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Wendla (D. Gilberg) und Melchior (R. Maaß).

Staatstheater Wiesbaden

Zwischen Broadway und Kaiserreich

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Das junge Ensemble des Wiesbadener Staatstheaters überzeugt mit dem Musical „Frühlings Erwachen“.

In Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ geht es um Sexualität, Aufklärung und das Erwachsenwerden. Entsprechend scheint das auf der Pflichtlektüre heutiger Schulklassen beruhende Musical von Duncan Sheik und Steven Sater wie gemacht für das junge Ensemble des Wiesbadener Staatstheaters. Denn die Darsteller sind kaum älter als die Personen, die sie spielen, singen und tanzen. Das tut der Inszenierung von Iris Limbarth sehr gut, und es berührt.

Nur manchmal, da geht die Spielfreude mit ihnen durch, da wollen die fröhlich-frechen Gesichter nicht so recht passen zu der tragischen Handlung mit einem Suizid als scheinbar einzigem Ausweg aus einer schulischen Drucksituation und dem Tod der Protagonistin Wendla nach einer missglückten Abtreibung. Doch liegt das im Genre begründet: Die rockig-modernen Klänge des 2007 entstandenen Broadway-Stücks, zu denen Limbarth hölzerne Bewegungen choreografiert hat, harmonieren nicht mit der verklemmten Atmosphäre im Wilhelminischen Kaiserreich. Die Regisseurin verstärkt diese gewöhnungsbedürftige Mixtur noch, indem sie einerseits bei den Kostümen (Heike Korn) dem Handlungszeitraum treu bleibt, andererseits die Lehrer der Kinder (Felicitas Geipel, Peter Emig) mit unförmigen Nasen und einem Raben auf der Schulter des Schuldirektors unnötig stark karikiert. Trotzdem vermochte die zweistündige Premiere in der Wartburg zu überzeugen und zu fesseln. Großen Anteil daran hat Denia Gilberg, die mit wachem Blick und klarer Stimme eine Wendla verkörpert, die ihrem Unglück entgegensteuert. Rainer Maaß in der Rolle ihres Freundes, des frei erzogenen Melchior, wirkt daneben zwar ein wenig blass, aber seiner Rolle entsprechend reifer als der Rest des Ensembles. David Rothe verwandelt Moritz in einen Klassenclown, dessen traurige Seite nicht rechtzeitig genug Beachtung findet.

Inmitten einer düsteren Szenerie, in der eine eng mit einem religiösen Text beschriftete Rampe als Schicksalsort zu einem kippenden Kreuz führt, entwickelt das Trio gemeinsam mit seinen zehn Kollegen eine zu Herzen gehende Geschichte. Die bei Wedekind zeitgemäß nur angedeuteten sexuellen Handlungen arbeiten sie dabei deutlich heraus und beweisen somit gleich in mehrfacher Hinsicht Mut, den die Zuschauer gerne mit viel Applaus belohnen.

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