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Redakteur Günter Murr (rechts) traf sich mit Heiko Nickel (links) und Norbert Szep (Mitte) zum Interview auf der vom Verkehr umtosten Grünfläche in der Mitte der Rothschildallee im Nordend.

Verkehr

Darum braucht es einen Bürgerentscheid für den Radverkehr in Frankfurt

Mit einem Bürgerentscheid soll erreicht werden, dass die Stadt mehr in die Radverkehrsförderung investiert. Unter anderem sollen jedes Jahr mindestens 15 Kilometer sichere Radwege gebaut und 2000 Abstellplätze errichtet werden. Im Gespräch mit Günter Murr erläutern die Initiatoren Norbert Szep und Heiko Nickel, warum sich die Millioneninvestitionen ihrer Ansicht nach lohnen.

Wo sind Sie selbst mit dem Fahrrad unterwegs? NORBERT SZEP: Ich bin seit 40 Jahren in Frankfurt unterwegs und mache als Hausarzt alle meine Hausbesuche hier im Nordend mit dem Fahrrad. Das ist viel cleverer wegen der Parkplätze. Die Patienten wundern sich oft, wenn ich auch bei Schnee und Regen mit dem Fahrrad ankomme. Auch mit der Familie machen wir ziemlich alles mit dem Rad.

HEIKO NICKEL: Alles bis 20 Kilometer Entfernung mache ich auf jeden Fall mit dem Fahrrad, auch das ganz Jahr hindurch. Ich habe gar nicht Zeit, um mit dem Auto zu fahren. Ich frage mich oft, wie Autofahrer es schaffen, ihre Termine einzuhalten.

Was fällt Ihnen auf Ihren Alltagswegen auf? SZEP: Es ist manchmal schon Stress. Ich bin ein erfahrener Radfahrer, kann die Situationen gut einschätzen. Aber man kommt immer wieder an Stellen, wo plötzlich der Fahrradweg verschwunden ist und man mitten auf der Straße zwischen den Autos steht. Überall dort, wo es Mischverkehr gibt, da gibt es Stress, und da entstehen auch Gefahren.

Video: So funktioniert die Pendlerstadt Frankfurt

Mischverkehr kommt immer häufiger vor, weil der Radverkehr zunehmend auf die Fahrbahn geleitet wird. SZEP: So ist es. Wir finden das auch gut und freuen uns über jeden Schutzstreifen, der auf der Fahrbahn markiert wird. Aber es ist nicht die Ideallösung. Wenn wir mehr Fahrradfahrer haben wollen, dann brauchen wir sicherere, abgetrennte Radwege wie in Kopenhagen, wo 50 bis 60 Prozent der Leute Rad fahren. Das gelingt deshalb, weil es dort durchgehende, sichere Radwege gibt, die in der gesamten Stadt miteinander vernetzt sind.

Haben wir dafür genügend Platz in Frankfurt? SZEP: In Kopenhagen war die Situation vor 30 Jahren nicht viel anders als bei uns. Da gibt es natürlich auch enge Straßen, aber die Stadtplaner haben dafür Lösungen gefunden. An vielen Hauptverkehrsstraßen sind auch in Frankfurt abgetrennte Radwege möglich.

Passiert in Frankfurt bisher nicht genügend für den Radverkehr? NICKEL: Es ist in den vergangenen Jahren schon viel passiert, und das nimmt man als Radfahrer auch wohlwollend wahr. Schutzstreifen werden angelegt, Bordsteine abgesenkt, Hindernisse beseitigt. Unser Bürgerentscheid richtet sich deshalb auch nicht gegen das Radfahrbüro der Stadt. Wir erkennen die Arbeit an, die dort geleistet wird. Aber wir wollen jetzt den nächsten Schritt gehen. Es ist an der Zeit, dem Radverkehr mehr Raum einzuräumen.

Wo brauchen Radfahrer zum Beispiel mehr Raum? SZEP: Es gibt genügend Beispiele. Die Eschersheimer Landstraße gehört dazu. Da wird zwar jetzt auf einem Abschnitt ein Schutzstreifen angelegt, aber auf einem großen Teil muss man zwischen den Autos radeln. Das schreckt viele Leute ab, die trauen sich einfach nicht aufs Fahrrad. Dabei wäre Radfahren das Beste, was man zu Förderung der Gesundheit machen kann.

Müsste man dann einen Radweg baulich abgrenzen? SZEP: Es gibt die Möglichkeit, einen gesicherten Schutzstreifen anzulegen mit Begrenzungen, die Autos nicht überfahren können. Man könnte aber auch den Schutzstreifen auf die Seite rechts der parkenden Autos verlegen. Dann ist man als Radfahrer vor den Autos geschützt. Heut bewegt man sich wie in einem Tunnel: Links werden Sie überholt von schnell fahrenden Lastwagen und Bussen, rechts kann jederzeit eine Autotür aufgehen und Sie lebensgefährlich bedrohen. Und wenn Sie Pech haben, parkt auch noch ein Fahrzeug auf dem Schutzstreifen.

NICKEL: Die gesicherten Radstreifen darf man nicht verwechseln mit den heutigen Bordsteinradwegen. Schmale Streifen neben dem Bürgersteig wollen wir nicht. Fußgänger sollen nicht durch den Radverkehr bedrängt werden. Wir wollen das Kopenhagener Konzept. Dort wurde überall die rechte Spur, die normalerweise zum Parken verwendet wird, zum Radstreifen erklärt. Damit haben die Fußgänger den Bürgersteig für sich und die Radfahrer eine breite Spur, die sicher ist und wo sich keine Autotüren öffnen.

Wo bleiben die Autos, die derzeit dort parken? SZEP: In den Nebenstraßen würden wir die Parkplätze ja nicht in Frage stellen. Und auch in den Hauptstraßen würden die Parkplätze nicht komplett entfernt. Es geht nur um Bereiche, wo Unsicherheit besteht. Vor allem an den Kreuzungen brauchen wir freie Sicht auf den Radweg. Wenn da Autos parken, funktioniert das nicht.

Muss auch mal eine Autofahrspur dem Radverkehr weichen? SZEP: Das ist eine Möglichkeit. Wir denken, dass dadurch nicht mehr Staus entstehen. Es wird genau umgekehrt sein: Wir werden mehr Mobilität schaffen, weil viele Frankfurter aufs Rad umsteigen und nicht mehr Auto fahren und den Verkehr behindern. Das große Problem sind die Pendler, die heute größtenteils mit dem Auto in die Stadt kommen. Auch denen müssen wir etwas bieten, zum Beispiel Fahrradtrassen, auf denen man auch aus dem Umland sicher nach Frankfurt fahren kann.

Ist das nicht nur ein Programm für den Sommer und schönes Wetter? NICKEL:Wenn die Infrastruktur da ist, erhöht sich auch die Zahl der Ganzjahresradler. Und wenn jemand im Sommer feststellt, dass er das Auto gar nicht brauchte, dann kommt er vielleicht auf die Idee, im Winter oder bei schlechtem Wetter den Bus anstelle des Pkw zu nehmen. In Frankfurt gibt es keine Notwendigkeit für ein privates Auto. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

SZEP: Es gibt ja nur wenige Tage, an denen es so vereist ist, dass man nicht fahren kann. In Kopenhagen oder Amsterdam fahren Hunderttausende auch im Winter Fahrrad. Mit guter Kleidung ist das kein Problem.

Die Stadt wächst, es sind immer mehr Menschen unterwegs. Ist da das Fahrrad das richtige Rezept? NICKEL: Eine sich verdichtende Stadt muss das Auto zurückdrängen, um Mobilität für Alle zu gewährleisten. Der Flächenverbrauch durch den Autoverkehr ist hoch. Und die Kapazität einer Kreuzung ist geringer, wenn Autos drüberfahren als wenn Fußgänger, Radfahrer, Busse und Bahnen unterwegs sind.

Wir sitzen hier mitten im stark befahrenen Alleenring. Wie wäre hier die optimale Infrastruktur für Radfahrer? NICKEL:Ich könnte mir gut vorstellen, dass der Alleenring nur auf einer Seite für den Autoverkehr genutzt wird und dass man die andere Seite den Menschen zurückgibt. Das schafft Raum zum Spielen, zum Leben und für eine Fahrradstrecke. Aber das ist nicht Teil unserer Forderungen, die Umsetzung ist ein zweiter Schritt.

Sie haben aber schon geschätzt, dass die Umsetzung Ihrer Forderungen rund 13 Millionen Euro im Jahr kosten würde. Wie kommt diese Schätzung zustande? SZEP:Wir haben einen Stadtplaner in unseren Reihen, der das Punkt für Punkt berechnet hat. Als wir vor fünf Monaten angefangen haben, hatten wir noch ganz andere Forderungen, wir haben da schon viele Abstriche gemacht, bis wir auf eine realistische finanzielle Größenordnung gekommen sind. Die Stadt hat Milliardeneinnahmen. 13 Millionen Euro, das wären etwa 18 Euro pro Einwohner und Jahr. Das ist ein Schnäppchen.

Was geben andere Städte aus? NICKEL:In Kopenhagen sind es 21 Euro pro Einwohner und Jahr – obwohl es schon eine so gute Radverkehrsinfrastruktur gibt. Radverkehrsförderung ist ein Sparprogramm, der Unterhalt von Straßen für Autos ist viel teurer.

Sie sammeln seit einer guten Woche Unterschriften für das Bürgerbegehren. Wie ist die Resonanz? SZEP:Ausgezeichnet. Wir haben sehr viel Rückenwind. Ich war an der Nidda unterwegs und habe gesammelt. Fast alle haben unterschrieben, es gab keine kritischen Stimmen. Wir leben ja in einer Zeit, in der durch den Dieselskandal deutlich wird, welche gesundheitlichen Schäden durch Abgase entstehen. Ich stelle ein Umdenken fest.

NICKEL: Wir freuen uns, wenn wir den erst erfolgreichen Bürgerentscheid in Frankfurt haben. Bis zum Sommer wollen wir die nötigen Unterschriften beisammen haben.

SZEP: Wir wollen die Unterschriften so abgeben, dass der Bürgerentscheid zusammen mit der Landtagswahl am 28. Oktober stattfinden könnte.

Rechnen Sie mit Gegenwind von der Autolobby? SZEP: Damit rechnen wir auf jeden Fall und darauf freuen wir uns. Aber wir sind keine Autohasser, wir fahren selbst auch Auto und kennen alle Perspektiven. In der Stadt gibt es aber bessere Möglichkeiten der Mobilität. Unser Bürgerbegehren ist auch die richtige Antwort auf ein drohendes Diesel-Fahrverbot.

Wo steht der Radverkehr in Frankfurt in zehn Jahren? SZEP: In zehn Jahren schaffen wir locker die Verdoppelung des Radverkehrsanteils von heute 13 Prozent. Aber ich ziele schon die 50-Prozent-Marke an. Das kann gelingen durch eine einheitliche Planung. Dazu brauchen wir aber auch genügend Planer, die die Kompetenz haben, Dinge durchzusetzen. Die Stadt wird lebenswerter, da bin ich mir ganz sicher.

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