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Am Anfang steht das Rollerfahren: Bevor es losgeht, erklärt Christine Rhodes (2. von rechts) den Teilnehmerinnen, worauf sie achten sollen: Zunächst geht es darum, Angst zu überwinden.

Fahrradfahren

Anfängerkursen überwinden Erwachsene die Angst vorm Umfallen

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Die einen konnten es mal, trauen sich nach vielen Jahren Pause aber nicht mehr, einfach loszufahren. Die anderen haben noch nie auf dem Fahrrad gesessen, wollen es jetzt aber lernen: Christine Rhodes zeigt Erwachsenen, wie Radfahren funktioniert. Manchmal hilft es übrigens auch, dabei ein Kinderlied zu trällern.

Ihren Kindern hatte sie immer gesagt, dass sie keine Angst zu haben brauchen, dass sie sich eigentlich nur draufsetzen und losfahren müssen. Bei ihren beiden Kindern hat das auch geklappt. Bei Katja Scherer nicht. Jetzt steht sie hier, unter der Lichfield-Brücke, zusammen mit drei anderen Frauen. Einen Fuß auf dem Roller, den anderen auf dem Boden. Und jetzt soll sie auch noch die Augen zumachen und einfach einer Stimme folgen. Damit sie nicht nachdenken kann, damit sie gar nicht auf die Idee kommen kann, Angst zu haben, erklärt Christine Rhodes. Und sie muss es ja wissen. Seit neun Jahren gibt sie Radfahrkurse, zeigt Erwachsenen, wie sie ihre Angst verlieren. Also fährt Katja Scherer los, immer der Stimme von Simone Hambüchen hinterher. Und es funktioniert. Vor lauter Konzentration vergisst sie ganz, darüber nachzudenken, was jetzt alles passieren könnte. Allerdings sind die Knöchel ihrer Hände ganz weiß. Das kann an diesem Tag aber auch an der Kälte liegen.

Es ist sehr kalt an dem Tag, an dem sich Katja Scherer ans Fahrradfahren wagt. Und sie ist sehr froh, dass sie erst einmal mit einem Roller anfangen darf. Sie ist die einzige in diesem Kurs, die noch nie in ihrem Leben auf einem Fahrrad saß, die noch nie den Fahrtwind in ihren Haaren gespürt hat. Aber das soll sich ändern: Im Sommer will sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern Urlaub in Holland machen – und da gehört das Fahrrad einfach dazu. Also lernt Katja Scherer jetzt Fahrradfahren – mit 45 Jahren. Als Kind hatte sie sich das Trommelfell durchgestochen, seitdem hat sie Probleme mit dem Gleichgewicht. Aber sie hat trainiert. „Wer freihändig die Treppe hoch- und runtergehen kann, der kann auch Rad fahren“, hat sie gelernt. Das hat sie geübt. Und sie hat im Internet lange nach einem Radfahrkurs und einem passenden Termin gesucht.

Simone Hambüchen kommt an zwei Wochenenden extra aus Mühlheim nach Limburg, um Radfahren zu lernen. Sie weiß, dass sie es kann. Dass es sie es zumindest einmal konnte. Auch wenn das schon lange her ist. Früher ist sie mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren oder zum Einkaufen. Dann habe sie Probleme gehabt, den passenden Sattel zu finden, sagt sie – und war lieber mit dem Auto gefahren oder gelaufen. Aber jetzt sind ihr Mann und sie in Rente, haben sich ein Wohnmobil gekauft, „und da gehören Fahrräder einfach dazu“. Aber so einfach losfahren konnte sie dann doch nicht. „Ich konnte einfach nicht loslassen“, sagt die 65-Jährige und lacht.

Aber hier, in diesem Kurs, ist sie eine Könnerin. Es dauert nicht lange, und sie weiß wieder, wie es geht. Und dann stimmt er vielleicht doch, der Satz: „Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nie.“

Aber erstmal muss man das ja lernen. Ayan tut sich damit nicht so schwer wie die anderen Frauen. Sie ist 17, stammt aus Somalia und hat sich viel vorgenommen für ihr neues Leben in Deutschland. Fahrradfahren will sie lernen und schwimmen – und das alles ganz schnell, auf alle Fälle noch in diesem Frühjahr. Und sie ist die einzige in diesem Kurs, die keine Angst hat. Dass sie bisher noch nicht Radfahren konnte, hat andere Gründe: So etwas tun anständige Mädchen in Somalia nicht, erklärt ihre Dolmetscherin. Ayan ist mutig, wild entschlossen und hat Freude an der Bewegung. Sie strahlt, als Rhodes eine andere Übung erklärt – „für das Bewegungsschatzkästchen“: Die Frauen sollen sich ein Sandsäckchen auf den Kopf legen und munter losfahren. Sie erklärt auch, warum: Damit die Frauen nicht immer auf den Boden schauen, sondern nach vorne. Schließlich ist es immer gut, wenn man sieht, wo man hinfährt, außerdem wirkt der Blick auf den Boden lähmend. Und das ist ja gerade nicht das Ziel: Die Frauen sollen fahren, nicht bremsen. Und das am besten so aufrecht wie möglich, im „Prinzessinnenmodus“. Den bekommen an diesem Tag nicht alle hin. Schon gar nicht mit beiden Füßen auf dem Roller und mit dem Po wackelnd.

Aber die Übungen auf dem Roller sind ja auch nur der Anfang auf dem Weg zum Radfahren. Der führt die vier Frauen weiter über das Rollerfahrrad bis zum Rad mit allem Drum und Dran. Nicht zu vergessen die ungezählten Anfahr- und Brems-Übungen, die Christine Rhodes sich ausgedacht hat. Sie weiß, dass die Kursteilnehmerinnen nach vier Tagen noch keine perfekten Radfahrerinnen sind. Und sie hofft, dass die Frauen den Mut haben, weiter zu üben und auch mal abzusteigen und zu schieben, wenn ihnen das Risiko zu groß ist. Sie definiert das Kursziel so: „Die Frauen sollen wissen, wie sie eigenverantwortlich weitermachen können.“ Und sie sollen nicht vergessen, dass die anderen Jahrzehnte Radfahr-Vorsprung haben.

Katja Scherer will aufholen. Und sie ist sehr zuversichtlich, dass sie das hinkriegt. Zehn Meter am Stück hat sie am vierten Kurstag geschafft – auf dem Fahrrad. Sie sei „megastolz“, sagt sie. „Dass es so gut klappt, habe ich nicht gedacht.“ Natürlich hatte sie Angst, als Christine Rhodes ihren Sattel immer höher schraubte. „Das kam mir vor wie Bungee-Jumping ohne Seil.“ Aber auch gegen das Herzrasen hatte Christine Rhodes einen guten Tipp: Sie solle sich auf dem Fahrrad wie ein Kind verhalten. Also hat Katja Scherer gesungen: „Hey, Pippi Langstrumpf“ hilft offenbar auch gegen die Angst vorm Umfallen. Jedenfalls ist Katja Scherer sicher, dass sie im Sommer mit ihrer Familie mithalten kann. Und bis dahin übt sie sooft sie kann – erst auf dem Parkplatz, dann auf der Straße. Und wenn sie Leute komisch gucken, macht ihr das nichts aus. „Peinlich wäre es nur, wenn ich es nicht versucht hätte“, sagt sie und lacht.

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