Trauma

Diese Hebamme unterstützt Mütter, die Gewalt erlebt haben

Seit 23 Jahren ist die Nidderauer Hebamme Cornelia Meister nun schon in ihrem Beruf. Seit einem Jahr beschäftigt sie sich verstärkt mit dem Umgang traumatisierter Frauen im Kreißsaal. Hierbei geht es sowohl darum, traumatisierten Gebärenden mit der nötigen Sensibilität entgegenzutreten, als auch aus der Geburt resultierende Traumata zu vermeiden. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Kommunikation.

Sie sei schon immer sanft gewesen im Umgang mit den Frauen, berichtet Cornelia Meister (46). Und doch sei sie noch einmal ganz anders sensibilisiert, seit sie sich im Bereich der Traumasensitivität fortbildet. Die erlebten Traumata können so vielfältig sein wie die Symptome, die sie später hervorrufen.

Sie reichen von schmerzvollen Verlusten, über physische und psychische Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch. Die extreme körperliche Erfahrung der Geburt kann diese traumatischen Erfahrungen "triggern", also quasi wiederaufleben lassen.

Das Resultat ist vielgesichtig. "Es kann sein, dass diese Frauen vorzeitige Wehen kriegen, oder die Geburt stagniert, weil sie einfach psychisch blockiert sind", berichtet Cornelia Meister. "Manche ekeln sich auch vor ihrem Körper, oder können bestimme Untersuchungs- oder Gebärhaltungen nicht einnehmen, weil das schmerzliche Erinnerungen triggert", so Meister weiter.

In ihrer Fortbildung, welche die Hebamme eigeninitiativ absolviert, lernt sie, Traumata zu erkennen, sie anzusprechen und auch mit ihnen umzugehen. Dass das Abfragen eines erlebten Traumas Teil der Standard-Anamnese wird, also der Befragung vor der Geburt, auch dafür setzt sich Cornelia Meister ein.

Seit 23 Jahren betreut sie nicht nur Frauen in Nidderau und Umgebung, sondern arbeitet auch noch fest im Kreißsaal der Klinik in Gelnhausen. Hier hat sie vor der Geburt ihrer eigenen Kinder sogar den Kreißsaal geleitet. Viele ihrer Kolleginnen hat sie schon für das Thema sensibilisieren können. "Es geht auch einfach um die Bereitschaft, nach dem warum zu fragen", erörtert Meister.

Eine Frau beispielsweise habe heftig schreiend und unruhig auf eine Infusion reagiert. Auf sensible Nachfrage hin habe sich herausgestellt, dass sie drei Wochen lang in der Psychiatrie fixiert war. Die Infusion triggerte das Gefühl des Festgebundenseins. Genau hinzuschauen also, hintergründig und nicht vordergründig, dies sei das Ziel der traumasensitiven Haltung. Denn nur so könne man betroffene Frauen unterstützen und ihnen zu einem positiven Geburtserlebnis verhelfen.

Ihre Ausbildung musste Cornelia Meister unter gänzlich unsensiblen Bedingungen meistern. Als sie sich gegen das begonnene Musiklehrerstudium und für die Hebammenausbildung entschied, lebte sie noch in Leipzig, wo sie gebürtig herkommt. "Es war schrecklich an der Uni-Klinik dort. Wir wurden von den Ausbildern zum Nichts degradiert und richtig mies behandelt. Alle haben ständig nur geheult."

Als sie dann nach Gelnhausen ging, wollte sie eigentlich gar nicht lange bleiben. Aber es gefiel ihr einfach zu gut. Hier waren die Hierarchien aufgeweicht, es gab ein Miteinander und einen Chef, der seinen Hebammen vollstes Vertrauen entgegenbrachte. Und doch: Im Nachhinein betrachtet sei die harte Schule in Leipzig gar nicht so schlecht gewesen. Denn als Hebamme müsse man schon auch manchmal viel aushalten, so Meister.

Tatsächlich entwickelten fünf bis sieben Prozent der Geburtshelfer ein Posttraumatisches Belastungssyndrom, welches sie oftmals zwinge, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Der Tod einer Gebärenden könnte beispielsweise ein Auslöser hierfür sein. In diesem Fall sind es dann die Hebammen, die ein Trauma erfahren. Und auch dabei kann eine traumasensitiven Haltung helfen. Mit regelmäßigen Supervision und bei Bedarf einer psychologischen Nachbetreuung könne unter Umständen  eine Berufsaufgabe, die im schlimmsten Fall der traumatisierten Hebamme droht, verhindert werden.

Fortbildungen bei Maria Zemp

Cornelia Meister absolviert ihre Fortbildung bei Maria Zemp. Die Heilpraktikerin, Körperpsychotherapeutin und Fachreferentin für Trauma-Arbeit praktiziert in Euskirchen. Sie konzipiert und führt Trainings für Fachkräfte durch, die in ihren Berufen mit den Folgen von Gewalt umgehen müssen, wie Hebammen, aber auch Mitarbeiter der Jugendhilfe oder Menschen die in Kriegs- und Krisengebieten agieren. Nähere Informationen finden sich unter:

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