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Zwischen Verzweiflung und Euphorie

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Von: Andreas Bomba

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Der amerikanische Tenor Matthew Polenzani wagte sich bei seinem Liederabend in der Frankfurter Oper an „Die schöne Müllerin“. Und überzeugte rundum.

„Das Wandern ist des Müllers Lust! Dein ist mein Herz, und sollt’ es ewig bleiben! Ich hab’ das Grün so gern!“ Keine Frage: „Die schöne Müllerin“, 23-teiliger Gedichtzyklus eines ausgerechnet Müller heißenden Dichters, hat volksguthaften Charakter, zumal in der veredelnden (nur 20 Gedichte berücksichtigenden) Vertonung Schuberts.

Es sind in der Regel lyrische Tenöre, die mit diesem Zyklus die Eintrittskarte in die Welt des deutschen Kunstliedes lösen. Allen, die allein die schiere Menge Text lernen und behalten können, gilt der Respekt des Publikums. Schuberts Musik hilft dabei nicht unbedingt; sie verlässt recht bald nach dem harmlosen Wanderlied zu Beginn die eingängige Form des Strophenliedes, beinahe unvermittelt wiederholt sie, als Chiffre für Nachdenklichkeit und Melancholie, immer öfter einzelne Zeilen und Worte. Andererseits hält sie auch virtuose, Rap-artige Nummern bereit, die dem Artikulationsapparat höchste Beweglichkeit abverlangen.

Am Schluss des Vortrags von Matthew Polenzani, der, von Julius Drake am Klavier begleitet, die „Müllerin“ in der Oper Frankfurt sang, hörte man den Mühlstein förmlich in den Bach fallen. Der gebürtige Amerikaner, in Frankfurt bereits als Faust in Berlioz’ „Damnation de Faust“ unterwegs, hatte alle Klippen gemeistert. Vor allem gelang es ihm, das geforderte Ausdrucksspektrum zwischen Verzweiflung, Hoffnung und Euphorie nicht allzu plakativ auszuweiten, sondern die literarische Verbindlichkeit des Zyklus zu wahren.

Seine durchaus vibratofreudige Stimme klingt fokussiert und angenehm leicht, führt bruchlos in die Höhe. Manche Vokalfarbe, eine Spezialität der deutschen Sprache, ließe sich noch präzisieren; man versteht jedoch jedes Wort, ohne dass die Legato-Kultur leidet. Überzeugend gelang der emotionale Höhepunkt des Zyklus, wo Schubert affirmativ „Die geliebte Müllerin ist mein!“ singen lässt. Jeder Hörer spürte in Polenzanis Vortrag, dass der singende Müller sich hier etwas vormacht, sich bodenloser Gewissheit ergibt, um am Schluss über zehn Töne in die Tiefe abzustürzen. Viel Beifall.

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