Staatstheater Wiesbaden

Zerbrechlich ist das Glück

  • vonAxel Zibulski
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Mit viel Fantasie hat der Regisseur Giuseppe Verdis Oper vor das jubelnde Publikum gebracht. Es dirigierte Generalmusikdirektor Zsolt Hamar.

Insgesamt 150 gläserne Seifenblasen hängen vom Himmel und prägen wie ein Traumbild die Bühne im zweiten Akt von Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“. Zerbrechlich ist schließlich das kurze Glück, das die todkranke Ex-Kurtisane Violetta an der Seite ihres Alfredo Germont erlebt. Regisseur Nicolas Brieger hat den Dauerbrenner neu im Staatstheater Wiesbaden inszeniert, wo zuletzt eine gut abgehangene, fast 20 Jahre lang im Spielplan geführte Repertoire-Produktion der „Traviata“ zum Hausinventar gehörte. Briegers neue Sicht auf das Stück erlebte auch vokal einen großen Erfolg beim Publikum.

Ganz mädchenhaft, zierlich, fast kindlich ist diese Pariser Gesellschaftsdame Violetta Valèry alias „La Traviata“ mit der blutjungen Sopranistin Heather Engebretson besetzt. Sie muss ihre wahre Liebe zu Alfredo Germont auf Bitten von dessen Vaters verneinen. Denn der sieht die Hochzeit seiner eigenen Tochter durch eine in die Familie einheiratende Frau aus der Halbwelt auf der Kippe.

Regisseur Brieger führt, darin ganz behutsam, diese Tochter als stumme Figur auf der Bühne ein, eine ihrerseits lädierte, leidende, hinkende Figur, deren Erscheinen die Motive des Vaters beglaubigen mag. Leider singt der erfahrene Bayreuth-Bariton Alejandro Marco-Buhrmester als Vater Germond nicht sehr balsamisch, sondern mit punktuell harten Tonbrüchen. Und Sohn Alfredo klingt dank dem jungen Tenor Ioan Hotea zwar engagiert, aber nicht immer intonationssicher.

Ohnehin steht in Briegers bis ins Detail kluger Regie allein Violetta im Mittelpunkt des Geschehens. Im Bühnenbild von Raimund Bauer hat der Regisseur die Menge an den Rand gerückt. Eingangs singt der Party-Chor das Trinklied hinter einem trüben Vorhang, die Zigeunerinnen des zweiten Akts sind in den Proszeniumslogen platziert. In der „Traviata“ das Dekorative derart an den Rand zu rücken, mag eine nicht ganz neue Idee sein – besonders weit hat sich in dieser Hinsicht vor vier Jahren Benedikt von Peter in einer viel diskutierten Neuproduktion an der Oper Hannover vorgewagt, in der Violetta völlig allein auf die Bühne stand.

So weit geht Nicolas Brieger in Wiesbaden nicht, lässt als Augenschmankerl im ersten Akt sogar eine Stretch-Limousine auf der Bühne vorfahren, auf deren Motorhaube Violetta brüsk mit der Sektflasche den Walzer-Rhythmus schlägt. Doch alle Blicke richten sich auch hier immer auf sie, schon weil ein Double der Todkranken in einer Riesen-Glasblase stets über der Szene schwebt. Eine Herz-Lungen-Maschine sorgt dafür, dass die Sieche dort am Leben bleibt. Man ahnt es lange vorab: Heather Engebretsons Violetta, die den ganzen Premierenabend über eine eigenwillige, jugendliche, herbe, dabei aber auch unscharf flackernde Violetta gegeben hat, stirbt am Ende tatsächlich in dieser Kugel.

Wie unbeteiligt am Geschehen blieb zuweilen Wiesbadens Generalmusikdirektor Zsolt Hamar am Pult des Hessischen Staatsorchesters. Viel zu häufig verlor er die Tempo-Anbindung ans Bühnengeschehen und nahm darin wenig Rücksicht auf die Solisten, auch wenn er das Orchester häufig freundlich, aber auch gestalterisch neutral herunterdimmte.

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