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Josef Henecker und Ehefrau Ria mit den Kindern Elfi und Ursula (1962).

Brieftauben

Die SMS der 50er Jahre hatte Federn

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Fünf Lebensmittelgeschäfte, sieben Gastwirtschaften, drei Schneider, drei Metzger, mehrere Schuster, 45 landwirtschaftliche Betriebe – das alles in Oberbrechen. Daran erinnert sich Josef Henecker – unter anderem. Seine Eltern betrieben die Gastwirtschaft „Zum Heideberg“, da half er mit, bis sie 1964 schloss. Im heutigen Beitrag geht es um Personalausweise, Fußball und das besondere Oberbrechener Nachrichtensystem: die Brieftauben.

„Vier bis fünf Gemeindevertreter waren immer da“, erinnert sich Josef Henecker an seine Zeit als Gastwirt. Das Haus „Zum Heideberg“ in der Langen Straße war fünf Generationen lang eine echte Dorfkneipe, bis sie 1964 schloss. Am Tresen wurde gerne auch Politik gemacht. „Willi Schneider, der Vorsitzende Edgar Rudloff, Josef Oster, Stefan Roth“, erinnert er sich an Ortspolitiker, die seinerzeit gerne in die Gaststätte kamen. Und: Manches war seinerzeit viel unkomplizierter als heute. „Wenn jemand zu Bürgermeister Keuler kam und wollte einen Pass haben, dann hat er ihn gleich gekriegt“, erinnert sich Henecker.

Mehr noch: „Der Bürgermeister wusste genau, wie groß alle Oberbrechener sind.“ Die Zahlen müssen gut im Gedächtnis haften geblieben sein. Dafür, so scherzt Jugendfreund Norbert Jung, hätten erstaunlich viele Oberbrechener blaue Augen gehabt. Da hat er wohl nicht so genau hingeschaut. In einer Kappensitzung reimte Jung daher: „Besondere Merkmale, große oder kleine, bei uns in Brechen gab es keine.“

Das stimmt nicht ganz: Die Brechener sind sehr individuell und ideenreich. Das zeigt sich unter anderem in den Hobbys, die Josef Henecker gepflegt hat: Akkordeon spielte er gerne. Und jahrzehntelang war er ein erfolgreicher Taubenzüchter. Dieses Hobby teilten viele im Ort. Die Oberbrechener Brieftauben fanden den Weg von sehr weit weg nach Hause. Barcelona und Budapest, erinnert sich der 90-Jährige an zwei Auflass-Orte. Seine Tauben fanden heim, natürlich! Einmal stellte er sogar die Siegertaube im Wettstreit von 7800 Tieren aus ganz Hessen. Das macht Josef Henecker stolz.

Doch es geht nicht nur um Strecken. Die Brieftauben transportierten auch Nachrichten. In diesem Fall: „Wenn in den 50er Jahren im Rheingau Fußball gespielt wurde, dann wussten wir spätestens eine Dreiviertelstunde nach Spielende, wie es ausgegangen ist“, berichtet Heneckers Freund Norbert Jung. Noch bevor die Oberbrechener Spieler zu Hause waren, war das Ergebnis bekannt. Denn: In der Halbzeit und am Schluss wurden Brieftauben mit den Ergebnissen nach Hause geschickt. „Bendels Fritz war da ganz narrisch. Der hat immer Tauben mitgenommen“, sagt Norbert Jung.

Wie die beiden zur Taubenzucht gekommen sind? Ganz zwangsläufig. „Meine Kumpels hatten alle Tauben, und da wollte ich auch welche haben“, sagt Josef Henecker. So kam er als Zehnjähriger zu seiner ersten Brieftaube und blieb diesem Hobby treu.

Fußball – das war eine wirklich beliebte Freizeitbeschäftigung, auch wenn der Ball anfangs noch selbst genäht werden musste. Auf der Wiese, in der Nähe des heutigen Tennisplatzes, ging es zur Sache: Bauern gegen Arbeitslose. So hießen die Handwerker, Maurer, Verputzer im Winter, wenn die Arbeit nachließ. „Oberbrechen war ein reines Handwerker- und Landwirtschaftsdorf“, berichtet Henecker. Ein Ort, in dem jeder jeden kannte. Beim Spiel ging es dennoch manchmal gehörig zur Sache. Norbert Jung reimte: „Da kracht’s am andern Tor schon wieder: Ein Bauer legt einen Arbeitslosen nieder.“

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