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Die überreste der Zerstörten Scheune auf dem Retterhof in Kelkheim , eine Woche nach dem Brand.

Rettershof

Das erzählen die Menschen, die die Brandnacht erlebt haben

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Seit gestern können die Menschen wieder in ihre Wohnungen am Rettershof, das Trümmerfeld aber bleibt. Wir haben uns nach dem Brand einmal umgeschaut.

Die Hühner gackern munter. Die helle Glocke im Torhaus schlägt zwölf Mal, im Hintergrund wird am Schlosshotel die Hecke geschnitten. Wanderer und Jogger kommen des Weges. Perfektes Ausflugswetter mit knapp 20 Grad. Eine Idylle hier am Rettershof, wenn da nicht vor gut einer Woche dieser Großbrand gewesen wäre. Er ist immer noch zentrales Thema. Eine Joggerin macht kurz Halt und schaut durch den Bogen. Was sie dort sieht, kommt Hollywood-Blockbuster-Filmen nahe.

Der Brandgeruch ist schon am Parkplatz zu vernehmen, im Hof bietet sich die traurige Kulisse dazu: Der hintere Gebäudetrakt ist ein Trümmerfeld, von den historischen Mauern stehen Reste. Verkohlte Balken und Bretter liegen herum, im Gebäude sammelt sich das patschnasse Heu. Es ist zu sehen, dass die Pferdeboxen gerade erst erneuert wurden, die Stahlrahmen sind fast unversehrt. Mittendrin ist ein geschmolzener Eimer zu erkennen, ein Plastikhandschuh, eine Pferdebürste, eine Flasche Lederreiniger und eine mit Honig liegen zerstreut am Boden.

„Ich bin da schockiert“, sagt Martin Stephan, seit 16 Jahren Mitarbeiter der Rettershof GmbH. Zusammen mit Christian Wesche von der Fischbacher Installationsfirma Ritter schaut er gerade, ob die Wasserleitungen noch intakt sind. Auch Wesche ist beim ersten Besuch auf der Brandstelle entsetzt. Es wünsche „sich jeder Bürger hier in Kelkheim“, dass dieser Teil des Rettershofs so schnell wie möglich wieder aufgebaut wird. Vom „Katastrophen-Tourismus“ will er gar nicht reden, die Leute seien einfach schockiert. „Sie machen sich Gedanken über den Wiederaufbau“, so Stephan.

Auch Frank Mohr schaut immer wieder rein. Er ist auf dem Hof für die Ausbildung und den Beritt der 46 eingestellten Pferde zuständig. Das tut er nun an anderen Höfen in Ruppertshain, Bad Soden und Stierstadt, wo die Tiere untergekommen sind. „Jetzt geht’s langsam wieder. Das war schon ein Schreck“, erzählt Mohr. In der Nacht um 3 Uhr, das Feuer brach gegen 1.30 Uhr aus, stieß er zu den Helfern, die geflüchtete Pferde einsammelten. Auf der Straße zwischen Ruppertshain und Königstein habe er einige eingefangen und direkt dort in einen Hof gebracht. Die Tiere seien am Ende gewesen. Mohr: „Die waren alle ganz brav und froh, dass es vorbei war.“

Eine junge Frau gesellt sich zu den Reportern, die das Trümmerfeld am Seiteneingang betrachten. Sie wohnt in dem Komplex. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, erzählt aber offen und emotional vom Unglück. „Ich konnte nicht einschlafen, an dem Tag wurde meine Oma beerdigt.“ Dann habe sie einen Knall gehört, als wenn Porzellan zerschlagen würde. Das seien die Dachziegel gewesen, die explodierten.

Dann habe sie im Innenhof das Feuer gesehen, die Feuerwehr gerufen und sich gleichzeitig mit ihrem vier Jahre alten Sohn und dem Lebensgefährten gerade noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht – in Schlafanzug und Schlappen. „Ich habe herum geschrieen: ,Aufstehen, es brennt’“ – und sie seien im Hof von einer Hitzewand empfangen worden. Später seien die freigelassenen Pferde nach draußen gerannt. Das sei ein erschreckendes Szenario gewesen: „Das Huftrappeln auf dem Pflaster und das Inferno im Hintergrund.“ Die Bewohnerin, selbst Reiterin, half sofort mit, die Tiere einzufangen. Zum Teil ging’s mit Blaulicht über Feldwege.

Als unsere Zeitung am Rettershof vorbeischaut, ist es der erste Tag, an dem die Sperrung des gesamten Hofes aufgehoben ist und die Menschen zurück in die sieben Wohnungen dürfen. In der Unglücksnacht öffnete das benachbarte Schlosshotel schnell Zimmer, vor allem für die sechs Kinder. Die Stadt hat den Bewohnern nun eine Grundreinigung angeboten.

Sollte jemand aus psychischen Gründen noch nicht zu einer Rückkehr in der Lage sein, werde die Rechnung für eine Pension weiter übernommen, sichert Bürgermeister Albrecht Kündiger zu. Es sei aber nicht zutreffend, dass die Bewohner ihr Hab und Gut verloren haben. Er hat sich mit Helfern und Politikern die Unglücksstelle am Dienstag genau angeschaut. Dort habe keiner einen Zweifel daran gelassen, dass hier ein Wiederaufbau erfolgen muss. Für die Menschen, die noch heute tagtäglich mit dem Brand konfrontiert werden, ist das ein wichtiges Signal. Neuigkeiten zur Brandursache gibt es laut Polizei übrigens nicht. Bezeichnend auch der Spruch an einer erhaltenen Hauswand: „Wenn dies Haus so lange hält, bis Neid und Hass zerfällt, dann steht es bis zum End der Welt“.

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