Anwohner Norbert Groh zeigt vor der evangelischen Kirche (von links) Professorin Anne Bantelmann-Betz und den Studentinnen Katja Eisenbarth, Sennur Dinc, Marissa van der Zee und Pauline Paulsen seine Notizen über die Zeilsheimer Colonie.
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Anwohner Norbert Groh zeigt vor der evangelischen Kirche (von links) Professorin Anne Bantelmann-Betz und den Studentinnen Katja Eisenbarth, Sennur Dinc, Marissa van der Zee und Pauline Paulsen seine Notizen über die Zeilsheimer Colonie.

Studentenprojekt

Die Colonie wird in den Fokus genommen

  • vonSebastian Semrau
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Studenten des Studiengangs Baukulturerbe der Hochschule Rhein-Main nehmen die Zeilsheimer Colonie im Sommersemester genau unter die Lupe. Auch das städtische Denkmalamt erhofft sich davon einiges. Eine „Baupolizei“ seien die jungen Leute aber nicht.

Dass sie bei ihrer ersten Tour durch die Zeilsheimer Colonie Norbert Groh getroffen haben, ist für die Studenten des Studiengangs Baukulturerbe der Hochschule Rhein-Main ein Glücksfall. Denn der ist nicht nur jahrelanger Anwohner, sondern hat sich mit dem Ensemble, das seit Mitte der 80er Jahre unter Denkmalschutz steht, auch intensiv befasst und viel Material gesammelt. Und so steht er an diesem Nachmittag auch vor der evangelischen Kirche am Frankenthaler Weg und hat seinen Ordner und Bücher gezückt.

Nur Lattenzäune

Gespannt blicken Professorin Anne Bantelmann-Betz und ihre Studentinnen Katja Eisenbarth, Sennur Dinc, Marissa van der Zee und Pauline Paulsen auf die alten Bilder, die Groh ihnen zeigt. „Die Rollen neben den Fenstern waren für Wäscheleinen gedacht“, erzählt er und zeigt auf ein Bild. Ein weiteres zeigt den Frankenthaler Weg im Jahr 1927. „Da gab es hier noch keine Hecken und keine Bürgersteige, nur Lattenzäune“, sagt Groh. Das kann man sich heute, wenn man durch die grüne Siedlung geht, kaum noch vorstellen.

Dass sich auch zuletzt viel verändert hat, haben auch die Studenten, die sich noch mehrfach in der Siedlung umsehen und auch fotografieren werden, schnell festgestellt. Zur Vorbereitung hatten sie Bilder aus dem Jahr 2008. „Da sind gravierende Unterschiede festzustellen“, sagt Marissa van der Zee. Dabei haben die Viertsemester noch gar nicht allzu viel Zeit in der Colonie verbracht. „Als erstes fallen die Negativbeispiele auf“, sagt Pauline Paulsen und verweist auf Grundstücke, die drei verschiedene Zäune haben.

Gemüse aus dem Garten

„Die Verschandelung der Colonie hat bei den Fenstern begonnen“, sagt Norbert Groh. Schon als er 1983 einzog habe es eckige Fenster gegeben. „Hier müssten sie einen Stichbogen haben“, sagt er. Damals hab es auch noch viele Obstbäume gegeben. „Jeder Garten hatte einen Hochstamm.“ Dass die Gärten der Colonie, die von 1900 bis 1925 von den Farbwerken Hoechst für ihre Arbeiter gebaut wurde, zur Selbstversorgung dienten, hat auch Pauline Paulsen schon gehört. Die kleinen Häuser hatten zudem Ställe. „Es wurden Arbeiter vom Land angeworben, die es so gewöhnt waren“, erzählt Groh.

Davon kann heutzutage natürlich nicht mehr die Rede sein. Das ist auch dem städtischen Denkmalamt bewusst. „Wir müssen überlegen, inwieweit wir unsere denkmalpflegerische Arbeit anpassen müssen“, sagt Amtsleiterin Andrea Hampel. Zunächst gehe es um die Aufnahme des Ist-Zustands. „Da sind wir endlos dankbar für jede Zuarbeit“, setzt Hampel große Hoffnungen in das Projekt der Wiesbadener Studenten. Hochschulen hätte da einfach ganz andere Kapazitäten als das Amt selbst. „Es ist großartig, dass sie sich einem Frankfurter Thema widmen.“

Allerdings macht es manchen Anwohnern auch Sorge, dass der Denkmalschutz nun die Colonie genauer in den Fokus nehmen will. Schließlich ist längst nicht alles, was dort in den vergangenen Jahren gebaut wurde, auch legal. Dem will Hampel auch gar nicht widersprechen: „Wir haben dringenden Handlungsbedarf, was Rückbauten betrifft.“ Allerdings gehe es vorrangig darum, moderne Wohnnutzung und Denkmalschutz unter einen Hut zu bekommen. „Wir wollen den Eigentümern etwas an die Hand gegeben.“ Als Beispiele nennt Hampel die Anforderungen an Zäune und Haustüren aber auch die Frage, wie ein Anbau oder ein Carport aussehen kann.

„Die Colonie ist ein hochrangiges Kulturdenkmal“, sagt Hampel. Daher müsse das Amt auch etwas tun. „Die Studenten sind aber nicht die Baupolizei“, betont die Amtsleiterin. Dafür sei die zuständige Konservatorin zuständig. Eine Baupolizei will Anne Bantelmann-Betz auch gar nicht sein. Für sie ist die Colonie ein Übungsobjekt – das in seiner Gesamtheit in einem Semester gar nicht zu fassen ist. Deshalb befasst sich die Gruppe auch nur mit den Backsteinbauten und lässt die verputzten Häuser außen vor.

Verschiedene Grundrisse

Vor einem der Backsteinhäuser stehen die vier Studentinnen nun. Sie sind die Gruppe, die sich mit den unterschiedlichen Haustypen der Siedlung befasst, diese differenziert und auch nach den Grundrissen schaut. Acht oder neun davon habe es ursprünglich gegeben, sagt Pauline Paulsen. Dieses Haus am Frankenthaler Weg ist der Typ 2. Das geht auch aus einer Karte hervor, die die Studenten vom Denkmalamt erhalten haben. „Rechts ist ein Anbau“, sagt Pauline Paulsen und geht näher ran. „Der ist aber gut gemacht.“ Die Rahmen der Fenster etwa seien gleich.

Die anderen Studenten befassen sich mit Archivarbeit, Bauaufnahmen von drei Straßen in drei Gruppen, den Richtlinien des Denkmalschutzes, Vermittlungsarbeiten und einem Geoinformationssystem, das die Karten ergänzen soll. Bantelmann-Betz ist von dem ausgewählten Übungsobjekt bereits am ersten Tag an Ort und Stelle überzeugt. „Alle Häuser sind bewohnt und genutzt. Das ist für das Denkmal schon mal gut“, sagt sie. Wenn man die vielen Veränderungen betrachte, müsse man den Bewohnern den Wert der Siedlung aber sicher noch näher bringen.

Auch den Studentinnen gefällt es, auch wenn sie sich wohl zunächst einmal wieder in die ursprünglichen Pläne vertiefen müssen, um die Haustypen besser identifizieren zu können. „Ich finde es sehr schön hier. Wenn ich älter wäre, könnte ich es mir vorstellen, hier zu wohnen“, sagt Katja Eisenbarth.

Denkmalamt profitiert

Für Sennur Dinc käme das sogar „sofort“ in Frage. „Wir haben es uns allerdings erst oberflächlich angeschaut“, sagt Marissa van der Zee. Genaueres soll nun folgen. Von den Semesterarbeiten, die ab Sommer geschrieben werden, will auch das städtische Denkmalamt profitieren.

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