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Oliver, P.J., Ali, Paul, Amyn, Hosain (von links) sowie zwei weitere Kumpel haben im zweiten Anlauf den Hauptschulabschluss geschafft und freuen sich jetzt auf eine erfolgreiche Karriere.

Sprungbrett genutzt

Acht Jugendliche erreichen Hauptschulabschluss auf ungewöhnlichem Wege

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Wer seinen Schulabschluss erst nach dem zweiten Anlauf schafft, ist seinen Lehrern mitunter doppelt dankbar. Acht Hauptschulabsolventen können das jetzt getrost von sich behaupten. Sie haben ihren Schulabschluss per „Sprungbrett“ erreicht.

Paul hat seinen Hauptschulabschluss in der Tasche. Nicht nur das – seine Noten sind dermaßen gut, dass er gleich noch weiter die Schulbank drücken will, um den Realschulabschluss zu machen. „Und dann will ich das Fachabitur machen und studieren“, sagt der 18-Jährige. Paul träumt von einer Karriere in der IT-Branche. Nicht nur, weil er diesen Beruf von seinem Vater kennt, sondern auch, weil er im Rahmen eines Schulpraktikums bei Siemens hineingeschnuppert und sich sein Herz dort sogleich für diese Technikwelt erwärmt hat.

„Das kriegt er hin“, bestätigt Martin Rohmfeld. Der Koordinator des Projekts „Sprungbrett“ bei der Bildungsstätte Alte Schule Anspach (Basa) hat den einstigen Schulverweigerer in den vergangenen zwei Jahren als äußerst intelligenten und zudem ehrgeizigen jungen Mann kennen gelernt.

Zwei Jahre lang hatten Rohmfeld und sein spezielles Lehrerteam Paul sowie sieben andere Heranwachsende in dem Projekt unterrichtet. „Das Sprungbrett bietet jungen Menschen, die überhaupt keinen Schulabschluss haben, eine zweite Chance, einen Hauptschulabschluss zu erreichen“, erklärte Rohmfeld im Gespräch mit der Taunus Zeitung.

Gleichzeitig erhalten sie Gelegenheit, verschiedene Arbeitsbereiche im Berufsleben kennenzulernen und Grundkenntnisse zu sammeln, praktische ebenso wie theoretische. „Das geschieht hauptsächlich in den Betriebspraktika, die wir für unsere Schüler organisieren“, sagte Martin Rohmfeld. Und natürlich hilft das Team bei der Vermittlung in Ausbildungsbetriebe, die einen jungen Menschen nach erfolgtem Abschluss zur Ausbildung aufnehmen.

Das hat für sieben Absolventen des eben zu Ende gegangenen zweijährigen Lehrgangs einwandfrei funktioniert. Während Paul an einer Frankfurter Realschule weiter die Schulbank drücken will, werden seine bisherigen Schulkameraden nunmehr eine handwerkliche Ausbildung beginnen.

Oliver etwa, dem Mathematik früher ein solcher Graus war, dass er damals die Schule schmiss, kann darüber nur noch lachen. „Sogar Mathe funktioniert jetzt“, teilt er voller Stolz mit. Sein Erfolg in dem einst verhassten Fach scheint sogar seine „Eins“ in Deutsch zu übertrumpfen. Weil er Holz mag, will er jetzt eine Ausbildung zum Schreiner machen.

Eberhard Steinmetz, Hauptschullehrer an der Adolf-Reichwein-Schule (ARS), kam zur Abschlussfeier, um seinen beiden ehemaligen Schülern, oder besser Schulverweigerern, zu gratulieren. Er erinnerte sich gut an seine damaligen Anstrengungen, Paul oder Oliver zum Weitermachen zu bewegen. „Es gab viele Gründe, warum das damals nicht funktionieren konnte“, räumt er ein. „Jetzt sind sie aber sichtlich erwachsener geworden.“ Das konnte Steinmetz schon bei der Prüfungsabnahme in Mathematik feststellen.

Hosain wiederum kam nach Deutschland, ohne der hiesigen Sprache mächtig zu sein. Sieben Monate verbrachte der junge Afghane zunächst in Offenbach im Leerlauf, also ohne Schule. Erst vor zwei Jahren, als er zur Basa kam, begann sein regelmäßiger Unterricht. „Ich habe da viel Deutsch gelernt“, freut sich der strebsame Jugendliche, der jetzt zunächst eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker in Oberursel starten wird. Er träumt aber auch schon davon, sich weiterzubilden und eines Tages eventuell sogar zu studieren. „Hosain ist sehr strukturiert“, lobt Rohmfeld. Der mit seiner Familie aus den Niederlanden eingereiste P.J. freut sich auf seine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker, weitere Mitschüler starten eine Ausbildung im Sanitärhandwerk oder als Dachdecker.

Kleine Klassen ermöglichen beim „Sprungbrett“ die intensive Zuwendung der Lehrkräfte zu ihren Schülern. Dass die jungen Menschen inzwischen eine gewisse Reife erreicht haben, helfe ebenfalls, mit mehr Ehrgeiz an ihrer Zukunft zu arbeiten, bestätigen die Teamer.

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