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Rettung tut not: Die Hand dieser ?verletzten? Frau haben die Helfer bereits in Plastik verpackt. Im Ernstfall würden Sanitäter auch nicht so entspannt herumstehen. Alle ?Opfer? der Übung waren realitätsnah geschminkt, auch war die Kleidung zerfetzt und mit ?Blut? verfärbt.

Simulierte Katastrophe

Bei einer Großübung arbeiten die Frankfurter Rettungsorganisation eng zusammen

Zum 11. Mal probten die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk und die Rettungsdienste der Stadt den großen Ernstfall. 450 haupt- und ehrenamtliche Einsatzkräfte kämpften unter Realbedingungen im Katastrophenschutz um das Leben von 50 Schwerverletzten.

Dichter Raum quillt aus einer Lagerhalle, ein dumpfer Knall, gefolgt von einem Feuerball sorgt einen Moment lang für schockiertes Schweigen. Sekunden später schreien Menschen vor Schmerz, schleppen sich blutend aus dem Gebäude. Sie weinen, zittern, brechen zusammen. Zum Glück ist alles nur simuliert. Die 11. Großübung des Katastrophenschutzes und des Rettungsdienstes mit dem Namen „Frankopia“ spiegelt ein nicht genehmigtes Rockkonzert wider, bei dem Besucher Pyrotechnik benutzen, es zu einer Explosion kommt und Feuer ausbricht. Die Rettungskräfte wissen nichts und müssen über Funk sofort reagieren.

Konstantin (22) wurde eine halbe Stunde lang vorher geschminkt und hat dabei noch gelacht. Mit zerrissenen Jeans und T-Shirt und Verbrennungen am ganzen Körper kriecht er aus dem Rauch mit letzter Kraft vor die Stahltür, bleibt bewusstlos auf dem Rücken liegen. Im Gebäude stecken Besucher fest, können sich nicht befreien. Ein Wagen des THW ist zufällig in der Nähe, löst Alarm aus, vier Wagen rücken an. Die Feuerwehr folgt kurz danach mit zwei Löschzügen. Eilig werden Schläuche zwischen den Verletzten ausgerollt. Über den Platz hallen Hilfeschreie, Anweisungen durch Rettungsleiter und Martinshörner. Während das THW die Lage sichtet, dürfen die ersten Feuerwehrleute mit Sauerstoffflaschen ins Gebäude. Wegen des starken Rauchs sehen sie nichts, tragen also „Schutzschirme“, die sie blind machen, damit sie unter Realbedingungen Verletzte suchen und finden. Sie ziehen Seile und Schläuche hinter sich her, um später wieder ins Freie zu finden. Sie ertasten die Umgebung mit Axt-Stielen, um Körper zu finden. Es ist schwer, die Verletzten zu finden. Wenn sie jemanden entdecken, schleppen sie ihn zu zweit aus dem Gebäude. Zwei Blauröcke werden von herabstürzenden Holzbalken vergraben, lösen Alarm aus und bleiben reglos liegen.

Draußen hängen Rettungskräfte des Malteser Hilfsdienstes Verletzten Zettel um den Hals, teilen sie in vier Farben auf, die jeweils die Schwere der Verletzungen anzeigen. Notärzte kümmern sich um Patienten. Konstantin wird gefunden, auf einer Trage vor einen Rettungswagen in die stabile Seitenlage gebracht und zugedeckt. Er hat kaum Puls. „Das sind Verbrennungen dritten Grades“, sagt eine Ärztin, spritzt ihm Schmerzmittel.

Auf sein Schild wird „blau“ geschrieben. Kaum Überlebenschancen, heißt das. Ein Helfer kniet sich zu ihm. „Da hilft nur noch, dabei zu bleiben“, sagt er und fasst ihm vorsichtig an die Schulter. „Es ist furchtbar, ich bleibe so lange wie möglich da. Mir geht es nicht gut dabei.“ Er wird schnell weiter gerufen zu anderen Verletzten, die beruhigt, verbunden oder beatmet werden müssen.

Einige Frauen und Männer sind äußerlich nicht verletzt, stehen aber unter Schock. Peter Waterstraat gehört zu den Führungskräften der Psychosozialen Notfallversorgung (PSVN) im Bereich Psychiatrie. „Wir reden mit den Menschen. Dabei ist jeder Fall unterschiedlich“, erklärt er. Manche erleiden sofort einen Schock, bei anderen stellt sich die Belastung erst Wochen später heraus. Wir versuchen, die Beteiligten so schnell wie möglich wieder ins Normale zu bringen.“

Die Betroffenheit ist je nach Gefahrenlage anders. Bei von Menschen verursachten Katastrophen sei sie nachweislich höher als etwa bei Naturkatastrophen. Die PSNV betreut auch Einsatzkräfte. „Die Einsatzkräfte wollen helfen, stehen aber manchmal vor schwierigen ethischen Entscheidungen. Sie können nach jedem Einsatz über ihre Leitstelle Nachsorge bekommen. Das ist wie ein Kleiderschrank. Wenn in seinen Schubladen etwas verändert wird, gewöhnt man sich nach einer Weile um. Das Erlebnis bei einem Vorfall wollen wir ins Langzeitgedächtnis integrieren, damit die Schubladen wieder sanft auf- und zugehen.“

Konstantin wird im Notkrankenhaus intubiert. Es hilft nichts. Er erliegt seinen Verletzungen. Der Helfer, der ihm die Schulter hielt, würde im realen Katastropheneinsatz von Waterstraat oder seinen Kollegen betreut.

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