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Klaus und Helga Noll vor ihrem alten Fachwerkhaus in der Hauptstraße 28, in dessen Sanierung sie eine Menge Herzblut und viele Stunden ihrer Freizeit investiert haben.

Neuenhain

In diesem Haus stecken 20.000 Stunden Eigenarbeit

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Rund 20 000 Stunden Eigenleistung stecken im Haus von Helga und Klaus Noll. Das ist viel Arbeit für ein besonderes Kleinod: Das Gebäude in der Hauptstraße 28 ist eines der ältesten in Neuenhain und wird in diesen Tagen 300 Jahre alt.

„Andere machen Triathlon oder fahren in Urlaub. Unser Hobby war das Haus.“ So erinnern sich Helga und Klaus Noll beispielsweise an einen heißen, dreiwöchigen Sommerurlaub – den sie mit der Installation der Heizungsanlage im Gewölbekeller verbrachten. Fast zehn Jahre dauerte es vom Kauf im Jahr 1988 über die Sanierung bis zum Einzug, dem Ziel ihrer Träume. Von innen wirkt das Fachwerkhaus modern: Die Einrichtung ist wohnlich und gemütlich. „Für uns war von Anfang an klar, dass wir nicht in einem Museum leben möchten“, sagt Helga Noll. Es sind Details wie die zahlreichen Balken und Stufen, an denen man dem Haus die Zeit anmerkt, in der es gebaut wurde: 1718, daran besteht kein Zweifel. „Wir haben das dendrochronologisch untersuchen lassen“, erklärt Klaus Noll. Der seitliche Anbau ist vergleichsweise neu: Er datiert auf das Jahr 1816.

Ein Faible für ältere Gebäude hatte das Ehepaar mit zwei Kindern schon lange. Ursprünglich träumten sie von einer Mühle, als sich eine gute Gelegenheit bot: In dem Haus hatte ein Urgroßonkel von Noll gewohnt, der Landwirtschaft und das Anwesen als Bauernhof betrieb. Die Räume wurden auch als Krämerladen und als Gastwirtschaft mit Tanzveranstaltungen genutzt. Später fiel es an eine Erbengemeinschaft, doch niemand konnte sich für das Anwesen erwärmen. Und das, obwohl es in der Denkmaltopographie des Main-Taunus-Kreises als „für die Ortsgeschichte wichtiger Bau innerhalb des ehemals umwehrten Ortskerns“ geführt wird. Also fingen Helga und Klaus Noll an zu überlegen, was man daraus machen könnte – und kauften es.

Sie wussten, worauf sie sich einlassen – „wenn auch nicht im ganzen Umfang“, fügt er lächelnd hinzu. Beide wohnten zuvor schon im Ort und konnten auf die Hilfe zahlreicher Verwandter und Freunde bauen. Sie hatten Zeit, Hilfe und Spaß an der Sache. Über die Zeit sind sie zu Sanierungsexperten geworden. Durch eine Ausbildung zum Mess- und Regelmechaniker vor dem Studium verfügt Klaus Noll auch über Kenntnisse in den Bereichen Elektrik und Pneumatik. „Bevor wir angefangen haben, besuchten wir mehrere Seminare der Deutschen Stiftung Denkmalschutz für Handwerk und Denkmalpflege. Das war sehr hilfreich.“ Ebenso wie der ständige Austausch mit der Unteren Denkmalschutzbehörde – das Gebäude ist geschützt. Die umliegenden Gebäude wie etwa die Scheune fallen zwar nicht unter diesen Schutz, stehen aber ebenfalls unter gewissen Auflagen.

Auch ein Bautagebuch war vorgeschrieben. Anfangs zähneknirschend geführt, erwies es sich im Nachgang als Fundgrube für die Dokumentation der Sanierung. Alle rund 20 000 Stunden an Eigenleistung der Familie und Freunde sowie etwa 3000 Stunden in Anspruch genommene Handwerker-Dienstleistungen sind darin minutiös aufgeschlüsselt. Zum 300. Geburtstag des Hauses in diesem Jahr gab es eine kleine Feierstunde – für die den alten Blättern ein gebührender Einband spendiert wurde.

Es gibt einen Einblick in die Vielzahl an Arbeiten, die in den Jahren der Sanierung angefallen sind: Das Freilegen des Fachwerks, die Entfernung instabiler Gefache und morscher Teile, die Anfertigung der Fenster, allesamt Sondermaße. Für die Ausfachungen wurde Stroh und Lehm genutzt, Haselnusszweige dienten als Träger der frischen Lehmausfachung. Zwei Gefache hat die Familie zu Anschauungszwecken lediglich mit einer Glasscheibe verschlossen, hinter der das Flechtwerk noch zu sehen ist. „Die Wahl der Materialien ist bei einem Fachwerkhaus von entscheidender Bedeutung“, weiß Klaus Noll zu berichten.

Sie tragen zur Atmosphäre bei, die kein Neubau in dieser Form bieten kann. Dafür müssen die Nolls auf die Annehmlichkeiten eines modernen Kellers verzichten, das Dach jedoch ist ausgebaut. Der Ausblick ist famos – bis auf die Belüftungsanlage des Bürgerhauses direkt gegenüber, die nicht so ganz in das Gesamtbild passen will. Insgesamt kommen die Nolls auf rund 200 Quadratmeter Wohnfläche. Es sieht ganz so aus, als habe die Familie ihr

Paradies im Ortskern

gefunden.

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