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Stadtklimaforscher Katzschner will Hochhausfassaden begrünen.

Interview

Darum lehnt Klimaforscher Lutz Katzschner Josefstadt ab

Der Klimawandel könnte einige Städte unbewohnbar machen, warnt Wissenschaftler Lutz Katzschner: „Dann wird es hier heiß und dreckig.“ Um gegenzusteuern seien Grünflächen und Frischluftschneisen wichtig. Den neuen Stadtteil im Frankfurter Nordwesten lehnt Katzschner deshalb ab, erklärt er im Gespräch mit Julia Lorenz.

Herr Katzschner, die Stadt plant einen neuen Stadtteil auf Äckern zwischen Niederursel, Praunheim und Steinbach zu bauen. Bis zu 30 000 Menschen sollen dort einmal wohnen. Sie warnen davor. Warum?

LUTZ KATZSCHNER: Wir haben in diesem Sommer gemerkt: Der Klimawandel ist da. Schon heute wirkt er sich in der Stadt stärker aus als auf dem Land. Deshalb müssen wir endlich anfangen abzuwägen, was passiert, wenn immer mehr zubetoniert wird.

Was kann denn passieren?

KATZSCHNER: Die Luftströme in die Stadt hinein dürfen nicht abgeschnitten werden. Ansonsten kriegen die Frankfurter bald ein Problem. Dann fehlt die Frischluftzufuhr.

Warum?

KATZSCHNER: Frankfurt ist eigentlich in der günstigen Situation, dass es lokale Windsysteme gibt. Es gibt Winde aus der Wetterau und aus dem Taunus. Sie bringen die Frischluft aus dem Umland in die Stadt hinein. Dieses System muss erhalten bleiben, darf nicht gestoppt werden. Das heißt: Es dürfen keine Barrieren gebildet werden.

Aber was passiert denn, wenn wir die Winde in der Stadt nicht mehr haben?

KATZSCHNER: Dann erhöht sich die thermische Wirkung in den benachbarten Stadtteilen. Es wird einfach wärmer. Wir brauchen die Belüftung. Zudem wird es dreckiger, sofern wir die Emissionen nicht in den Griff bekommen.

Bilden denn die zahlreichen Hochhäuser in der Stadt nicht auch schon Barrieren?

KATZSCHNER: Solange die Hochhäuser nur punktuell stehen, gibt es noch eine ausreichende Belüftung. Wenn die Stadt aber anfangen würde, jede Nachbarschaft mit einem Hochhaus zu versehen, würde man schnell Probleme bekommen. Sich nur auf die Winde zu beziehen, wäre aber zu kurz gegriffen. Wir müssen uns auch die Wärmespeicherung in den Städten anschauen.

Warum?

KATZSCHNER: Wenn wir über die Hitze in diesem Sommer sprechen, dann müssen wir uns vergegenwärtigen was mit unserer körperlichen Wärmebelastung passiert. Wenn es heiß ist, schwitzen wir und können nicht genug Wärme in den Körper abgeben. Und warum ist das so? Weil wir auch die von den Gebäuden ausgehenden Wärmestrahlungen nicht mehr kompensieren können.

Wie könnte man das machen?

KATZSCHNER: Mit Vegetation. Die Fassaden müssen begrünt, Oberflächen entsiegelt werden. Damit könnte man schon viel erreichen.

In Frankfurt gibt es ziemlich viele Hochhäuser. Es ist aber immer noch so, dass deren Fassaden primär aus Glas statt Grün bestehen. Ein Beispiel ist die Europäische Zentralbank im Ostend. Sollte man dies ändern?

KATZSCHNER: Prinzipiell ja. Egal ob ich Glasfassaden oder massive Bauten habe, die Gebäude speichern Wärme und die Glasfassaden reflektieren die Strahlung. Fassadenbegrünung dagegen bringt kühle Fassaden ohne erhöhte Wärmeabgabe. Aber auch in diesem Zusammenhang sollte die Luftzirkulation nicht vergessen werden, die für Abkühlung sorgen kann.

Sprich: Begrünung ist wichtig?

KATZSCHNER: Auf alle Fälle. Positiv wäre aber auch eine Entsiegelung und Rückgewinnung der Straßenräume. Das muss man den Stadtplanern immer wieder sagen: Je mehr Flächen sie entsiegeln würden, je weniger Verkehr es in den Städten geben würde, desto mehr Häuser könnten gebaut werden. Aber heutzutage wird ja leider immer gleichgesetzt: Jede Wohnung braucht einen Stellplatz. Deshalb muss sich in dieser Hinsicht meiner Meinung nach auch die Verkehrspolitik ändern, um ein besseres Klima in Zukunft zu bekommen. Nicht jeder Mensch hat heute noch ein Auto. Ich besitze auch keines.

Wenn man in Frankfurt auf dem Dach einer der zahlreichen Hochhäuser steht, erkannt man schnell: Frankfurt ist ziemlich grün. Es gibt zahlreiche Parks und den riesigen Stadtwald. Reicht das noch nicht?

KATZSCHNER: Das große Ziel muss sein, diese Dinge zu erhalten – und möglichst auch noch zu verbessern. Nehmen wir den Stadtwald als Beispiel. Er hat eine wichtige Funktion im Frankfurter Süden, sorgt dort für ein gutes Klima, mit Wirkung auf die Nachbarstadtteile.

Kommen wir noch einmal zurück zum geplanten Baugebiet entlang der A 5: Innerhalb der CDU gibt es mittlerweile Stimmen, die doch nur noch bis zur Autobahn bauen wollen. Würde das denn schon was für das Klima bringen?

KATZSCHNER: Nein. Es würde dennoch eine Beeinträchtigung geben. Die Luft hält sich nicht an politische Grenzen – und auch nicht an die Autobahn. Man muss immer das Gesamtsystem betrachten. Deshalb bringt es auch nichts, ein Gutachten nur für diesen neuen Stadtteil zu erstellen. Man muss sich immer das komplette Frankfurter Stadtbild anschauen. Erst dann kann man sagen, was der neue Stadtteil für Auswirkungen auf seine Umgebung hätte.

Sie haben den Klimaplanatlas für Frankfurt erstellt. Dieser zeigt auf, dass es heute in der Innenstadt schon viel wärmer ist als in den Randgebieten wie Nieder-Eschbach. Zehn Grad Unterschied können zwischen den Stadtteilen liegen. Das heißt: Die Temperaturspanne würde noch größer werden in Zukunft?

KATZSCHNER: Das ist richtig. Die Differenz würde größer werden. Das, was wir immer als städtische Wärme bezeichnen, ist ja jetzt schon da. Aber die Diskrepanz würde größer werden. Eine Landwirtschaftsfläche oder ein Wald hat nicht die Speicherfähigkeit, wie sie eine Stadt hat.

Vor allem in der Altstadt und im Bahnhofsviertel gibt es heute schon eine extreme Überwärmung mit 80 Prozent.

KATZSCHNER: Stimmt. Aber das neue Baugebiet ist nur ein Bestandteil und würde nicht die gesamte Innenstadt erhitzen. Inwieweit der Einfluss reicht, müsste dringend untersucht werden, um gute Planungsempfehlungen abgeben zu können.

Nichtsdestotrotz steht da die Stadt vor einem Dilemma: Monatlich ziehen Hunderte neue Menschen nach Frankfurt. Alle wollen hier leben. Aber der Wohnungsmarkt ist überhitzt. Wir brauchen neue Baugebiete.

KATZSCHNER: Egal wie hoch der Druck ist: Die Abwägungen müssen das Klima im Blick haben. Wir planen hier für die nächsten Jahrzehnte und nicht nur für eine Wahlperiode. Man muss versuchen, die Stadt wohnlich zu lassen. Das Klima muss stimmen. Ansonsten hat man irgendwann einen ganz anderen Effekt, dann ziehen nämlich die Menschen wieder aufs Land, weil sie die Temperaturen in der Stadt nicht mehr aushalten.

Sie sprachen gerade von einem angenehmen Stadtklima. Was ist das denn aus Ihrer Sicht?

KATZSCHNER: Es gibt eine Definition des idealen Stadtklimas. Das heißt, wenn man durch die Stadt spaziert, muss es schattige und sonnige Flächen gleichermaßen geben – mit einem ausreichenden Luftaustausch. Und bestimmte Grenzen der Hitze dürfen nicht überstiegen werden. Wenn der Körper gar keine Wärme mehr abgeben kann, weil er von außen zu viel bekommt, dann überhitzt der Mensch mit gesundheitlichen Wirkungen.

In Frankfurt gibt es nicht mehr viele Flächen, die man bebauen kann. Gebäude werden deshalb aufgestockt wie jetzt in der Platensiedlung. Aus Stadtklimasicht: Ist es sinnvoller in die Höhe oder Breite zu bauen.

KATZSCHNER: Es kann durchaus sinnvoll sein, in die Höhe zu bauen. Die Vertikalisierung ist nicht unsinnig. Ich würde dann aber auch immer auf die Inhomogenität achten. Nicht alle Gebäude dürfen die gleiche Höhe bekommen, so wie es die Architekten aber immer schön finden. Denn wir als Stadtklimaforscher wollen ja, dass Turbulenzen geschaffen werden und das funktioniert nur, wenn die Gebäude unterschiedliche Höhen haben. Und das ist allemal besser, als alle freien Flächen zuzubetonieren.

Müsste man heutzutage die Städte anders planen als noch vor zehn oder zwanzig Jahren?

KATZSCHNER: Das denke ich nicht. Wenn man bestimmte Rahmenbedingungen beachtet, kann man in den Städten in Deutschland durchaus gut leben. In anderen Ländern sieht das ganz anders aus. Schauen Sie sich zum Beispiel Hongkong an. Dort haben sie alle Lücken geschlossen. Das gibt es auch in Städten in Lateinamerika. Und plötzlich gibt es dort in den Innenstädten keinen Wind mehr. Das ist fatal.

Was wurde in Deutschland besser gemacht?

KATZSCHNER: Hier wurden die Städte immer so gebaut, dass sie in der Mitte dicht bebaut wurden, aber nach außen hin immer breiter und offener wurden. Das hat dazu geführt, dass wir eine Stadt-Land-Zirkulation erzeugen. Das ist prima. Genauso muss es auch funktionieren. Aber man darf die Winde eben nicht abschneiden. Würde ich das in Frankfurt mit dem Taunuswind machen und gleichzeitig auch noch den Stadtwald im Süden abholzen, dann würde es genau diese Zirkulation nicht mehr geben. Dann wird es hier heiß und dreckig.

Was kann denn jeder Einzelne von uns für ein besseres Klima in seinem Umfeld tun?

KATZSCHNER: Ich fürchte, der Einzelne ist da gar nicht so gefragt. Aber jeder Hausbesitzer könnte natürlich dazu übergehen, seine Fassade zu begrünen. Das wäre ein erster Schritt. Und diese Steingärten, die heutzutage immer mehr Menschen vor ihren Häusern haben, sollten auch verschwinden. Sie müssen wieder grün werden. Das würde für eine Abkühlung der Luft sorgen.

Was denken Sie denn, wie das Stadtklima in zehn oder zwanzig Jahren sein wird?

KATZSCHNER: Die Hitzewellen werden häufiger. Es wird auch mal kühlere Sommer geben. Aber die Tendenz ist steigend. Deshalb müssen wir uns in den Städten besser schützen. Wenn wir die Städte in Deutschland mit ihren existierenden Grünanteilen erhalten, können die Hitzeprobleme noch kompensiert werden. Manche Städte, auch in jetzt eher kühlen Regionen, sind nicht für den Klimawandel gemacht. Der hohe Versiegelungsgrad und fehlende Vegetation führen zu hohen Belastungen in den städtischen Freiräumen, wo sich die Menschen aufhalten. Das ist ein großes Problem. In vielen deutschen Städten, auch in Frankfurt, verfügen wir noch über Ausgleichsflächen, die wir nicht vernichten dürfen. Wir werden sie in Zukunft brauchen – mehr denn je.

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