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Die Gruppe „Ludus Chimaerae“ fertigt viele Teile ihrer Ausrüstung nach historischen Vorbildern selbst an.

Darmstadt-Dieburg

Münster: Wenn Gladiatoren lebendig werden

In Münster bei Dieburg existiert seit kurzem die Gruppe Ludus Chimairae. Beim offenen Training wird richtig zugeschlagen.

Die Gladiatoren von einst sind eigentlich mit den heutigen Fußballspielern zu vergleichen“, sagt Lennart Strommer alias Ursus, was so viel heißt wie „Bär“. Wie ein Bär kommt der 24-jährige, halbnackte Hobby-Gladiator auch daher: Nur mit Schurz, breitem Ledergürtel und einem Beinpolster bekleidet, zieht er den silbernen Helm, geschmückt mit Fasanenfedern, vom Kopf. Das fast vier Kilo schwere Metallobjekt sei eine Nachbildung eines originalen Gladiatorenhelms aus Pompeji. „Dort wurde eine Gladiatorenschule ausgegraben“, sagt Strommer.

Isabelle Graefen (Mitte), Elena Hechler und Lennart Strommer mit Schilden, Waffen und Helmen ausgerüstet.

Der 24-Jährige studiert in Frankfurt Archäologie und ist Mitglied der neuen Gladiatorengruppe Ludus Chimairae, die sich kürzlich in Münster bei Dieburg gegründet hat. Genau wie seine Studienkolleginnen und Mitstreiterinnen Isabelle „Aurata“ Gräfen und Elena „Meduna“ Hechler kennt er sich bestens mit der römischen Gladiatur aus. Das Interesse an den im alten Rom beliebten blutigen Unterhaltungskämpfen geht so weit, dass die Mitglieder sich nach historischen Vorbildern Kleidung, Schilde und Waffen anfertigen oder kaufen und auch gegeneinander kämpfen. „Wir sind Experimental-Archäologen“, sagt Strommer. Ziel sei, die Kunst der Gladiatoren nachzuempfinden und wiederzuerwecken. Dafür beschäftigt sich die Gruppe mit Artefakten wie Lampen, Tafelgeschirr, originalen Funden und schriftlichen Überlieferungen. Und sie räumt mit falschen Vorstellungen à la Hollywood auf: Dass in der Arena zum Beispiel immer bis zum Tod gekämpft worden sei, sei nur ein Mythos, sagt Strommer. Denn den Kämpfer auszubilden, seine Ausstattung anzufertigen und ihn zu versorgen, habe für den Lanista, seinen Besitzer, eine große Investition bedeutet.

Auch bei Ludus Chimairae kam es beim Freikampf bisher nur zu blauen Flecken und Schrammen. Er ist eine der drei Disziplinen, die die Gruppe ausübt. Weitere sind der choreographische Kampf sowie die Theorie, bei der es auch um die historischen Hintergründe geht. „Beim Freikampf dürfen nur stumpfe Waffen aus Holz oder Metall eingesetzt werden“, sagt Strommer. Außerdem seien Schläge auf den Kopf oder ungeschützte Körperteile tabu. Auch dürften Anfänger nicht daran teilnehmen, betont Isabelle Gräfen. „Man muss erst mal Kontrolle über die Waffen bekommen.“ Allein ihr hüfthohes, selbst bemaltes Schild wiegt acht Kilogramm. Die Gladiatrix, so heißen weibliche Gladiatoren, schwingt das Sichelschwert Sica. Das Kampftraining halte fit, finden die beiden Frauen. Strommer erlebt es als positiv, dass man durch die Auftritte vor Publikum selbstsicherer werde.

Gladiatrix Aurata gegen Gladiator Ursus: Die Archaeologie Studenten treffen sich regelmäßig auf dem Gelände der Wandergesellschaft Frisch-Auf.

Ursprünglich aus Frankfurt stammend, hat sich die Gemeinschaft vor wenigen Wochen als neue Abteilung der Wandergesellschaft „Frisch-Auf“ niedergelassen. „Das Vereinsheim direkt am Bahnhof gelegen, mit Freigelände zum Trainieren und dem Keller, wo wir unsere Ausrüstung lagern können, ist ideal“, sagt Elena Hechler. In 45 Minuten sei man mit dem Zug in Frankfurt. Sie selbst stammt als Einzige aus Münster (Landkreis Darmstadt-Dieburg) und war schon als Dreijährige in der „Frisch-Auf“-Tanzgruppe Mitglied. Die beiden anderen kommen aus Offenbach. Insgesamt bestehe die Gruppe aus sieben Leuten, doch nicht alle widmen sich dem Schaukampf, einige beschäftigen sich nur mit den geschichtlichen Aspekten. Allein die rund 20 verschiedenen Klassen, wie etwa den schwer ausgerüsteten Murmillo oder seinen typischen Gegner, den leichtfüßigeren Thraex, und ihre jeweilige Ausrüstung zu kennen, ist schon eine Herausforderung.

Im Kämpfen unterwiesen hat sie Mathias Kunzler, ein zertifizierter Bühnenkampftrainer und Archäologe. Kunzler sei eine Art Meister für sie, sagt Strommer. Während einem seiner Kurse an der Frankfurter Goethe-Universität seien sie vor zwei Jahren überhaupt erst auf die Gladiatur gekommen. Und haben seitdem regelmäßig in Frankfurt trainiert. Doch jetzt habe sich die Gruppe aufgelöst. Ein Teil sei nach Gießen gegangen, wo Kunzler seit 2012 die Gladiatorengruppe Ludus Gorgonis leite, der andere Teil nach Münster.

Für die knapp 300 Mitglieder starke Wandergesellschaft, die in zwei Jahren ihren 100. Geburtstag feiert, sei die Gladiatorengruppe ein Zugewinn, sagt Vorsitzende Karin Mathy. Wobei das Thema für viele relativ unbekannt gewesen sei. Jetzt denke man bereits darüber nach, Wanderaktionen mit römischen Zielen zu verknüpfen, von denen es im Odenwald ja etliche gibt. Auch eine Anfrage aus dem Rathaus für einen Auftritt beim Weihnachtsmarkt gebe es bereits. Am kommenden Samstag veranstaltet die Gruppe ihr erstes offenes Training in Münster. Es gebe bereits fünf Anmeldungen. Auch Vorträge zu römischer Geschichte und Workshops sind geplant.

So sieht der Gladiator durch sein Visier: Die bis zu vier Kilogramm schweren Kopfbedeckungen konnten notfalls auch als Waffe eingesetzt werden.

Bei aller Begeisterung wollte freilich keiner der drei Studenten früher selbst Gladiator gewesen sein. „Der Gladiator gab alle Rechte auf. Sein Besitzer entschied über sein Leben“, sagt Hechler. Und Strommer ergänzt: „Gladiatoren waren die Untersten der Unteren.“ Dennoch seien sie beliebt gewesen, hätten richtige Fangemeinden gehabt, wie man aus historischen Graffiti ersehen könne, und seien in Bildern auf Öllämpchen oder in Wandgemälden verherrlicht worden.

Heute sind die wenigen Gruppen, die es gibt, miteinander vernetzt. Man trifft sich zu Schaukämpfen, Workshops oder historischen Aufführungen, etwa auf der Saalburg. Im Mai reiste die Gruppe in die Niederlande und traf unter anderem auf holländische und kroatische Gladiatoren. Dabei habe man auch kulturelle Unterschiede beobachtet, berichtet Gräfen: „Während die niederländischen vor allem Frauen waren und mehr Choreographie gemacht haben, haben die kroatischen Kämpfer heftiger zugeschlagen.“

Blick in die Arena

Zum ersten offenen Training in Münster lädt die Gruppe erstmals für Samstag, 19. Oktober, ein. Beginn ist um 12 Uhr im Vereinsheim der Wandergesellschaft Frisch-Auf, Bahnhofstraße 54. Um Anmeldung unter E-Mail an l.strommer@web.de wird gebeten. 

Grundausrüstung und Waffen aus Holz sind vorhanden und können von Interessenten mitbenutzt werden. Wer sich für den Beitritt in den Ludus entscheidet sollte eine eigene armatura anschaffen und anfertigen. 

Eine Einführung in die römische Geschichte gibt die Gladiatorengruppe am Samstag, 26. Oktober, ab 12 Uhr im Vereinsheim in Münster. 

Infos unter: frisch-auf.de/gladiatorengruppe

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