Sven Regener (vorne) und seine Mitmusiker klauen sich als ?Kriminelle Elemente? musikalisch alles zusammen.
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Sven Regener (vorne) und seine Mitmusiker klauen sich als ?Kriminelle Elemente? musikalisch alles zusammen.

Element of Crime in der Jahrhunderthalle

Zwischen Kaffee und Karin liegt die Schwermut

Mit dem Auftritt der Band „Element of Crime“ um Sven Regener fand die Sommerkonzertreihe im Amphitheater Hanau einen würdigen Abschluss.

„Stark, vielen Dank, guten Abend. Wir sind’s: ,Element of Crime’“, reagiert Sänger Sven Regener gewohnt unprätentiös auf den Begrüßungsbeifall, nachdem die Band sich mit „Wenn der Morgen graut“ locker in den Abend geschrammelt hatte. Zuletzt waren die Herren im März 2015 in der Frankfurter Jahrhunderthalle zu Gast, jetzt genossen sie die Rückkehr in die Provinz. „20 Jahre nach dem legendären Gig in der Schweinehalle“, erinnert der Sänger an die Tage im Hanauer Underground. Seit 31 Jahre gibt es die „Elements“ nun schon. Eine kleine Ewigkeit für eine Rockgruppe. Regener, auch Rhythmusgitarrist und Trompeter, Jakob Ilja (Sologitarre) und Schlagzeuger Richard Pappik sind seit 1986 zusammen, ihr britischer Bassist David Young betreut die Berliner als Produzent schon seit 1988. Da kennt man sich, könnte sich darauf beschränken, seine ganze Routine auszuspielen.

Mittelpunkt der Welt

Das ist aber keine Option für die Musiker, wie sich im Amphitheater vor 1500 Fans zeigt. Lieber erfindet sich die Band immer wieder (in Nuancen) neu. Seit sie vor zehn Jahren auf der Tournee „Mittelpunkt der Welt“ im Quartett nach teils opulent orchestriertem Kammer-Pop zum Rock ’n’ Roll zurückfanden, haben sie wieder so richtig Spaß an ihrem Tun. Auch wenn sie sich nicht mehr in einen Geschwindigkeitsrausch spielen, Gemütlichkeit ist genauso wenig angesagt. Mit dem Status der alten Säcke kokettierten sie früher. Stilsicher präsentieren sie ihre Musik. Und die hat ihren unverwechselbaren Stil. All die unterschiedlichen Genres, die sie seit ihrem ersten deutschsprachigen Album „Damals hinterm Mond“ 1991 gestreift haben, finden sich heute als Facetten in einem homogen Sound wieder: das Chansonhafte, die Dreivierteltaktseligkeit, Zirkus- und Jahrmarktsmusik, klassische Ballade. Sie haben über die Jahre vieles hoffähig gemacht, nicht nur den Herz-Schmerz-Song dank ironischer Lakonie. „Ach, wie schön“ seufzt es daher im Auditorium, selbst wenn die Liebe längst vergangen ist, wie im frenetisch beklatschten Lied „Weißes Papier“.

Nur keine Angst

Regener & Co. haben keine Angst vor gar nix. Wenn sie Country spielen wollen, interpretieren sie ihn mit E-Gitarren-Twang in ganz eigener Manier. Wenn sie der „Folklore“ frönen, muss man die Trompete nicht künstlich aufwerten, indem man ihr mexikanischen Mariachi zuschreibt wie etwa in „Kaffee und Karin“. Warum in die Ferne schweifen, liegen Ländler und Polka doch so nah. Sogar wenn man ihnen unterstellt, mal schlagernah zu agieren, entgegnen sie: „Dann ist das eben so.“ Das ist souverän.

Zwischen Wehmut und Sehnsucht, Schwelgen und Schwofen, „Bring den Vorschlaghammer mit“ und „Bitte bleibt bei mir“ liegt das Identifikationsangebot. „Elbe 1“, gewidmet der 1990 verstorbenen Volksschauspielerin Helga Feddersen als eine von vier Zugaben, rührt mit der ergreifendsten Mundharmonika-Melodie seit „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ein kleines Stück Musik birgt Gänsehautgarantie. Am Ende der zwei prallvollen Stunden weiß man nicht, wem man mehr Respekt zollen soll: den Musikern für ihre Spielfreude, dem Dichter, dem solch herrliche Sprachbilder einfallen, oder dem Publikum, das textsicher mitsingt, als wären es nur banale Schlager.

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