Brief-Missionarin

3000 Briefe an Insassen in der Todeszelle

Claudia Lehnet sieht sich selbst als Brief-Missionarin. Für viele Insassen in US-Todeszellen ist sie der Kontakt zur Außenwelt.

Zehn Jahre lang wartet Robert auf die Giftspritze. Fast 4000 Tage, in denen es für einen Häftling in einer texanischen Todeszelle außer schlafen, essen, warten und einer Stunde Hofausgang pro Tag nicht viel zu tun gibt. Oder zu hoffen. Ein Lichtblick sind die Briefe aus Deutschland. Absender: Claudia L. aus Germany. Sie ist seine Brieffreundin. Er schreibt ihr eine Zeit lang Gedichte und schenkt ihr selbstgebastelte Ohrringe, sie schenkt ihm Zeit und Freundschaft. Als Robert 2005 hingerichtet wird, trifft es Claudia hart. Obwohl sie von dessen Pastor erfahren hat, dass Robert vor dem Tod seinen Frieden mit Gott gemacht hat. Das ist ihr wichtig. Und deshalb macht Claudia Lehnet aus Montabaur weiter. Bis heute hat sie mehr als 3000 Briefe an Todeszellen-Insassen in US-Gefängnissen geschrieben.

In den 1990er Jahren liest Claudia Lehnet in einer christlichen Zeitschrift von einer Brieffreundschaft zwischen einer Deutschen und einem Insassen einer US-Todeszelle. Die Frau vermittelt Claudia Lehnet den ersten Kontakt in ein amerikanisches Gefängnis: an Robert, der heute nicht mehr lebt. Und obwohl jeder neue Briefwechsel, jedes neue Knüpfen von Beziehungen Kraft kostet, macht sie weiter.

1998 lernt sie ihren Brieffreund Eddie kennen, einen intelligenten, fröhlichen Burschen mit lateinamerikanischen Wurzeln. Eddie war zur falschen Zeit mit den falschen Leuten unterwegs. Er soll im Drogenrausch einen Mord begangen haben und wird zum Tode verurteilt. Claudia Lehnet verurteilt ihn nicht: Sie schreibt ihm Briefe; die beiden tauschen sich aus: über Banales wie Kaffeesorten oder Kartoffelchips; über Tieferes wie Eddies aztekische Wurzeln und seinen Glauben. Allmählich entsteht eine Freundschaft zwischen der Westerwälderin und dem Häftling. Er malt zum Niederknien schöne Bilder; zur Hochzeit von Claudia und ihrem Mann Thomas schenkt er dem Paar ein besonders kunstvolles. Sie teilt mit ihm ihre Liedtexte und Gedichte. Dann steht die Hinrichtung bevor. In dieser Zeit schreiben sich die beiden fast täglich. Dann passiert das Wunder. Wegen einer Gesetzesänderung wird Eddies Hinrichtung gestoppt, und seine Strafe wird später zu lebenslanger Haft umgewandelt, da er zum Tatzeitpunkt erst 17 Jahre alt war. „Es fällt mir schwer, an einen Zufall zu glauben“, sagt Claudia Lehnet heute. „Er lebt und ist mein engster Brieffreund.“

Nicht alle Schriftwechsel sind so intensiv wie die mit Eddie. Inzwischen hat Claudia Lehnet ein knappes Dutzend losere Kontakte und drei feste. Manchmal tauscht sie sich nur oberflächlich mit ihnen aus. Oft sind sie intensiv und beglückend, dann wieder bedrückend.

Manchmal fragen sie die Leute, ob sie eine Seelsorgerin ist. „Ich sehe mich als Brief-Missionarin. Meine Mission ist, Menschen zu ermutigen, einen guten Weg einzuschlagen. Ich erzähle frei von meinem Leben und was die Gnade Gottes für mich bedeutet.“

Die Häftlinge sind froh, dass sie jemanden haben, dem sie sich öffnen und bei dem sie sich ihre Gedanken von der Seele schreiben können. „Oft haben die Gefangenen kein Geld, um sich Briefbögen oder Marken zu kaufen. Dann schreiben sie mir eben auf Toilettenpapier oder verwenden bereits entwertete Briefmarken noch einmal. Wenn sie damit erwischt werden, wandern sie in Isolationshaft. Einmal hat mir einer von ihnen so viel auf ein kleines Blatt geschrieben, dass ich eine Lupe brauche, um es zu entziffern“, erzählt sie.

Die Briefe sind keine Einbahnstraße. Sie helfen nicht nur den Gefangenen, sondern auch Claudia Lehnet. Im vergangenen Jahr übersteht sie eine Krankheit und denkt viel über sich und übers Schreiben nach. Sie entschließt sich, dieser Gabe noch mehr Zeit zu widmen, und verschickt mit Hilfe des Vereins Christian Prison Penpal Ministry 100 Weihnachtskarten an ebenso viele Häftlinge. „Ich habe mich bemüht, jeden persönlich anzuschreiben und passende Sätze zu finden. Die Antworten, die ich bekommen habe, sind der Hammer“, erzählt Claudia Lehnet und bekommt immer noch eine Gänsehaut, wenn sie an das vergangene halbe Jahr denkt. „Ich konnte nur wenige der Antwortbriefe am Stück lesen – so intensiv und emotional waren sie für mich.“

(bon)

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