"Kuffar" im Frankfurter Kammerspiel

Zwischen Terror und Krisen

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Das Stück „Kuffar – Gottesleugner“ von Nuran David Calis kam zum Festival „Frankfurter Positionen“ und brachte ein heikles Thema mit.

Am Festival-Thema, dem Ich im digitalen Netz, geht dieser Werkauftrag eher vorbei. Zwar radikalisiert sich die Figur des Hakan alias Abu Ibrahim im Fundamentalisten-Blog und in Youtube-Videos als Hetzer gegen Nicht-Muslime. In der Darstellung Christoph Frankens, der auch im Kaftan-Ersatz wie ein molliger Ostfriese aussieht, sind es nervöse Tics, der abrupte Umgang mit den Eltern und der dogmatisierende Übereifer, welche die persönliche Bedingtheit solcher Absolutheiten entlarven.

Worum geht es? Calis, deutscher Theater- und Filmemacher türkisch-armenisch-jüdischer Abstammung, macht Hakan zum Sohn türkischer Eltern im Exil. Ihnen folgt das Drei-Personen-Stück von Putsch zu Putsch. Hakan erklärt das als Frucht politischer Frustrationen. 1960 setzt ein Putsch den religiösen Ministerpräsidenten Adnan Menderes ab, als der die Demokratie abschaffen will. Ayse (jünger: Vidina Popov, älter: Almut Zilcher) prägt damals nach dem Vorbild ihres Vaters eine Revoluzzer-Haltung aus. 1980 gibt sich das Militär als Nothelfer gegen Terror und Krisen, die Folge: fünfzig Hinrichtungen, 171 Foltertote, Massenunterdrückung. Calis’ Paar zerstreitet sich, weil die glühende Ayse bleiben und kämpfen will, Ismet (jung: Ismail Deniz, älter: Harald Baumgartner) aber eine gemeinsame Zukunft im Exil sucht. Ayse ist schwanger.

2016 wollen Militärs Präsident Erdogan absetzen. Der wehrt den Putschversuch ab, lastet ihn seinem Ex-Verbündeten Fethullah Gülen an und setzt einen Staatsstreich ins Werk. Die Medien sind gleichgeschaltet, Terroranschläge knipst der Alleinherrscher ein und aus, wie es passt, das eingeschüchterte Volk jubelt oder kuscht und schweigt. Ein Referendum soll letzte Reste der Demokratie liquidieren. In dieser Welt von heute sind Ayse und Ismet weiter im Exil: ewig zerstritten. Er ist Vermieter (auch für Hakans Imam) und Gewerkschafter, lebt zwischen Büchern und schreibt politische Wischi-Waschi-Artikel, die kein Mensch liest. Ayse: die quengelnde Hausfrau. Den Bruch 1980 haben sie nie verwunden; um Hakans Islam schleichen sie wie die Katze um den heißen Brei.

Calis inszeniert das in spröder Lehrstück-Ästhetik à la Brecht, vermehrt um epische Mittel wie Nachrichten-Videos auf Anne Ehrlichs sachlich weißer Hinterwand. Rätselhaft die eckigen Aussparungen in der Wand hinter dem eckig weißen Bühnenmobiliar (Bänke, ein Tisch). Mal kühles und mal warmes Licht, punkige und loungige Musik helfen gliedern.

Was bleibt, sind exzellente Darsteller in Alters-Spannung: die glühende junge Popov im eng-schwarzen Action-Kostüm und die resigniert-nachgiebige Zilcher im kleinen Schwarzen als doppelte Ayse; der authentisch-schnittige Deniz mit offener Brust und viel Türkisch auf der Zunge gegen den BRD-normalisierten Baumgartner-Ismet. Hakan aber wird frontal zu Kamera und Saal zum Islam-Avatar, der, je aggressiver er Hirngespinste über den Propheten und vorgeschriebene Klo-Sitten wie Blitze auf uns „Kuffar“ schleudert, nur immer erbärmlicher dasteht. Dieser Internet-Solipsist spinnt sich als hässliche Raupe in den WWW-Kokon ein und träumt, zum Welt-Schmetterling zu werden. Sich zu denunzieren, schafft diese Figur von ganz alleine.

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