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Dezent hat Christian Mook den roten Faden zur Krawatte gebunden. Von seinem Büro aus hat er einen fantastischen Blick auf die Mainmetropole.

Der rote Faden

Christian Mook – Der Gastro-Pionier

Frankfurt im August, draußen schwüle Hitze, im Gastraum des „Mon amie Maxie“ im Frankfurter Westend polieren die Kellner Gläser und rücken Besteck auf weißen Tischdecken zurecht.

Frankfurt im August, draußen schwüle Hitze, im Gastraum des „Mon amie Maxie“ im Frankfurter Westend polieren die Kellner Gläser und rücken Besteck auf weißen Tischdecken zurecht. Und Christian Mooks Handy steht nicht still. Wen wundert’s?! Der Gastronom eröffnet gerade sein sechstes Restaurant, dieses Mal im neuen Henninger Turm, dem wohl für Frankfurter emotionalsten Bauprojekt des Jahrzehnts. „Du, ich bin gerade im Gespräch. Das musst du jetzt mal alleine lösen“, sagt er zum zukünftigen Chefkoch Frank Möbes. Delegieren ist alles, aber nicht immer leicht, schließlich hängt Christian Mooks Herz an dem neuen Projekt. „Franziska“ heißt das Restaurant, in dem es längst vergessene deutsche Küche mit modernem Twist geben wird – Königsberger Klopse fallen einem da spontan ein. „Stimmt, mit Königsberger Klopsen experimentieren wir gerade viel herum“, gibt Mook zu. Zu den Klopsen und den anderen modern interpretierten Klassikern der Hausmannsküche soll es einen sensationellen Ausblick auf die Stadt und tiefe Einblicke in die Küche geben: Counterrestaurant trifft Rooftop-Dining.

Vor allem aber ist das neue Restaurantprojekt für Christian Mook ein Stück weit wie nach Hause kommen. In Sachsenhausen ist er groß geworden, ehe seine Eltern, als er 14 war, nach Neu-Isenburg umsiedelten. Als Kind verbrachte er viel Zeit bei seiner Großmutter Henriette und deren Schwester, Großtante Franziska, die er aber genauso Oma nannte wie die echte Oma. Die beiden Kriegswitwen hatten sich nach dem Kriegsende zusammengeschlossen, um Mooks Vater gemeinsam großzuziehen – die leibliche Mutter ging arbeiten, Franziska blieb zu Hause, kochte und führte den Haushalt. „Als kleiner Junge war ich ständig bei meinen Omas im Untersten Zwerchweg zu Besuch, vom Zimmer aus konnte ich den Henninger Turm sehen.“ Mook taucht ab in Kindheitserinnerungen, denkt an selbst angebautes Obst, Gemüse und frühe Fusionsküche, beispielsweise an Pizza, belegt mit Ahle Worscht, oder Ravioli mit Handkäsefüllung: „Oma Franziska hat so toll gekocht, auch Sachen, die damals verrückt waren!“ Während Christian Mook in Erinnerungen schwelgt, bringt ein Kellner zwei Kuchenteller mit Frikadellen an den Tisch. „Mit Butter, ohne Butter“, moderiert er die Kostproben an und stellt beides vorm Chef zum Degustieren ab.

Christian Mook hatte nie vor, Gastronom zu werden. Nach der Schule heuerte er erst mal für zwei Jahre im väterlichen Betrieb an. „Mein Vater war in der Lederverarbeitung bei Seeger in Offenbach angestellt, war ein super Handwerker, hat sich dann später um den Einkauf von Koffern aus Asien und die Vermarktung gekümmert, Messen bestückt. Ich habe zwei Jahre lang vor allem im Messebau für die Firma gearbeitet“, berichtet Mook. Der Vater malt sich aus, dass sein Sohn im Unternehmen bleibt, doch Christian Mook reizen andere Themen: Er interessiert sich für Kunst, vor allem amerikanische Pop Art und Fotorealismus, reist in die USA, besucht Kunstmessen, fängt im Alter von 22 Jahren an, Kunst zu importieren, unter anderem Siebdrucke von Keith Harring. Bald ist Mook als Galerist erfolgreich. „Davon konnte ich sehr gut leben.“

Es soll nicht dabei bleiben, aus dem Enthusiasmus für Kunst ergibt sich eine andere Leidenschaft: „Ich war damals beruflich oft in den USA und habe in Steakhäusern gegessen, war begeistert von der Qualität und der Atmosphäre. Damals gab es in Deutschland nur diese Gaucho-Steakhäuser mit Fleisch von bescheidener Qualität.“ Mook sieht die Marktlücke und eröffnet 1997 das „M-Steakhouse“. „Eigentlich nur für mich. Ich habe im Leben immer nur das gemacht, was mir Spaß macht.“ Das Startkapital bekommt er von einem Freund. Bei der Einrichtung legt er den Perfektionismus an den Tag, für den er heute bekannt ist, nur eben noch mit überschaubarerem Geldbeutel.

Die Gäste, darunter viele Banker und Broker aus dem nahen Finanzdistrikt, lassen nicht lang auf sich warten. „Damals wusste einfach niemand, was ein Tomahawk-Steak war. In Deutschland gab es noch keine Steak-Kultur, viele Cuts und Reifemethoden von Fleisch waren unbekannt.“ Er erklärt den Gästen, was Trockenreifung ist, führt ihnen die Cuts vor und veröffentlicht mit den „Carnivore Connoisseur Chronicles“ und „Beefologies“ eigene Magazine rund um Fleisch- und Steakhauskultur, während er die USA bereist und gefeierte Gastronomien abklappert, um sich weiterzubilden.

Das „M-Steakhouse“ im Westend ist ein Erfolg, es profitiert von der Nähe zum Finanzdistrikt. „Damals gab es den Börsenboom, das ging richtig ab.“ Zwei Jahre später folgt das zweite Steakhouse, das „Surf and Turf“ am anderen Ende des Westends. Dort setzt Mook auf die Kombination von hochwertigem Fleisch mit Seafood. „Der Laden ist nicht gleich angesprungen, das kam so nach und nach.“ Mook hält inne, das Telefon klingelt erneut. „Entschuldigung, da muss ich rangehen. Ist meine Frau, die Kinder gehen seit heute auf eine neue Schule, nicht dass irgendetwas ist und sie abgeholt werden müssen.“ Er nimmt das Gespräch an, steht vom Tisch auf, nach einer Minute kommt er zurück, sieht erleichtert aus: „Entwarnung, alles okay. Wo waren wir stehengeblieben?“ Seine Ehe und die beiden Töchter, Cosima und Maxima, sieben und neun Jahre alt, hat Mook nicht zuletzt auch seiner

Leidenschaft für Steaks

zu verdanken: 2004 hat seine heutige Frau, eine Ayurvedin, die acht Jahre lang vegetarisch gelebt hat, die Nase voll vom Fleischverzicht und geht bei Christian Mook essen. „Ich habe damals noch selbst in meinen Restaurants bedient und war an diesem Abend ihr Kellner.“ Die beiden lernen sich kennen und entdecken ihre gemeinsame Leidenschaft für gutes Essen, vor allem begeistern sie sich für die indische Küche. Sie hat in Indien einen Ayurveda-Kochkurs gemacht, gemeinsam reisen die beiden nach London, probieren sich durch sämtliche indische Restaurants der Stadt, und so dauert es nicht lang, bis Mook 2009 das indische Restaurant „Ivory Club“, ebenfalls im Westend, eröffnet.

Seine Frau unterstützt das Küchenteam bei der Entwicklung der Speisekarte und der Rezepte. „Die Leute wollten mir das mit dem indischen Restaurant damals alle ausreden, sie meinten, dafür fände sich kein Publikum“, sagt Mook. Doch er ist überzeugt von seinem Konzept, also setzt er es um. Um es den Europäern ein bisschen leichter zu machen, geht er den thematischen Umweg über England und konzipiert den „Ivory Club“ als „Englischen-Explorer-Club im kolonialen Indien“. Ein Torbogen aus Stoßzahn-Imitaten, dunkle Holzvertäfelungen, eine langgezogene Bar, massive Pfauenskulpturen und großflächige Bilder von indischen Fürsten prägen den Stil des Lokals, das fast schon als Themenrestaurant durchgeht. Mit dem „Ivory Club“ setzt Mook auf indische Küche, lange bevor sie Trend wird: „Wir waren immer Pioniere – in allem, was wir gemacht haben“, sagt er selbstbewusst. Der Erfolg soll ihm recht geben, schon kurze Zeit nach der Eröffnung geht die Prominenz bei ihm ein und aus, spätestens jetzt gilt Mook als Gastwirt der Reichen und Schönen.

Gutes Essen und Familie, das sind – so sagt er selbst – seine zwei großen Leidenschaften im Leben. Doch lassen sich Familie und Gastronomie auch zeitlich unter einen Hut bringen? „Ich bin schon ein sehr guter Papa“, urteilt Mook. Sein Tagesablauf? „Ich bin sehr effizient, stehe morgens früh auf und verbringe den Vormittag im Büro.“ Mittags besucht er seine Restaurants und sieht nach dem Rechten. Nachmittags fährt er dann noch mal ins Büro oder macht Home-Office und wartet auf seine Kinder. „Aber leider dauert es immer so lang, bis sie aus der Schule kommen.“

Im Oktober feiert Mook 49. Geburtstag, erste graue Haare zieren seinen Vollbart. In seiner Freizeit fährt er Motorrad und sammelt Sneaker. Und er reist viel, wobei er vor allem „food-getrieben“ und immer auf der Suche nach neuen kulinarischen Entdeckungen ist.

Bei den Ideen zu seinen Restaurants orientiert er sich meist an seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen: „Ich setze das um, worauf ich selbst Lust habe.“ So ist es auch bei Gastronomie Nummer vier gewesen, dem panasiatischen Restaurant „Zenzakan“: „Ich konnte nicht mehr täglich Steak essen, sondern bin auf leichtere Sachen umgestiegen, vor allem auf Fisch.“

Nach einem New-York-Besuch ist er „total geflasht“ vom Restaurant „Tao“ und will dessen Stil unbedingt nach Frankfurt holen. Und so eröffnet er 2009 das „Zenzakan“ in der Taunusanlage 15, angrenzend an den „Ivory Club“. Beim Interieur legt er den gewohnten Perfektionismus an den Tag, übertrifft sich dieses Mal selbst: überlebensgroße Samurai-Krieger-Skulpturen, künstliche Kirschblütenbäume, goldene Löwen und Buddhas, Vogelkäfige über den Tischen ... Der Gast wähnt sich mehr in einer Filmkulisse als in einem Restaurant. Und während Mooks Gastronomie-Monopol im Westend immer weiter wächst, widmet er sich der Schreiberei. Mit dem „Mook Magazin“ und dem „The Frankfurter“ veröffentlicht er seine eigenen Hochglanzhefte mit Berichten über Szene, Lifestyle und natürlich Kulinarik. Er selbst ist sowohl für seine eigenen Publikationen als auch für andere Verlage als Autor tätig, betreibt einen Food-Blog, in dem er von seinen kulinarischen Erlebnissen auf Reisen berichtet. „Ich bin kein gelernter Journalist“, sagt er. „Ich habe eine ganz andere Schreibe, bin oft sehr emotional, vor allem, wenn mir etwas wichtig ist.“

Krisen und schwere Zeiten kennt Christian Mook allerdings auch: „Besonders schlimm war die Lehman-Pleite gewesen, wir hatten damals echt Probleme, unsere Restaurants vollzukriegen, ich hab meine Ersparnisse reingebuttert, um das durchzustehen.“ Doch die Lage entspannt sich wieder, und 2012 eröffnet Mook mit der Brasserie und Austernbar „Mon amie Maxie“ auf der Bockenheimer Landstraße sein fünftes Restaurant, das nach seiner älteren Tochter Maxima benannt ist.

Bei der Konzeption war ihm vor allem das Thema Nose-to-tail-Küche wichtig, also das Verarbeiten des ganzen Tiers mit Innereien und Nebenprodukten. „Steaks schmecken zwar gut, aber ich finde es ethisch nicht richtig, sich nur das Filet herauszuschneiden und den Rest des Tiers nicht zu verwerten“, so Mook. Generell setze er im Einkauf auf Proethika-Produkte und sogenanntes „no harm Fleisch“, also Fleisch von Tieren, die artgerecht gehalten und möglichst leidlos geschlachtet wurden. „Dabei gehe ich aber weniger nach Biosiegeln, die sagen oft gar nichts darüber aus, wie es den Tieren wirklich geht. Ich wähle einfach die Betriebe gut aus, von denen ich das Fleisch beziehe.“

Kein Wunder, dass es Innereien und Co. auch auf die Karte des „Franziska“ geschafft haben: Kalbsbries, Ochsenschwanz, Saumagen und Blutwurst werden neben vielen – weniger organisch anmutenden – Speisen serviert. Mitte September feierte das Restaurant im Henninger Turm seine Eröffnung. Schon jetzt wird es von manchen als Meilenstein in der Frankfurter Gastronomie-Geschichte gefeiert. Mit seiner Speisekarte sieht sich Christian Mook einmal mehr als Pionier und will einen neuen Stil prägen, die „German Vintage Cuisine“. An Ambitionen hat es dem Frankfurter noch nie gefehlt.

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