Kritik zu "Deportation Cast" am Staatstheater Mainz

Zurück ins Ungewisse

  • vonAstrid Biesemeier
    schließen

Leider aktueller denn je: Brit Bartkowiak inszenierte mit „Deportation Cast“ am Staatstheater Mainz die Geschichte einer Abschiebung.

Ein Süßigkeiten- und ein Getränkeautomat stehen auf der Bühne im Glashaus. Dazu hellblaue Stühle aus Metall, wie sie sich in einer Abflughalle befinden könnten (Ausstattung: Nikolaus Frinke). Pragmatische Ungemütlichkeit strahlen sie zunächst aus.

Tatsächlich sind sie Menetekel einer Abschiebung. In „Deportation Cast“ von Björn Bicker geht es um eine junge Roma, die mit ihrer Familie in den Kosovo abgeschoben wird. Eben noch geht das Roma-Mädchen Elvira in Deutschland zur Schule und ist verliebt in einen Mitschüler – plötzlich findet sie sich mit ihrer Familie im Kosovo wieder. Der Junge, in den sie verliebt ist, ist ausgerechnet der Sohn eines Piloten, der selbst schon Abgeschobene in ihr Herkunftsland geflogen hat. In diese Geschichte webt Bicker u. a. Aussagen eines Anwalts, einer Beobachterin einer Hilfsorganisation oder auch einer Sachbearbeiterin in einer Ausländerbehörde ein. Und ihm gelingt, was oftmals scheitert: Er holt das Politische ins Private, er verwandelt abstraktes Wissen zu einer berührenden Geschichte. 2012 hat er den Deutschen Jugendtheaterpreis dafür erhalten.

In „Deportation Cast“ spielen alle Schauspieler drei Rollen. Solche Mehrfachbesetzungen sorgen in vielen Stücken für Verwirrung. Oft sind sie schlicht der Tatsache geschuldet, dass neue Stücke eine größere Chance auf Aufführung haben, wenn nur wenige Schauspieler benötigt werden. In der Inszenierung von Brit Bartkowiak, in der wenige Licht- und Accessoireänderungen reichen, um den Szenenwechsel zu markieren, ist es stimmig, dass Johannes Schmidt, Anna Steffens, Kristina Gorjanowa und Denis Larisch in mehrere Rollen schlüpfen. So ist Gorjanowa nicht nur die abgeschobene und willensstark erscheinende Elvira, sondern auch die Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde, die – leicht verdruckst – dazu neigt, nach Vorschrift zu handeln. Johannes Schmidt ist Roma-Vater ebenso wie etwas selbstverliebter Anwalt, der sich sein Dasein schön redet.

Die unterschiedlichen Perspektiven, noch dazu durch jeweils ein und denselben Schauspieler verkörpert, machen deutlich, wie komplex das Thema Abschiebung ist – auch wenn die Sympathien der Zuschauer bei den Opfern liegen mögen. Und sie sensibilisieren dafür, dass man selbst genauso gut in andere Verhältnisse hineingeboren sein könnte. In Zeiten, in denen das Mittelmeer zum Massengrab wird und täglich Menschen den Weg nach Europa suchen, um, wenn sie denn lebend angekommen sind, eventuell zurückgeschickt zu werden, ist das ein wichtiges Stück. Nicht nur für Jugendliche.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare