, seine Musik sei Mist.

Sie sind immer so kritisch mit sich selbst. Viele schätzen Ihre Musik.

COLLINS: Ja, ich weiß. Sorry. Ich hatte im Verlauf meiner Karriere immer wieder mit hasserfüllter Ablehnung zu kämpfen, eine lautstarke Minderheit hat sich verächtlich über mein Schaffen geäußert, das wurde richtig persönlich. Was mir sehr zu schaffen gemacht hat.

Junge Künstler, Lorde, Kanye West, Pharrell Williams, finden Sie cool . . .

COLLINS: Ja, das tut gut. So viel Zuspruch wie in den letzten Jahren hatte ich sonst nie.

Warum haben Sie bei allen CDs jeweils noch Live-Aufnahmen der Songs sowie einige Demoversionen hinzugefügt?

COLLINS: Wenn schon, denn schon. Die Demos zeigen, wie die Songs entstanden sind, die Live-Aufnahmen zeigen, was aus ihnen geworden ist.

Was für einen Phil Collins sehen Sie, wenn Sie sich das Foto aus dem Jahr 1981 angucken?

COLLINS: Ich sah total jung aus. Aber im Kern habe ich mich seit damals nicht verändert, ich halte mich allerdings in manchen Aspekten für klüger als früher.

In welchen?

COLLINS: Ach, in welchen nicht? Lebenserfahrung ist die gute Begleiterscheinung des Alterns. Ich versuche das, was ich gelernt habe, weiterzugeben an meine Kinder.

Sie sind im vergangenen Jahr nach Miami gezogen, wo seit der Trennung 2008 Ihre Ex-Frau Orianne, mit der Sie sich nun wieder versöhnt haben, mit den beiden Söhnen lebt.

COLLINS: Als wir noch in der Schweiz waren, wollte ich unbedingt wieder mehr bei ihnen sein, ich hatte über die Jahre schon so viel verpasst. Also setzte ich mich zur Ruhe, und wenig später zogen sie nach Miami. Das war schrecklich hart. Das war die Zeit, in der ich anfing, zu viel zu trinken. Ich hatte so viel Zeit zum Nachdenken, und es waren keine angenehmen Gedanken. Ich fiel in ein großes Loch.

Wie sind Sie vom Alkohol wieder losgekommen?

COLLINS: Leicht war es anfangs nicht, weil ich keinen Grund sah, damit aufzuhören. Aber dann kam heraus, dass ich dabei war, mich mit dem Saufen umzubringen: Ich trank auch harte Sachen. Mein Arzt sagte mir, ich hätte es fast nicht geschafft, weil sich meine Organe abzuschalten begannen.

Wie fühlen Sie sich, 65 zu werden?

COLLINS: 65 ist okay. Die Familie organisiert eine Party für mich, wenn ich nächste Woche wieder in Miami bin.

Sie können jetzt wieder so viel machen: Solo-Album, Solo-Tour, ein Comeback mit „Genesis“ . . .

COLLINS: Langsam, langsam. Warten Sie mal (lacht).

Aber Sie sind ja wieder im Spiel.

COLLINS: Richtig, richtig. Ich will jedoch nicht auf einen Schlag zu viel anfangen, mir zu viel aufhalsen. Aber die Möglichkeiten sind wieder vorhanden. Vor drei oder vier Jahren hätte ich geantwortet: Ich mache gar nichts mehr. Jetzt denke ich über die Projekte nach, die ich angehen könnte.

Was lässt Sie zögern?

COLLINS: Ich will nicht mehr so lange am Stück von zu Hause weg sein. Wobei Tourneen heute auch anders organisiert werden können als früher. Du kannst zwei Wochen spielen, und zwei Wochen pausieren. Oder du machst es so wie Billy Joel und spielst ein Mal im Monat im Madison Square Garden. Klar, meine Kids drängen mich. Die wollen, dass ich rausgehe und spiele. Sie wollen, dass ich endlich wieder neue Songs aufnehme. Weil sie stolz auf ihren Vater sind. Sie können es kaum erwarten, dass ich live auftrete, damit sie das sehen und alle ihre Freunde mitbringen können. Allein deshalb lohnt es sich schon, wieder Konzerte zu spielen.

Ihr Sohn Simon ist Musiker, ihre Tochter Lily eine inzwischen weltbekannte Schauspielerin. Würde es Sie freuen, wenn auch die beiden Jüngsten ins Unterhaltungsgeschäft gingen?

COLLINS: Ich glaube, das lässt sich kaum noch aufhalten. Nicholas ist ein wirklich toller Drummer. Er hat Sachen drauf, die sind für einen 14-Jährigen unglaublich.

Das wäre die Lösung für „Genesis“. Sie sagen, wegen Ihres Nervenleidens können Sie kein Schlagzeug mehr spielen. Wenn Nicholas dransitzt, können Sie sich aufs Singen konzentrieren.

COLLINS: Oh, dann würde Simon aber nie wieder ein Wort mit mir sprechen, wenn ich statt ihm den jüngeren Bruder nehme (lacht). Ich empfinde es ja als große Ehre, dass mich alle nach meinen Plänen fragen und wollen, dass ich was mache. Aber ich habe mich noch nicht festgelegt.

Sie schreiben auch an einer Autobiografie. Was fällt Ihnen auf, wenn Sie aus Ihrem Leben erzählen?

COLLINS: Wie unfassbar fleißig ich früher war. Das ist fast schon beängstigend zu sehen, was ich damals getourt bin. Eine Show nach der anderen, „Genesis“, ich solo, immer war irgendwas. Anfang, Mitte der Achtziger habe ich so gut wie jedes Jahr ein Album rausgebracht, das war schon Wahnsinn. Aber damals fühlte sich das gar nicht wie harte Arbeit an, ich habe das auch genossen. Es wurde jahrelang immer besser, wir hatten das, was man heute „Momentum“ nennt. Und größer wurde es auch.

Wenn Sie jetzt auf Ihren Rückzug blicken, war der ein Fehler?

COLLINS: Nein, ich stehe dazu. Ich musste das tun, und ich denke, ohne die Pause würde es dieses Comeback nicht geben.

Sie waren ewig nicht in Deutschland .

COLLINS: Stimmt. Nehmen Sie es nicht persönlich (lacht). Deutschland war immer großartig. Die Popularität von „Genesis“ und von Phil Collins ist in Deutschland wirklich unglaublich gewesen. Ich habe herrliche Erinnerungen.

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