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?Ich kann nicht ewig weitermachen. Alles ist endlich.? ? Eva Brinkmann to Broxten

Der Rote Faden, Folge 264

Eva Brinkmann - Die Unterstützerin

Als Studentin hat sich Eva Brinkmann to Broxten noch ohne Gegenwehr diskriminieren lassen. Heute blickt sie auf ein langes Engagement für Frauenrechte zurück. Der Gründerin der Stiftung "Maecenia" widmen wir Folge 264 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Bedeutendes für Frankfurt leisten.

Es ist das Jahr 1970. Gerade hat Eva Brinkmann to Broxten ihr Magisterstudium in Germanistik, Politik und Philosophie beendet und überlegt, ob sie promovieren soll. Vielleicht bei jenem Professor, den sie schon von einem Hauptseminar kennt? Doch als sie ihm ihr Anliegen vorträgt, erhält sie eine knallharte Abfuhr: „Promovieren? Eine Frau? Das bringt doch nichts.“ Und sie? Die heute 74-Jährige zuckt mit den Schultern: „Ich hab’ das geschluckt“, sagt sie knapp.

Schließlich war es in jenen Jahren nicht ungewöhnlich, dass man die Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen nicht allzu ernst nahm. Zwar waren Männer und Frauen nach dem Gesetz gleichgestellt. Doch gleichzeitig verpflichtete das Grundgesetz bis zum Jahr 1977 Ehefrauen dazu, den Haushalt zu führen. Und wenn sie arbeiten wollten, mussten ihre Männer zustimmen. Kein Wunder also, dass die damals 26-Jährige Eva Brinkmann to Broxten nicht gegen den herablassenden Professor aufmuckte.

Dass ein solcher Vorfall heute undenkbar ist, dazu hat sie ihren Teil beigetragen. Zum Beispiel durch ihre jahrelange wissenschaftliche Arbeit im Frankfurter Institut für Frauenforschung. Und vor allem durch die Stiftung „Maecenia“, die sie im Jahr 2000 mit Mitteln aus ihrem Privatvermögen ins Leben rief, zusammen mit Renate Matthei, Uschi Madeisky und Brunhilde Ritzefeld. Das Ziel: Projekte von Frauen in Wissenschaft, Kunst und Kultur zu fördern. Das kann ein Dokumentarfilm über 238 junge Frauen sein, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Island aufbrachen und dort eine neue Heimat fanden. Oder ein Forschungsprojekt über die Bibliothek der Adligen Anna Sibylla von Zocha, die im 18. Jahrhundert im mittelfränkischen Ansbach weit über 1000 Schriften von Frauen zusammentrug. Oder ein Buch über die Frankfurter Spielfrauen, die zwischen 1976 und 1997 elf Stücke gemeinsam konzipierten und aufführten – vom Straßentheater bis zur Kabarett-Revue.

All das und noch vieles mehr hat „Maecenia“ in den vergangenen Jahren unterstützt, insgesamt mehr als 100 Projekte. Wobei man die Zulassungskriterien weit gefasst hat. „Es muss uns interessieren“, sagt Eva Brinkmann to Broxten dazu. „Und es muss einen Zusammenhang mit Frauenpolitik geben.“ Genau diese Offenheit mache die Qualität der Stiftung aus. So wolle man die Präsenz von Frauen in Wissenschaft und Kunst stärken.

Mit gutem Grund, sagt sie: „Ich bin davon überzeugt, dass die Welt anders aussähe, wenn Frauen mehr Einfluss hätten.“ Will sagen: vernünftiger, mit weniger Waffen, weniger Kriegen, weniger Maßlosigkeit. Gern beruft sie sich dabei auf Christine Lagarde, geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds. Die mokierte sich vor einigen Jahren über die US-Bank „Lehman Brothers“, deren Pleite 2008 die Finanzwelt erschüttert hatte. Hätten in dem Geldinstitut „Lehman Sisters“, also Frauen, das Sagen gehabt, dann wäre es wohl niemals so weit gekommen, meinte Lagarde. „Das hat mir gefallen“, sagt Eva Brinkmann to Broxten.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie die 74-Jährige wohl heute jenem Professor kontern würde, der sie 1970 so arrogant abblitzen ließ. Doch damals war sie von jener Stärke, jenem Selbstbewusstsein, das sie heute ausstrahlt, weit entfernt. „Ich hatte keine Ahnung, was ich kann, was ich will“, sagt sie heute selbstkritisch.

Dass sie 1943 in Baden-Baden zur Welt kam, als jüngste von drei Töchtern, sei „kriegsbedingt“ gewesen: Die Familie war aus Angst vor Luftangriffen aus Frankfurt in das Kurstädtchen übersiedelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte man jedoch wieder zurück. Schließlich war hier der Sitz der Firma „Telephonbau und Normalzeit“, die ihr Großvater Carl Lehner 1899 mitgegründet hatte und die sich in den Wirtschaftswunder-Jahren zu einem der 100 bedeutendsten Unternehmen des Landes mauserte. Über ihre Kindheit und Jugend erzählt sie wenig. Sie sei eher als „höhere Tochter aufgewachsen“, sagt sie beiläufig. Wobei es selbstverständlich gewesen sei, dass sich die Kinder nicht in den Vordergrund gedrängt hätten. Vor allem nicht die Mädchen.

Dass die Töchter studieren dürfen, wird jedoch in der Familie nicht in Frage gestellt. Eva Brinkmann to Broxten entscheidet sich zunächst für ein Studium der Kunstgeschichte in München, dann sattelt sie auf Germanistik, Politik und Philosophie um. Lehrerin will sie damals werden. Doch dann werden alle ihre Pläne über den Haufen geworfen, als sie unverhofft schwanger wird, heiratet und zu ihrem Mann Jochen Brinkmann to Broxten zieht, der in Frankfurt studiert und den sie schon seit ihrer Jugend kennt. 1965 kommt Sohn Oliver auf die Welt.

Statt das Studentenleben zu genießen, sorgt die 22-Jährige nun für Baby und Familie. Und fühlt sich dabei isoliert. Um dem zu entkommen, nimmt sie ihr Studium wieder auf. Zwar kümmert sich auch ihr Mann zwischen Vorlesungen und Seminaren um das Baby. Dennoch ist es eine Herausforderung in jenen Jahren, in denen es kaum Kinderbetreuung gibt. Manchmal, erinnert sich Eva Brinkmann to Broxten, habe sie einfach der Nachbarin den Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt und sei rasch zur Vorlesung gefahren, wenn der Kleine mittags eingeschlafen sei: „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

Doch der Kontakt zur Uni ist ihr wichtig, als Verbindung zur Außenwelt. Auch wenn sie gleichzeitig bedauert, dass sie vom studentischen Leben viel weniger mitbekommt als ihre Kommilitonen. Neue Aktionsformen wie Go-Ins, Teach-Ins und Sit-Ins, wie sie in den späten 60er-Jahren nicht nur an der Frankfurter Universität erprobt werden, sowie die Proteste gegen die Notstandsgesetze erlebt sie nur am Rande. Nach Abschluss ihres Studiums wird sie wieder schwanger. 1971 wird Tochter Sandra geboren.

Durch eine Freundin kommt sie in Kontakt mit der Frauenbewegung, die damals aufblüht. Und ist fasziniert von der Kraft, der Euphorie, dem Gefühl der Solidarität. Sie erlebt, wie Frauen bei Kundgebungen lautstark gegen das Abtreibungsverbot protestieren. Demonstriert mit, Sohn Oliver an der Hand: „Wenn’s brenzlig wurde, sind wir schnell in der U-Bahn verschwunden.“ Sie gibt Kurse an der Volkshochschule und beteiligt sich an Frauenforen, in denen es um Selbsterfahrung geht. Darum, eigenen Interessen und Fähigkeiten nachzuspüren, Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Ihr Mann, mit dem sie bis zu dessen Tod im vergangenen Jahr mehr als 50 Jahre verheiratet war, ist von der Wandlung seiner Frau zunächst alles andere als begeistert. „Konfliktbeladen“ sei diese Zeit gewesen. „Als wir geheiratet haben, hat er geglaubt, er könnte mich formen. Irgendwann hat er es aber akzeptiert und mir die Freiheit gelassen.“ So macht sie weiter, schreibt irgendwann auch für das „Frankfurter Frauenblatt“, dessen Druckkosten sie hin und wieder übernimmt. Heimlich allerdings, „das sollte keiner wissen“. Ihre Identität empfindet sie damals als zwiespältig: „Als Wohlhabende in diesen linken Kreisen, das war für mich schwierig. Erst als ich gemerkt habe, dass ich mit dem Geld etwas bewirken kann, ist das besser geworden.“

Noch aber ist es nicht so weit. Stattdessen keimt in ihr die Idee, zurückzukehren an die Universität, um zu promovieren. Und zwar über die Frankfurter Mundart: „Meine Großmutter sprach so schönes Frankfurterisch. Sie hat auch Gedichte geschrieben, zum Teil im Dialekt.“ Fünf Jahre widmet sie sich diesem Thema. Streift mit dem Tonband über die Bornheimer Kirchweih, die „Bernemer Kerb“. Interviewt Einheimische, erlebt nebenbei die Aufstellung des Kerbbaumes und den „Gickelschmiss“, den traditionellen Hahnenschlag, bei dem Teilnehmer, denen zuvor die Augen verbunden wurden, mit einem Dreschflegel nach einem Tontopf schlagen.

Auch Tonbänder von Bürgerversammlungen wertet sie für ihre Doktorarbeit aus. Erstaunt stellt sie dabei fest, dass Dialekt durchaus strategisch eingesetzt werden kann. Wenn auch mit wechselndem Erfolg. Etwa bei einer jener hitzigen Diskussionen über den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen, bei der zwei Burschen aus Niederrad zu agitieren versuchen – und zwar in Mundart. Was allerdings so aufgesetzt wirkt, dass die beiden scheitern. Anders als bei einer Debatte über den Umbau der Berger Straße – damals ebenfalls heftig umstritten –, als jemand im schönsten Frankfurterisch seine Meinung kundtut und so den ganzen Saal auf seine Seite zieht. „Der hatte damit ungeheuren Erfolg“, erinnert sich Eva Brinkmann to Broxten. Sogar der damalige Oberbürgermeister Walter Wallmann sei da ins Stottern gekommen.

Als sie ihre Promotion 1985 abschließt, sieht sie sich nach einem neuen Aufgabenfeld um. Und wird beim wenige Jahre zuvor gegründeten Frankfurter Institut für Frauenforschung fündig. Themen, die Frauen betreffen, an die Universität zu bringen – das entspricht ihr. Zum Beispiel aufzeigen, warum es wichtig sein kann, geschlechtsspezifische Statistiken anzufertigen. Etwa im Gesundheitsbereich: „Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf Medikamente. Bei Herzinfarkten unterscheiden sich die Symptome ebenfalls.“ Auch die Arbeit von Frauen im Hessischen Landtag beleuchtet sie.

Doch dann kommt 1999 Roland Koch in Hessen an die Macht. Blitzschnell sorgt der CDU-Politiker dafür, dass die Fördermittel für das Institut, das als Vorzeigeprojekt der abgelösten rot-grünen Koalition gilt, gestrichen werden. Zunächst diskutiert man an der Einrichtung noch, wie es ohne die Hilfen weitergehen könnte. Es kommt zu Spannungen, schließlich das Ende. Eine Entwicklung, die Eva Brinkmann to Broxten im Rückblick nicht bedauert. Forschende Feministinnen, sagt sie, „haben oft den Praxisbezug verloren. In kleineren Projekten steckt mehr innovative Kraft“. In solchen eben, wie sie „Maecenia“ fördert.

Acht bis zehn Projekte unterstützt die Stiftung alle zwei Jahre, meist mit Beträgen zwischen 2000 und 8000 Euro. In den Jahren dazwischen gibt es die Veranstaltungsreihe „Königinnenwege“, in der Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen ihre Vorhaben der Öffentlichkeit vorstellen. Rund 120 Anträge trudeln für jede Förderperiode ein, oft in umfangreichen Paketen. Über die Auswahl entscheiden Stiftungsvorstand und -beirat mit jeweils sechs Mitgliedern. Dennoch bleibt ein großer Teil der Arbeit an Eva Brinkmann to Broxten und ihrer Mitarbeiterin Stephanie Mayer-Börmoser hängen.

Wie lange sie das noch bewältigen kann – dieser Gedanke treibt sie um. Für eine hauptamtliche Kraft sei die Stiftung zu klein, sagt die 74-Jährige, die vor zwei Jahren für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde: „Wenn ich das nicht mehr machen kann, ist das nicht mehr aufrecht zu erhalten. Und ich will nicht, dass ,Maecenia‘ nur so dahindümpelt.“ Die Konsequenz daraus hat sie bereits gezogen und dafür gesorgt, dass das Werk in eine sogenannte Verbrauchsstiftung umgewandelt wurde. Das bedeutet, dass das Stiftungsvermögen, das normalerweise nicht angetastet werden darf, verwendet werden kann – „bis 2025 dürfen wir das verbraucht haben“. Das absehbare Ende kommentiert sie mit der ihr eigenen Nüchternheit: „Ich kann nicht ewig weitermachen. Alles ist endlich.“

Anstatt sich zu grämen, blickt sie lieber auf die Werke von Künstlerinnen, die sie in den vergangenen Jahren gesammelt hat. Zum Beispiel von der Frankfurter Malerin Renate Sautermeister. Oder von der Bildhauerin Ann Reder. Und widmet sich den „Maecenia“-Vorhaben. Wie jener Pilgerreise auf den Spuren des Geldes, bei der die Performerin Anna Poetter von Zürich nach Frankfurt wanderte. Ein Projekt, das Eva Brinkmann to Broxten auch deshalb so am Herzen liegt, weil es um das Thema Finanzen geht. Das nämlich sei der letzte Schritt, den Frauen noch machen müssten, sagt sie: „Es ist wichtig, dass sie sich um ihre finanziellen Belange selbst kümmern.“

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