Jürgen Kaube
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Ludwig-Börne-Preis für Jürgen Kaube

Im Zeitalter der Unruhe

  • Michael Kluger
    VonMichael Kluger
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In der Frankfurter Paulskirche wurde der Journalist Jürgen Kaube mit dem mit 20 000 Euro dotierten Ludwig-Börne-Preis ausgezeichnet.

Der Preisrichter und Laudator, der Historiker Dan Diner, würdigte am Sonntag Kaubes herausragendes schriftstellerisches Vermögen, „die wissenschaftliche Kultur von Geist und Sache in luzider Klarheit und begriffsnaher Zuspitzung in den öffentlichen Raum zu tragen“. Jürgen Kaube, Nachfolger von Frank Schirrmacher als für das Feuilleton zuständiger Herausgeber der „F.A.Z.“, stehe mit oft scharfen Urteilen wie Ludwig Börne in der Tradition der Aufklärung.

Diner hob vor allem Kaubes zuletzt erschienenes Buch über Max Weber (1864–1920) hervor, das den Soziologen, den die Erfahrung der Fremdheit mit dem kritischen Journalisten Börne (1786–1837) verbinde, als einen Seismografen epochaler Umbrüche porträtiere und zugleich die kulturhistorische Diagnose eines nervösen Zeitalters liefere. Diner spannte den Bogen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, in der der Einbruch des Digitalen zu Unschärfen im geschriebenen Wort führe und ein islamischer Fundamentalismus die Geschichte ungeschehen zu machen suche.

Kaube plädierte in seiner Dankesrede für einen reflektierten Journalismus. „Es gibt so viele Neuigkeiten, weil wir uns auf vielen Gebieten mit einer Art Angstlust auf das konzentrieren, was sich gerade ändert“, sagte er. Der Blick des „Zeitgeists“ fokussiere sich stets auf auf die Wandlungen und Übergänge, nicht auf das, was von Bestand sei. So entstehe das einseitige Bild fortwährender Unruhe. Tatsächlich ändere sich aber vieles nicht.

Immer schneller würden neue Epochen zur Beschreibung der Zeit postuliert: etwa die „Wissensgesellschaft“, die „postindustrielle Gesellschaft“, die „Risikogesellschaft“ oder die „Digitale Gesellschaft“. In der Vorstellung, „durch die Ausrufung von Neuigkeiten den Gang der Dinge selber zu beeinflussen“, liege „eine der großen Versuchungen der Zeitdiagnostik wie des Journalismus“, sagte Kaube. Er erinnerte daran, dass 1818 Ludwig Börne in Frankfurt seine Zeitschrift „Die Waage“ gegründet, im selben Jahr Friedrich Hegel in Berlin seine Vorlesung über Rechtsphilosophie begonnen habe. Beide Autoren formulierten, so Kaube, das Ziel, die Gesellschaft zu begreifen. Doch Börne als erster deutscher politischer Feuilletonist wollte dazu „die Aussagen der Zeit erlauschen“, während Hegel die „Zeit in Gedanken erfassen“ strebte. Kaube plädierte für eine Synthese: „Wer Neuigkeiten nicht einfach ausgesetzt sein will, braucht zur Erkenntnis der Gegenwart Begriffe, nicht Schlagworte.“ Die Wissenschaft alleine könne keine Urteile fällen. Aber sie könne helfen, die Beobachtungen und Argumente der Journalisten zu fundieren. Wenn der Journalismus sich wissenschaftlicher Erkenntnisse bediene, „können sie dabei helfen, stärker zu unterscheiden, was wirklich neu ist und was überhaupt der Fall ist“.

Der Preis wird von der Frankfurter Börne-Stiftung seit 1993 für herausragende Leistungen auf dem Gebiet des Essays und der Reportage verliehen und erinnert an den jüdischen Publizisten Ludwig Börne, der unter dem Namen Juda Löw Baruch in Frankfurt geboren wurde und später zum Protestantismus konvertierte.

(klu)

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