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Thomas (li.) und Klaus Reichert betrachten das Thema Fleisch von unterschiedlichen Perspektiven: sowohl handwerklich als auch künstlerisch.

Kunst in Höchst

Ausstellung in der Kunsthalle Ludwig geht auf die Suche nach der Seele

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Was hat das Metzgerhandwerk mit bildender Kunst zu tun? In ihrer aktuellen Ausstellung thematisiert die Künstlergruppe Gotensieben den Zusammenhang zwischen Handwerk und Kunst, stellt zeitgenössische Fotografie historischen Exponaten gegenüber.

Mehr als 300 Jahre liegt das Ereignis zurück, als die Zunft der Metzger in den Besitz des doppelköpfigen Adlers kam. 1711 steht auf der Figur aus Holz, die zu den Krönungsfeierlichkeiten von Kaiser Karl VI . (1685–1740) den Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg zierte. Es war nicht leicht für die Zunft, in den Besitz des Adlers zu kommen. Denn auch andere Zünfte hätten einst daran ein großes Interesses gehabt, weiß Thomas Reichert, Obermeister der Fleischer-Innung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach. „Um den Adler wurde mit Fäusten gekämpft zwischen den Zünften“, erzählt er.

Das historische Kleinod ist im Besitz der Innung und es ist eines der Exponate, die aktuell in der Ausstellung „Metzgerei Seele & Söhne“ in der Kunsthalle Ludwig gezeigt werden. Genauso wie die Zunfttruhe, in der früher unter anderem die Zunftbücher der Metzger sicher verschlossen verwahrt wurden. „Nach dem Vier-Augen-Prinzip wurde diese Truhe geöffnet“, erklärt es Thomas Reichert und zeigt den versteckten Schließmechanismus.

„Um die Truhe zu öffnen, musste einer gleichzeitig die zwei Schlüssel drehen und hatte dann aber keine Hand mehr frei, um die schwere Klappe der Truhe hochzuheben“, schildert er weiter. „Diese Aufgabe wurde von einer zweiten Person übernommen und damit gewährleistet, dass niemand etwas entnahm, was er nicht durfte.“ Die Truhe selbst ist wie der doppelköpfige Adler ebenfalls mehr als 300 Jahre alt und wurde Anfang des 18. Jahrhunderts gefertigt.

Die Zunft der Metzger war wohlhabend und hatte ihr Zunfthaus, das rote Haus, einst in der Altstadt. In der Neuen Altstadt steht es wieder als eines von 15 nach historischem Vorbild rekonstruierten Gebäuden.

Den historischen Stücke werden in der Ausstellung Fotografien von Thomas Balzer, Mitglied der Künstlergruppe Gotensieben, gegenübergestellt. Neue und alte Sichtweise auf das Metzgerhandwerk und vor allem auf das Thema Fleisch und Fleischverarbeitung treten in einen Dialog. Und noch eine Frage wird in der Schau thematisiert: Die Fotografien nämlich entstanden für die Serie „Souls for Sale“ der Künstlergruppe Gotensieben und gehen der Frage auf den Grund, ob die Seele ein Organ ist, das sich irgendwo verborgen im Körper befindet. – die Idee einer nicht immateriellen, fleischgewordenen Seele.

Das hierauf abgebildete Fleisch sind nicht näher definierte tierische Organe oder Teile hiervon, ästhetisch stilisiert vor einem monochromen schwarzen Hintergrund. Die Darstellung von Fleisch und das Handwerk der Metzger hat in der bildenden Kunst eine lange Tradition, das weiß auch Klaus Reichert, Mitbegründer der Künstlergruppe Gotensieben und Bruder von Thomas Reichert. Die beiden entstammen einer traditionsreichen Metzgerei-Familie, die Großvater Hans Reichert in Höchst schon in den 1930er Jahren in der Brüningstraße begründete. Alte Fotografien aus den Anfängen des Familienbetriebs sowie Schwarz-Weiß-Abbildungen aus einem alten Ausbildungslehrbuch sind ebenfalls Teil der Schau.

Der Betrachter staunt nicht schlecht über das, was angehende Metzgergesellen einst an kreativen Gestaltungsmöglichkeiten für Fleisch entwickelten wie ein Kissen aus Schmalz mit Schinkenrosen oder sogar das Schloss Neuschwanstein, ebenfalls aus Schmalz. Schon Künstler wie der niederländische Barock-Maler Rembrandt (1606–1669) oder Chaim Soutine (1893–1943) haben den Schlachtprozess in ihren Werken bereits dargestellt und damit das Handwerk und die Bedeutung des Fleisches für den Menschen in die bildende Kunst geholt. Genau diesen Zusammenhang möchte die Künstlergruppe Gotensieben um Klaus Reichert mit der Ausstellung ziehen. Fleisch als jahrhundertealtes Motiv in der Kunst sei trotzdem heute nicht selbstverständlich, weiß Klaus Reichert. Es sei ein unterschätztes und tabuisiertes Material, vergänglich, roh, blutig und archaisch.

Öffnungszeiten und Dauer

Die Ausstellung „Metzgerei Seele & Söhne“ in der Kunsthalle Ludwig, Königsteiner Straße 61a, läuft bis Sonntag, 11. November0, und kann montags bis freitags von 15 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung besichtigt werden. Weitere Infos unter

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